Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 25 (21.6.1901)
- Article
- Die alte Frau Nussbaum
- Date
- 1901-06-21
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 25 Die & Welt" Seite 13 Die alte Frau Nussbaum. Pitsch, patsch. Der Regen schlug in langen Strichen an die Fenster des Zuges. Es schüttete — wie man sieh in dieser Gegend so richtig auszudrücken pflegt. Am Bahndamm war der feine weisse Kies ganz aufgeweicht. Meine eisenbeschlagenen Bergsteiger sanken tief ein und Messen »Spuren zurück, die sich bald mit Wasser fiUlten. Ich riss eine Coupe-Thür dritter Classe auf und war mit einem Satz im Wagen. Soeben blies der Condueteur in seine kleine Blechtrompete zur Abfahrt, und der Zug setzte sich in Bewegung. In dem dunklen von Tabak und Dunst erfüllten Coupe sassen die Passagiere, wie in sich zusammengekauert. Als ich eintrat, war Stille; kaum hatte ich mich aber in eine Ecke gedrückt und kaum waren wir eine kleine Strecke gefahren, begannen zwei Bauern ein abgehacktes Gespräch weiter fortzusetzen. Mir gegenüber sass eine alte Frau — eine Jüdin. Sie musterte mich seit meiner Ankunft. Dann wandte sie sich wieder einem kleinen Mädchen zu, dem Kinde einer jungen. Bäuerin, das neben ihr stolz sass, und blickte es lange und liebevoll an. „Wie hasst de Klane?" fragte sie die Mutter des Kindes. „Annerl", gab die kurz zurück. Und dann zum Kinde: „Wie alt bist Du, Amierl?" Und dabei fuhr sie ihr mit den welken zitternden Händen zärtlich über den Kopf. Das Kind bog sich hastig zurück, sprang von seinem Sitze herab, klammerte sieh an die Kleidfalten seiner Mutter und blickte die alte Frau mit grossen Augen an. Die Bäuerin lachte laut. „Ich thu Dir doch nix, Kinderl," sagte die Alte snnft, „warum furchst Dich denn vor mir?" Ein Bursche mit glotzenden Augen und breiten feisten Zügen sagte halblaut, die Stimme der Alten nachahmend: „Ich thu Dir doch nix." Die Bäuerin lachte wieder. Still hatte sich die alte Frau zurückgezogen, wie eine Schnecke in ihr Häuschen, nachdem ihre Fühler mit Hartem in Berührung gekommen. Sie sah. vor sich hin. Dann seufzte sie. Schliesslich wandte sie sieh an mich. „Entschuldigen schon — — wohin fahren Sie?" Ich nannte den Namen des Ortes. „Ja, ja," nickte sie. „Nachhause, zu den Eltern?" „Ach nein. Ich mache im Sommer immer kleine Ausflüge, und da ich in der Nähe bin. möchte ich mir dieses kleine Städtchen auch einmal ansehen. „Sie sind aus Wien? Nicht wahr? Hab1 ich mir gleich gedenkt. Die Herren aus Wien machen sehr oft solche Ausflüge. Mei Sohn wohnt auch in Wien. Er is dort Docter." Soo. Es schien mir merkwürdig, dass die Frau so ärmlich gekleidet war. „Arzt oder Adyocat?" fragte ich. Sie war froh, mit mir plaudern zu können. „Advocat is er. Er hat ach e schene Kanzlei und es geht ihm ganz gut. Er hat reich geheirat, 15 000 Gulden hat seine Frau mitbekommen. Meine Schwiegertochter" — sie sagte das mit Stolz — „is aus e sehr feinen Haus aus Troppau. Wissen. Se, wo Troppau is? Waren Se schon dort? Sie is e geborene Neudorf. Ihr Vater hat dort e Fabrik, sehr reiche Leite. Aber meinen Sohn sollten Se erst kennen. Er is e so e guter Mensch. Und fleissig . . . .! Schon als Kind war er der Fleissigste in der Schale. Und da hat mei gottseliger Mann gesagt, er soll studieren — und so hat ina ehm in die Stadt geschickt in den Gymnasium. Er hat dort sehr brav gelernt, so dass mir ehm bald mehr nix haben zu schicken gebraucht. Die Herren Lehrer haben in der Schul, wenn aner von de Schüler die Aufgab nix hat gekennt, gesagt: ,Seht ihr, der Nussbaum, das is ganz a anderer Bub, der lernt gut und is fleissig'. Und wie er in Gymnasium fertig war, is er auf Wien gegangen und hat auf e Doctor studiert. Aber mei Mann hat's nebbich nit mehr dalebt, mein Mann is nebbich vor zwei Jahr gestorben. Gott, wie hätt er sich gefreit, wenn er noch hätt kennen da sein." Die Thränen standen ihr dick in den grauen Augen, dann kollerten sie langsam über die Wangen. Mit der Hand wischte sie sie wTeg. .. In unserem Gespräche trat eine Pause ein. Ich hätte ihr so gerne etwas Tröstliches gesagt, aber ich wnsste nicht, .was ich ihr hätte sagen sollen und w i e ich ihr es hätte sagen sollen. Ihre Augen weilten schon wieder liebkosend auf dem kleinen Mädchen, das an einem grossen Kipfel kaute. Sie lächelte in Thränen. „Sehn Se," sagte sie zu mir. „das Kind erinnert mich ganz an mei kla Enigl. Das is beiläufig auch in dem Alter. A bildschönes Kind! Und gescheit! So gescheit! Sie redt daher wie e Grosser, Ich glaub, in Wien sein de Kinder viel geseheidter wie bei uns am Land.'' „Waren Sie jetzt zu Besuch bei Ihrem Sohn?" fragte ich. Sie stockte mit der Antwort. Dann sagte sie gepresst. „Ja, ja, zu Besuch — ja zu Besuch war ich." Ich merkte, dass ich da eine heikle Stelle berührte, wenn ich auch gerne gewnsst hätte, welche Bewandtnis es mit diesem Besuch habe. „Wissen Se," sagte sie und räusperte und rekle sich, „eigentlich wollt ich droben bleiben, bei ehm, ganz droben bleiben. — Sie verstehn mich doch. Seit mei Mann gestorben is, bin ich so allein, ka Verdiener, und mit meinen Kräften gebt es auch schon nit melir wie sonst. Wie lang dauert es und ich lieg auch draussen am guten Ort in e so e finster Grob. Und — und — da hab ich mer. halt gedenkt^, ich zieh mich erunter zu mei Sohn. Ich hab nämlich noch e Sohn in Pest wohnen, der is auch verheirat. Und da hab ich mich auf die Bahn gesetzt und bin enunter gefahren. So weit war ich all mei Leben nit. Abber ehm geht es nit gut, er is e einfacher Geschäftsmann und heutzutag muss man sich e so viel plagen um den Bissen Brot. Mit mei Schwiegertochter hab ich mich., auch nit recht vertragen kennen. .Manchmal hab ich ehr efschar Unrecht gethan — ich Litt Sie, ma is alt — und alt und jung thun nit gut znsamm. Zwei Jahr war ich bei se, dann hab ich mei Sohn hergenommen, und hab gesagt: ,Adolf — sag ich — ieli fahr nach Wien — sag ich — dort werd ich bei Max bleiben — sag ich. Ich weiss, dass Du alles gethan hast für mich, was De nur hast thun können — sag ich. Aber ich bin Dir e Last — sag ich und ich fahr/ Darauf hat er nix antworten gekonnt; und dann bin ich nach Wien gefahren. Das Umhängtuch hat er mir noch gekauft und hat mich auf de Bahn geführt. Er is e gut Kind, aber was sein das jetzt vor e Zeiten, Gott anziger. Früher . . . .Na ja, da kennen Sie sich noch nix erinnern, da war es noch nit e so schwer, das Leben. Abber heitigentags is alles anderseht geworden, alles — ganz anderscht. Und in Wien, da war ich selber nit geblieben. Das Geräusch, der Lärm und die vielen, vielen Häuser und .... Na, das is nix fer mich. Mei Sohn hat mich gut empfangen, er hat so viel Müh mit mir gehabt. Und dann das Kind — ich hab' es so gern, so gern. Abber denken Se sich nur, wie Kinder sein. Bei Tisch, wie mer haben es Mittagsmahl gegessen, fragt mei Sohn: „Eiserl, hast Du die Grossmutter gern?" Hat se gesagt: „De Grossmutter redt doch jüdisch." — — — Wisen Se, das Kind is e so fein gewohnt. Sie sollten amol sehn, wie es bei se ausseht, wie bei e Grafen. Ich war wirklich nur im Weg — überall. Wie wenn man all »ei Lebetag im Dorf gewesen is. Ich hab mich nit zurechtfinden gekeimt, es war mir dort e so — e so — ich kann des nit sagen, wie mer war. Und vorgestern sein ihre Leit gekommen — wie gesagt, das sind lauter noble»Leit und da, und da hab ich erst recht gesehn, dass ich im Weg bin und dass ich dorthin nicht passen thu. Mein Sohn war auch e so, er hat nit gewusst, was er mit mir anfangen soll. Und mit de Leit — er muss sich doch verhalten. Schliesslich is er doch mit sei Weib verheirat und nix mit mir. Und jetzt fahr ich halt wieder eham. In Wien wer ich e so nix geblieben, das kennen Se mer glauben. Ich hab mich in einemfort vor den Sterben geforchten. Schadai rachmim, hab ich gesagt, lass mich nix da sterben, lass mich nur nix da begraben werden. In mei Khille wird sich schon etwas für mich auch finden, und dort kennt mich jedes Kind, und dort is es doch was anderes, ganz was anderes is es dort." Sie schwieg und lehnte sich erschöpft zurück. Ihre Augen waren roth gerändert und ihre Lippen zitterten vor innerer Erregung. Gedanken sonderbarer Art stürmten auf mich ein, Gefühle wogten mir durch die Brust, so grundverschieden. Es war Zeit, auszusteigen. Ich erhob mich. Draussen-hatte der Hegen nachgelassen, über dem Berge sah man durch einen Wolkenspalt den blauen Himmel. „Adieu, gute Frau," sagte ich und reichte ihr