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Die Welt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Article
Die Reden Zangwills und Dr. Herzls
Date
1901-06-14
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr; 24 „Die # Welt" Seite 3 Hoffnungen für nahe bevorstehend halte. Das hätte ich nicht sagen sollen. Man fiel über mich her, wie über einen Charlatan. Das Urtheil wird aber eine spätere Zeit sprechen, der alle Beweismittel vorliegen werden. Dann wird man sehen, wie wahr ich auch damals gesprochen und was dazwischen gekommen ist. Aber Urtheile, die man in dreissig oder fünfzig Jahren über uns sprechen wird, trösten uns nicht vollkommen über die Miseren des Augenblickes, und die Nachwelt hat den grossen Fehler, dass wir sie nicht gemessen können, selbst wenn sie nicht unangenehm für uns ist. Darum habe ich mir damals fest vorgenommen, nie mehr eine Hoffnung zu erwecken, auch wenn ich die aliertriftigsten Gründe dafür habe. Uebrigens gestehe ich, dass die Gegner der verfrühten Mittheilungen doch auch einigermassen rechthaben. Es ist besser, wenn die armen Leute etwas länger warten, als wenn sie etwas zu früh aufbrechen. In alledem stecken ja grosse Verantwortungen, und je ernster meine Freunde und ich es mit der Sache meinen, umso behutsamer müssen wir sein. Und ich gehe weiter. Wenn ich, durch meine Erfahrungen gewitzigt, noch eine halbe Stunde vor dem ersehnten Abschlüsse nicht sagen würde: „Erreicht% so kann es sich aber auch noch aus Nützlichkeitsgründen ereignen, dass wir sogar eine halbe Stunde nach vollzogenem Abschlüsse nichts publicieren. Sie sehen, meine Herren, ich bin mir über die Gefahren des Zuvielsagens klar geworden, aber es gibt auch eine Gefahr im Zuwenigsagen. Und es ist die, dass man dann glauben kann, es gebe überhaupt gar nichts zu sagen. Besonders bei einer Gelegenheit, wo m*a von jemandem erwartet, dass er den Mund nicht nur zum Essen aufmachen werde, schickt es sich beinahe, etwas zu sagen. Und nicht nur die Anwesenden meine ich, sondern auch die entfernten Stammesgenossen auf dem Continent und in anderen Welttheilen, die den Bericht über unsere heutigen Unterhaltungen in den Blättern lesen werden, in Blättern aller Sprachen — ich glaube, alle stellen dieselbe Frage: „Was gibt es Neues?* Meine letzte Reise nach Constantinopel und der ungemein ehrenvolle und gütige Empfang, durch den ich dort ausgezeichnet wurde, rechtfertigt allerdings diese Frage. Ich will darauf antworten. Es wird Sie nicht übermässig wundern, wenn ich nach jüdischer Art auf die Frage mit einer Frage antworte Wenn aber Sie, die Anwesenden, meine fragende Antwort hören, wenn die Fernen sie lesen, richtet sich vor Ihnen vielleicht die ganze jüdische Frage in ihrem Elend und in ihrer Majestät auf. Meine Frage, meine jüdische Frage, die jüdische Frage lautet: „Seid Ihr bereit, für eine historische Hilfe, die man Euch bringt, Euch erkenntlich zu zeigen? Seid Ihr bereit, demjenigen beizustehen, der Euch beistehen will? Wie gi-oss, wie rasch ist Eure Bereitschaft?* Gerade die Praktischen, die Rechner, die Zähler und Wäger können sich am wenigsten wundern, wenn die Frage so formuliert hervortritt: Do, ut des! Hand wird nur von Hand gewaschen — wenn Du nehmen willst, so gib! Ich spreche, wie Sie bemerken, von Geld, obwohl ich nie ein Geschäftsmann war und nie einer sein werde. Ich spreche von Geld, und da ist es vielleicht meine einzige Entschuldigung, dass ich von viel Geld spreche. Denn mit ein paar Groschen wird sich die Sache nicht machen lassen. Hier scheint nun eine Schwierigkeit zu liegen, denn wir haben gegen uns die satte Ironie der Leute, die in der Welt nichts anderes kennen, als Zinsen und Zinseszinsen. Dabei erinnere ich mich der witzigen Bemerkung eines Banquiers,;der mir einmal sagte: „Wenn Sie Geschäftsleuten ein Geschäft vorschlagen, das einen moralischen oder ideellen Beigeschmack hat, so werden Sie immer dem grössten Misstrauen begegnen!" Vielleicht hat er recht. Vielleicht ist das Moralische eine schlechte Empfehlung bei Leuten, die es nicht kennen. Aber wenn das Geld nicht bei den Oberen zu findeu sein sollte, die Unteren werden es hergeben. Und darum spreche ich es hier über diesen gastlichen Tisch zum Fenster hinaus. Wir brauchen in der nächsten Zeit ungefähr zwei Millionen Pfund. Wie Sie sich erinnern, war dies der Betrag, den meine Freunde und ich bei der Schaffung des finanziellen Instrumentes unserer Bewegung, des „Jewish Colonial Trust" in London, verlangten. Das Resultat hat damals den Erwartungen nicht entsprochen, obwohl genug Geld eingieng, um die Eröffnung des „Jewish Colonial Trust" zu ermöglichen. Wenn das jüdische Volk meinen heutigen Aufruf hört und zu dem, was der „Jewish Colonial Trust" bereits in seinen Cassen hat, nur noch anderthalb Millionen Pfund hergibt, so werden wir weitergehen können. Die Sache bringt es mit sich, dass ich vom Gelde sprechen muss, und zwar als von der augenblicklich wichtigsten Sache. Aber in diesem Kreise von Philosophen und Künstlern, Dichtern und Gelehrten, wird es mir gestattet sein, auch mit einem Worte nach den heimlichen und tiefsten Gründen der neuen jüdischen Bewegung hinzuweisen. Auch um das Eisen aus dem Schosse der Erde zu holen, ist Gold erfordert worden. Schien es nicht, als wäre das ein theoretischer Tausch? Eisen, etwas Wertloses, gewiss kein edles Metall! Aber der Mensch hat seine Arbeit und Gedanken dazu gegeben, und siehe, das schlechte Eisen verwandelt seine Gestalt: es wird Schiene und schlingt sich als Band von Land zu Land, es wird Werkzeug und Maschine, Säule und Traverse, es schwingt sich als Brücke über den Strom und gleitet trotz seiner Schwere als Schiff über das duftende Meer nach neuen und alten Gestaden. Es handelt sich in unseren Tagen nicht mehr darum, kriegerische Makkabäer auf die Beine zu bringen — nein, Makkabäer der Arbeit, der geistigen und körperlichen Arbeit* Und darum wage ich zu glauben, dass auch diejenigen unter Ihnen, meine Herren, die ursprünglich nicht mit uns waren, sich uns noch anschliessen werden. Denn das Ziel, nach dem wir streben, ist die Erfüllung der höchsten Bestimmungen unseres Volkes. * Der Herausgeber des „Daily Mail" bei Dr. Herz!. Der Herausgeber des „Daily Mail" hat die Anwesenheit Dr. H e r z 1 s in L o n d o n benützt, um ihn über die Persönlichkeit des Sultans und die Aussichten des Zionismus zu befragen. „Daily Mail" berichtet darüber in seiner Nummer vom 12. d. M. unter dem Titel: »Der Sultan, ein Pionnier des Fortschrittes" wie folgt: „Der Führer der zionistischen Bewegung, Doctor H e r z 1, ist gestern abends nach einem kurzen Aufenthalte in Paris in London angekommen. Der Herausgeber des „Daily Mail" hat ihn in seinem Hotel aufgesucht und ihn zunächst über den Empfang beim Sultan befragt. Dr. Herzl sagte: „Ich bin von meiner ^Aufnahme durch den Sultan mehr als befriedigt", — „mehr als befriedigt", wiederholte er mit Nachdruck. „Der Sultan sprach zu mir mit der grössten Herzlichkeit. Ich hatte Gelegenheit, in ihm einen Mann von freundlichem und bezauberndem Wesen kennen zu lernen (a courteous, charming gentleman) — so dass man beinahe manchmal vergessen könnte, dass man einen mächtigen Herrscher vtfr sich hat. Er hat sich,

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