Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 24 (14.6.1901)
- Article
- H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums
- Date
- 1901-06-14
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Welt« Nr. 24 aber auch die gehört mit zur Empfindung. Der Inhalt sowohl wie die Form sind bei ihm der Ausdruck tiefen Schmerzes darüber, dass der jahrhundertelang währende, bis auf die unmittelbare Gegenwart sich erstreckende Einfluss der Religion des Judenthums auf die Germanen — und Du weisst, in welch umfassendem Sinne Chamberlain*) diesen Begriff gebraucht — den eigenen Quell ursprünglicher, ebenfalls religiöser Anschauungen verstopft und erstickt hat. Deutliches Zeugnis von seinem Schmerz geben die Worte, in die er im Anschluss an jenes Urtheil von der religiösen Bettelarmut der Juden ausbricht: „Und wir — Germanen — die wir auserkoren waren, die tiefste und erhabenste religiöse Weltanschauung als Licht und Leben und athmende Luft unserer gesammten Culturzu entwickeln, wir haben uns mit eigenen Händen die Lebensader unterbunden und hinken als verkrüppelte Judenknechte hinter Jahves Bundeslade hei!" Wirf einen Schleier über dies Bild, mein Freund, und bedenke bloss dieses: hier spricht ein Mann, dem es mit der Anschauung, die er vertritt, bitterer Ernst ist, und überdies ein Mann von starken religiösen Impulsen. So wichtig es darum auch sein mag, bei einer Auseinandersetzung mit C hamber- 1 a i n ihn mit Autoritäten zu bekämpfen, zumal dort, wo er auf solche sich stützt, so wenig darf uns das genügen; vielmehr müssen wir auch die Wurzel blosslegen, aus welcher jenes Urtheil herauswachsen konnte. Jener Hinweis auf die Semitisierung oder — wie es dem Sprachgebrauch unserer Gegner vielleicht besser entsprechen möchte — Verjudung der Germanen, bringt uns einen Punkt nahe, der wohl zu beachten ist: das geschichtliche Moment nämlich in. seiner relativen Bedeutung für die verschiedenen Religioneu und in seiner Beziehung zu 'dein, was man als den unwandelbaren Begriff der Religion bezeichnen dürfte — vorausgesetzt, dass ein solcher Begriff sich genau bestimmen Hesse. Wir müssen doch einmal begreifen, mein Freund, dass einem Chamberlain, wie einem jeden Menschen, der ganz und gar dogmenfrei der Religion gegenübersteht, der Begriff derselben sich nicht decken kann mit ihrem nationalgeschichtlichen Inhalt, dass ihm dieser Inhalt in den meisten Fällenebenso zur Mythologie zu werden pflegt, wie dem Bekenner einer bestimmten Religion der geschichtliche Inhalt sämmtlicher»anderer Religionen. Aber noch als Mythologie übt diese Welt ihren Reiz auf den Menschen aus, und zwar umsomehr, je reicher an Gestaltungen sie ist, je empfanglicher seine Phantasie, und je mehr geistige Fäden ihn mit ihr verknüpfen. Sollen wir uns wundern, dass der Germane, einmal dahin gelangt, die Bibel lediglich als das Buch semitischer Mythologie anzusehen, sie fallen lässt und zu den ursprünglichen Quellen seines Volksthums mit leidenschaftlicher Lust vorzudringen sucht, aus ihnen neues Leben für sein Leben zu schöpfen? Sollten wir uns wundern, wenn einem Chamberlain die Bibel mit ihrer einfachen, einförmigen Erklärung der Welt — eine Erklärung, die ihm ein todter Glaube ist — in ihrer Bedeutung immer mehr sinkt, angesichts jener reichen Mythologie, welche in so herrlicher Form etwa den göttlichen Homer zum Büdner hat, oder angesichts jener schier unerschöpflichen und räthselhaften Welt der Inder, zu der er sich überdies durch Bande inniger Stammesgenossenschaft hingezogen fühlt? Wenn aber Chamberlain' nicht mehr in naiver Betrachtung, nicht vom künstlerischen,' sondern vom philosophischen Standpunkte den Begriff der Religion zu bestimmen sucht, und wrenn es ihm dabei begegnet, dass er gleichsam aus der Philosophie in die Mytho- *) Chamberlain versteht unter Germanen nicht bloss; die Deutschen, sondern auch - nach einer ihm eigenthümlichen Theorie — die Kelten und Slaven. Vergleiche sein 6. Capitel: „Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte." logie und Träumerei zurückfällt, indem er trotz seiner unleugbar hohen religiösen Anschauung den Begriff der Religion auch mit Mythologie reichlich dotieren möchte, dann ist es Zeit und erlaubt, ihm zuzurufen : Halt, das ist Grenzüberschreitung! Dem rein künstlerischen Sinn werden die Schöpfungen der Hellenen unvergleichlich mehr zusagen, als die schlichte und strenge Weise der Bibel; und die im Unbegrenzten schwankenden Gebilde der Veden mit ihrer seltsamen Mischung von religiösem Gefühl und philosophischer Speculation mögen das Gemüth des rassenverwandten Gormanen, feierlicher stimmen, stärker ergreifen, als jene innigen, erhabenen und gewaltigen Worte der Sänger und Seher, die einem Volke angehören, von dem der Germane durch tiefe Grundsätze sich getrennt weiss. Wenn man aber an die Religion des Judenthums den Massstab der Völker- Mythologie anlegt, so vergeht man sich gegen den geschichtlichen Sinn im allgemeinen und gegen den Begriff der Religion, wie er im Hinblick auf die geschichtliche Entwicklung und Wirkung derselben aufgefasst werden muss, im besonderen. Diesen doppelten Fehler lässt sich aber Chamberlain thatsächlich zuschulden kommen. An der Religion des Judenthums wird er nicht müde zu tadeln, dass sie so arm ist an mythologischen Vorstellungen, und übersieht nur dabei, dass die Bibel als der Ausdruck eines unbedingten Glaubens an Einen G o 11 die mythologischen Vorstellungen ältester Zeit nur mehr als Trümmer und in ganz leisen Nachklängen uns aufbewahrt hat. Was wissen wir denn von der vorgeschichtlichen, von der mythischen Zeit der Hebräer? Wie sie gedacht, welche Vorstellungen sie gehabt haben? Ob sie reich oder arm waren? WTenn man aus einer ganz allgemeinen Charakteristik der Semiten, als einer Rasse, die „wenig Phantasie* hat und darum wenige Mythen entwickelt habe, Analogieschlüsse auf den besonderen Stamm der Hebräer anwendet — was wollen denn diese Analogieen besagen? Nehmen wir an, der Inhalt der Bibel wäre nicht fixiert worden, oder er wäre zu irgendeiner Zeit mitsammt dem Volke, das ihn gestaltet hat, untergegangen, so dass sich auch gar keine mündliche Tradition von ihm erhalten hätte — was würde man aus einer Vergleichung mit anderen semitischen Stämmen von diesem Inhalt und vom Volke der Hebräer aussagen können. Und wenn sogar der Ruf der Propheten zu anderen Völkern gedrungen wäre, hätten wir eine Vorstellung von der Macht ihrer Persönlichkeit, von der Gewalt ihrer Worte? Gleicht ein Kalchas einem Jesaia? Oder ein Tiresias einem Jeremia? Und ist der Monotheismus der Hebräer wirklich in eine Paralelle zu stellen mit den monotheistischen Anwandlungen der Aegypter, der Griechen und Inder? W enn C hamberlain den Monotheismus des Judenthums als religiöse Schöpfung für etwas sehr Minderwertiges hält, ihn gleichsam als ein Bettelkind ansieht, in der Wüste geboren, „nicht aus der Idee des Unendlichen, sondern aus der Ideenlosigkeit eines armen, hungrigen, gierigen. Menschen; eines Bewohners der sonnendurchglühten Wüste, der, geblendet vom Uebermass des Lichtes, an Augenkrafc verlor und nur sich selber erblickte", so lass uns doch sehen, mein Freund, was aus diesem Bettelkind geworden, wenn es zum Manne gereift ist. Etwas von diesem Bettlerblute musste wohl noch in unserem ersten Propheten stecken, als er vom ägyptischen Färstenhofe weg in die Wüste flieht. Und nicht wahr, mein Freund, was ist doch Moses für ein armer, hungriger und gieriger Mensch gewesen, dessen Hände nach den Schätzen Aegyptens sich streckten! Und wie ideenlos ist doch die Gottesvorstellung eines Moses! Und nun jenes ganze Bettlergeschlecht, das die Wüste zeugte, jene Prophetengestalten, die in der That unter einem „Uebermass des Lichtes" einhergehen, nur dass sie, anstatt von ihm geblendet zu werden, es in inneres Licht