Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-06-14 · 24 (14.6.1901) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
24 (14.6.1901)
Article
Die Reden Zangwills und Dr. Herzls
Date
1901-06-14
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315930-3397636--26590-3397725
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 „Die 2$ Welt" Nr. 24 Genie, aber nicht die Millionen» Doch die Millionen werden kommen. Wenn nur alles Uebrige so leicht zu vollführen wäre. Denn Dr. Herzl hat sich eine Aufgabe gestellt, deren Schwierigkeiten einzig dastehen in der Geschichte. M a zzi n i hat Italien wieder geeinigt, doch die Italiener befanden sich auf heimatlicher Scholle. Eine nationale Wiedergeburt auf dem Wege der Bmigration ist ein ganz neuartiges Problem. Doch hat die Auswanderung immer einen Theil des jüdischen Ideals im Golus gebildet. „Nächstes Jahr in Jerusalem!" Vor nahezu 250 Jahren verkauften nüchterne europäische Juden im Glauben an die messianische Sendung Sabbatai Zewis ihr Geschäft und schnürten ihr Ranzel, um nach Jerusalem zu pilgern. Wie ganz anders ist es heute. Dr. Herzl schmückt sich nicht mit der Pose des Propheten, er fordert Euch auf, nicht länger die Hand der Vorsehung durch Faulheit und Furchtsamkeit zu lähmen. Nicht Manna, sondern Mannesmuth ist das Motto Dr. Herzls. Nicht Träumerei, sondern Arbeit. Kein reicher Jude möge fürchten, dass man ihn nach Jerusalem schleppen wird. Ein trauriges Schauspiel bietet die Judenheit, seitdem sie sich im Freiheitslicht sonnt. Würde und fester Vorsatz scheinen dem jüdischen Leben ganz abhanden gekommen zu sein. Die praktischen Leute haben die Oberhand gewonnen, und wehe dem Volke, das sich von ihnen am Zügel führen lässt. Dr. Herzl sucht für sein Volk ein schöneres Los. Dr. Herzls Idee gilt nicht nur den armen Juden mit ihrem Mangel am Allernöthigsten, sondern auch den Reichen mit ihrem Mangel an Idealen; ja noch mehr, der ganzen grossen Welt, die sie aus der Barbarei, in die sie zurückgesunken ist, wieder emporzuziehen sucht in die lichten Höhen des Idealismus. Nie, seitdem Rom an seiner inneren Fäulnis zugrunde gieng, benöthigte die Welt so dringend das erhebende Schauspiel einer Bewegung, welche, frei von Corrupt ion, den Idealen e d e Ist erMe n s chlich ei t zustrebt. Doctor Herzls Schicksal möge sein wie immer, er hat seinen Namen mit unauslöschlichen Lettern in die jüdische Geschichte eingegraben. An seinen Namen knüpft sich der Ruhm, in einer Zeit, wo das jüdische Volk, geknechtet und gedrückt von den anderen, in Skepticismus und Selbstverachtung zu versinken droht, den Ruf nach Muth und Selbstvertrauen erhoben zu haben. * Rede Dr. Herzls. Wenn es wahr ist, dass Gott dem Menschen die Sprache gegeben hat, um seine Gedanken zu verbergen, so gilt dies für mich insbesondere von meiner englischen Sprache. Die Natur hat mir alles versagt, was dazu gehört, eine englische Rede öffentlich zu halten, namentlich den Accent. Und ich gehöre nicht zu den glücklichen Leuten, die nicht wissen, wie schlecht ihre Aussprache ist. Ich weiss es leider. Nun möchte ich aber meine Gedanken durchaus nicht verbergen, wenn ich zu Ihnen spreche, obwohl es auch Umstände gibt, wo man im Interesse der Sache nicht alles sagen kann. Es gibt ein Mass in den Dingen, und das muss ich heute und an diesem Orte umso eher einhalten, als es ein neutraler Ort ist. Hier befinden sich Genossen und Gegner meiner Ansichten, und ich fühle die erste Pflicht, niemanden zu moquieren, der sich mit mir freundlich an einen Tisch gesetzt hat. Ich habe ja Ihre Einladung darum mit besonders innigem Danke angenommen, weil ich weiss, dass ich im Makkabäer-Club Gegner habe und dass diese Gegnerschaft bei den Ideen stehen bleibt und sich nicht auf die Person erstreckt. Als sie mich vor fünf Jahren durch die Ernennung zum Ehrenmitgliede auszeichneten, hatte ich noch manches nicht gethan, womit Sie dann nicht einverstanden gewesen sein mögen. Ich mächte nun nicht die Indiscretion begehen, in Ihrer heutigen Einladung eine nachträgliche Gutheissung aller meiner Reden und Handlungen zu erblicken, aher vielleicht gehe ich nicht zu weit, wenn ich annehme, dass Sie mich noch immer für wert halten, Ihr Ehrenmitglied zu sein. Es gibt nichts, worauf ich stolzer sein könnte, wenn ich den Charakter und Zweck Ihres Clubs betrachte: „Das moralische und intellectuelle Niveau der Juden zu heben/ Ich habe in den letzten Jahren oft den Schmerz gehabt, von Juden angegriffen zu werden, offenbar nur darum, weil ich mich um jüdische Angelegenheiten kümmerte. Hätte ich mich mit chinesischen Angelegenheiten befasst, so würden mich die Chinesen angegriffen haben. Allerdings bin ich zu jüdischen Sachen etwas besser legitimiert. Aber darnach wird bekanntlich nicht gefragt. Wenn ich nun also auch die Angriffe begreife, so habe ich doch Ursache, mich über Ihre Heftigkeit und Ungerechtigkeit zu wundern, und ich habe das Bedürfnis, mich darüber bei meinesgleichen zu beschweren. Damit schliesse ich aber auch schon diese Bemerkungen, denn ich will den Frieden unseres Banketts nicht einmal durch die Erinnerung an den Hader der letzten Jahre trüben. Im Gegentheile, es ist mein ehrlicher Wunsch, dass die Streitaxt zwischen Jud^n und Juden jetzt und für immer begraben werde. Um dies sagen zu können, war mir die Gelegenheit, im Makkabäer-Club zu sprechen, besonders willkommen. Die Bewegung, der ich meine bescheidenen Kräfte widme, ist nicht nur darauf angewiesen, die Sympathien aller jüdischen Vereine zu gewinnen, sie ist auch dazu geeignet, wie keine andere. In der nichtjüdischen Welt hat es vielfach Erstaunen hervorgerufen, dass wir unter den Juden überhaupt Gegner finden konnten, so sehr erschien das, was wir zur Lösung der Judenfrage vorschlugen, natürlich und selbstverständlich. Ich will nun gerne zugeben, dass wir in der Präsentation unserer Sache manchen schweren Fehler begangen haben, dass wir zu undeutlich im Reden, zu ungeschickt im Handeln waren, dass wir die Verdienste derjenigen, die vor uns oder gleichzeitig mit uns für die Interessen des Judenthums thätig waren, nicht dankbar genug anerkannten. Alle diese Missverständnisse und Differenzen müssen aber selbstverständlich in einem Augenblicke zur Ruhe kommen, wo wir möglicherweise vor einer Wendung im Schicksale des jüdischen Volkes stehen. Meine verehrten Freunde und Gegner! Sie werden ohneweiters verstehen, wie schwer es für mich ist, gerade über den Punkt zu reden, dessen Erörterung Sie jetzt von mir erwarten. Es ist eine Gefahr vorhanden, wenn ich zu viel sage, und eine Gefahr auch, wenn ich zu wenig sage. Ich habe manch ungünstige Erfahrung mit den Auslegungen meiner Worte gemacht. Mein Gewissen ist ganz frei davon, dass ich trügerische Hoffnungen bei den Massen unserer Anhänger erweckt hätte, und doch ist mir auch dies vorgeworfen worden, Ich habe niemals Wunder versprochen, sondern nur die Selbsthilfe als den Weg der Erlösung bezeichnet. Ich sagte: „Rechnet nicht auf fremde Hilfe, rechnet auch nicht auf die Wohlthäter oder auf das Weichwerden der Steine, denn die Wohlthäter geben höchstens demüthigende Almosen, und die Steine werden nicht weich. Auf sich selbst muss ein Volk, das sich erheben will, seine ganze Rechnung stellen." Auf diese Art haben wir bekanntlich unseren mühseligen Weg begonnen. Es gab schlechte und gute Momente — Augenblicke, in denen man verzweifelt, und Augenblicke, in denen man wiederhofft. In einem solchen guten Moment, im Herbst 1898 war es, dass ich hier in London meinen Brüdern im Eastend sagte, dass ich die Verwirklichung unserer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.