Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-06-21 · 25 (21.6.1901) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
25 (21.6.1901)
Article
Die Verhandlungen
Date
1901-06-21
Page
3 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315931-3397786--26696-3397892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 25 „Die # Welt** Seite 3 zweifeln nicht, dass das neugewählte galizische Districis- Comite* ihnen rathend und helfend zur Seite stehen und die neue Wendung, die der galizische Zionismus genommen hat, zu einer glücklichen gestalten wird. Ein besonderes Wort des Dankes verdient das österreichisch-zionistische Landes-Comite*, dem in erster Linie die Einberufung der Lemberger Conferenz zuzuschreiben ist Es hat mit der Neugründung der galizischen Organisation sein Thätigkeitsgebiet und seinen Wirkungskieis bedeutend vergrössert und steht jetzt einer Organisation von circa 200 Vereinen vor, Wir glauben, nach den bisherigen Erfahrungen erwarten zu können, dass die österreichische Organisation sich zu einer mustergiltigen ausgestalten wird. * * * Die Verhandlungen. (Orig.-Bericht der „Welt'.) Im grossen Saale des Vereines „Jad Charuzim" versammelten sich 112 Delegierte (20 Delegierte waren am Erscheinen verhindert), die alle Stände und Geistesrichtungen vertraten. Für den westeuropäischen Zionisten war diese Mischung von besonderem Interesse. Wieder einmal konte man die starke einigende Kraft des Zionismus bewundern. Eine giosse Zahl von Gästen wohnte der Conferenz bei. Auf der Gallerie waren viele Damen zu sehen. Auch Mitglieder des Lemberger Cultusvorstandes folgten mit Interesse dem Gange der Verhandlung. Die Sitzung wurde präcise halb 11 Uhr von Herrn A. H. Reich (Wien) im Namen des österreichischen Landes-Comit6s eröffnet. Auf das ernste Programm und die Notwendigkeit der Schaffung einer starken Organisation in Galizien hinweisend, forderte der Redner die Delegierten zu eifriger Arbeit unter Berücksichtigung der vom Olmützer österreichischen Ziönistentage gegebenen Directiven auf. Nach enbloc - Annahme der Olmützer Geschäftsordnung erfolgte hierauf die Constituierung des Bureaus. Ins Präsidium wurden gewählt: Dr. M. Brau de, Dr. K. Jonas (Stanislau) und J. L i p s c h ü t z (Lemberg). Als Secretäre fungierten : Dr. Malz, Schreiber, Löwenh e r z (Lemberg) und Abr. Pomeranz (Tarnopoi). Ais erster Referent ergriff das Wort Herr Dr. Malz zum Punkte: Die Lage der Juden in Galizien. Seine Ausführungen fanden reichen Beifall, und wir geben sie wegen der Fülle des Interessanten, das sie enthalten, beinahe im Wortlaute wieder. Die Lage der Juden in Galizien. Von Dr. D. Malz. Ein durchaus finsteres Bild, das kaum von einigen, matten hellen Strichen durchzogen ist. Bin lawinenartig fortschreitender Niedergang ins wirtschaftliche Elend, culturelle Finsternis und sittliche Verkommenheit. Die mannigfachen* Erscheinungsformen unserer Decadence sind wohl nicht zu übersehen. Welches sind die treibenden Kräfte des Niederganges, wohin führt er — sind die Fragen, die den besorgten jüdischen Patrioten fortwährend beschäftigen. Galizien, ein Land, welches 7 Millionen Einwohner beherbergt, war und blieb ausschliesslich Agriculturland. Die riesig wachsende Bevölkerungszahl, die Freiheit der Theilung des Eigenthums schufen den Galizien eigentkümlichen Typus der Zwergwirtschaft, den Typus des Häusler-Proletariers, des besitz- und arbeitslosen Proletariers. Dieser besorgniserregende Zustand würde durch den allgemeinen Niedergang der Landwirtschaft zur Calamität. Das Land wird vom nie erlöschenden Hungerfieber geschüttelt und diese treibende Macht des Hungers ist so gross, dass der am zähesten an der Scholle klebende bäuerliche Analphabet zum Wanderstabe greifen muss. Die Sterblichkeitsziffern und die riesigen Colonnen der Criminalstatistik sprechen eine schrecklich beredte Sprache, die jeden Freund dieses Landes erzittern macht. Das Schicksal dieses Landes geht uns nahe. Ist es doch das Land unserer Geburt, das Land, welchem wir die Gebeine unserer Väter anvertraut haben. Wenn wir von unserem jüdischen Wehe sprechen und auf dessen Beseitigung sinnen, so verrichten wir eine nicht abzuleugnende patriotische Arbeit diesem Lande gegenüber» In diesem Lande, diesem armen Lande, dessen Bevölkerung zu zwei Drittheilen aus Analphltbeten best eh t> keine Bedürfnisse hat,« dessen Bevölketüng sieh nicht' kleidet und kaum nährtj wohnen über 800 000 Juden. Wie und wovon leben diese Juden? Man nennt die Juden ein kluges Volk. Der Satz mag für die Individuen richtig sein, für die Gesammtheit ist er es gewiss nicht. Wie wir das letzte verspätete Volk smd, das sich an seine Nationalität ein Jahrhundert später wie die übrigen Völker erinnerte, so haben wir auch vergessen, uns der neuen capitalistischen Welt anzupassen und blieben wirtschaftlich im Mittelalter stecken. Wir blieben Klein- und Zwischenhändler, Vermittler, wir blieben die mittelalterliche Zunft, während um uns herum alles sich in die neuen Productions- und Schaffensformen eingliederte. Und nun stehen wir, der neunte Theil der Bevölkerung in diesem armen Lande, ein Händlervolk, unter Menschen, die wenig kaufen, gar nichts zu verkaufen haben. Wir, das Volk der Vermittler, werden naturgemäss vom mächtigen Rade der capitalistischen Wirtschaftsordnung, die keine Vermittler braucht, zunächst zermalmt. Wir stehen rathlos, ein aus den Angeln gehobenes Stück absterbenden Mittelalters. Kein Volk auf Erden könnte für die Dauer einen Zustand ertragen, in dem 11 Percent der Bevölkerung nicht producieren, sondern aus dem Verkehr der Producte leben. Umso weniger Galizien. Neun galizische Bauern, die selber keine Nahrung haben, sollen gewissermassen einen zehnten Menschen ernähren. Das ist ein unhaltbarer Zutand. Und so sehen Sie, meine Herren, dass die eherne Logik der Thatsachen uns dicht vor eine Katastrophe gestellt hat. Diese mechanisch wirkenden socialen Kräfte treiben die galizischen Juden einer Katastrophe entgegen. Diese Entwicklung wird beschleunigt und verschärft durch eine Gesetzgebung und Praxis, die sich social nennt, die aber nichts anderes als der reine Antisemitismus ist. Diese Socialpolitik, die auf Kosten der Juden andere retten will, hat schnelle Wege. Sie hat die Propination den Juden entrissen, dieselbe den Magnaten, die schon einmal für die heilige „Karczma" Millionen eingeheimst haben, als Pächtern übergeben, von denen dieselbe erst Juden unter vielen Erniedrigungen und für theures Geld in Subpacht gegeben wird. Diese Socialpolitik veranlasst den Landes-Ausschuss, seine schwere Hand auf den Kleinsalzverschleiss, ja kürzlich sogar auf die Salzverpackung zu legen und den Juden ihr Brot zu verkümmern. Diese Socialpolitik hat auf sämmtlichen galizischen Bahnstationen den jüdischen Restaurationspächter verdrängt, erschwert die Theünahme der Juden an öffentlichen Lieferungen und Arbeiten und untergräbt den kümmerlichen jüdischen Handel durch Schaffung und Unterdrückung der „Kolka rolnicze". Diese Socialpolitik findet Ausdruck in einer ganzen Reihe von Gesetzen über das Ratenwesen, die Ausverkäufe, den Hausierhandel bis zur jüngsten Novelle der Gewerbeordnung. Diese Gesetze, ihre scharfe Handhabung untergraben vollständig die Stellung der Juden hierzulande. Andererseits entladet der unglückliche Bauer unter stiller Duldung der Behörde seine Verzweiflung in Gewaltthaten gegenüber den Juden, die sich beängstigend häufen, von Chodorow bis Slozeliska. So vereinigen sich geschichtlich gewordene und modern schillernde feindliche Kräfte zum Kampfe gegen die Juden, zum Kampfe, der direet und ohne Phrase ans Leben geht. Und die Juden? Wir sagten, dass die Juden tief im Mittelalter stecken. Nicht nur wirtschaftlich! Die Theilung Polens war auch für die Juden Galiziens ein Verhängnis. Losgerissen von der grossen Masse des jüdischen Volkes, das im übrigen Polen wohnte, abgeschnitten von der organisch sich dort entwickelnden hebräischen Cultur, betäubt und erschrocken durch das oft versengende und vernichtende Licht, das aus dem österreichischen Josephinum herunterstrahlte, verschloss und verkapselte sich das Volk in Galizien in seinen sonderbaren Gebräuchen, in seinen Sitten, in seiner Lebensführung, es entartete. Dieses Volk befindet sich im Stadium des unbedingten geistigen Niederganges. Keine grossen Gedanken durchzittern diese träge Masse, keine Literatur nährt und hebt ihren Geist. Die jüdische Intelligenz Galiziens! Gibt es eine solche? Ja, es gibt einige tausend Leute jüdischer Abkunft in Galizien, die Schulen besucht, sich Fachwissen angeeignet, sogenannte freie Berufe ausüben und sich Intelligenz nennen. Gute Freunde dieser „Intelligenz", ihre Wortführer, nennen sie „tolerant". Ja, tolerant ist diese „Intelligenz" bis zur Gleichgiltigkeit, bis zur Verleugnung, bis zur Feigheit. „Tolerant" ihren Schwächen, ihrer Gleichgiltigkeit, ihrem Streberthum gegenüber und tolerant der Finsternis gegenüber, die unser Volk so dicht umschliesst, der Finsternis, bei der das „Licht" unserer „Intelligenz" umso heller erstrahlt. Ji^Imugänzen Landelkefti 'ernstes"'Erfassen der Judeniiöth, kein ^nste**-' Bessel*ung&v^f^li',:'' alles' geltt in vergeblichem^ Einzelbemühen zugrunde*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.