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Die Welt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Article
H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums
Date
1901-05-31
Page
9 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 „Die & Welt40 Seite 9 greift, mit Fug und Eecht es zu thun wähnt; überall dort, wo er das Judenthum verurtheilt, er ein wohl begründet Urtheil zu sprechen glaubt. Ein solcher Gegner, ein Gegner, der mit Ueberzeugungen, mit Gründen kommt, sei uns willkommen; es ist die einzige Gegnerschaft, mit der wir es, denke ich, noch aufnehmen können, die einzige, die unseren Gegnern sowohl wie uns Ehre macht. Die Waffen geistiger Kämpfe schwingt man ja auch in Zeiten tiefsten Friedens; mögen sie denn noch so scharf geschliffen sein — so lange sie nur nicht vergiftet sind, sind es erlaubte Waffen. Wohl ist es ein schöner Traum, alle die Gegensätze, die'Menschen voneinander trennen, in ruhigem Gedankenaustausche schlichten zu wollen; die Begriffe selbst — und was sind Begriffe? — Worte, Abstractionen hindern und hemmen und stemmen sich dagegen. Begriffe, wie Volk, Rasse, zwingen die Wissenschaft selber zur stufenweisen Präcisierung von Merkmalen, Unterschieden, Gegensätzen und sie helfen, ohne zu wollen, die Flamme des Völkerhasses schüren. „Durch die ganze Völkerbeurtheilung", sagt ein so besonnener Forscher wie Friedrich Ratzel, „geht die unzweifelhafte Grundthatsache des Gefühles individueller Ueberhebung, dass man lieber ungünstig als günstig über seine Nebenmenschen denkt" — ein Ausspruch, dem weder wir noch unsere Gegner den Muth haben möchten, zu widersprechen. „Aber", fügt derselbe Forscher hinzu, „wir wollen wenigstens streben, gerecht zu sein". — Ja, das wollen wir; und wir glauben es vor allem auch dadurch zu erreichen, dass wir den Begriffen, die wir von alter sher überkommen haben oder nun neu prägen, klare Vorstellungen zum Grunde legen; dass wir prüfen, inwieferne ihnen thatsächliche, aufrichtige Empfindungen entsprechen. Mit diesem Vorsatze will ich an die Behauptungen Chamberlains herantreten, und insbesondere an seine Urtheile über das Judenthum. In einer Reihe von Briefen werde ich seine Kritik einer Kritik unterziehen; nicht methodisch und systematisch, sondern lediglich dem inneren Antriebe folgend, werde ich bald das eine, bald das andere aus dem Ganzen hervorheben, den Faden beliebig spinnen, bald kürzer, bald länger. Aber ich fühle es, dass es trotzdem kein Durcheinander zufälliger Auswahl sein wird. Eher noch möchte es mir begegnen, dass ich manches übergehen werde, um mit desto grösserer Sammlung, um desto länger bei dem uns zumeist berührenden Stücke zu verweilen. Worin dieses besteht, erräthst Du wohl. Unter allen Fragen, die Chamberiain behandelt, ist keine geeignet, uns so mitten ins Herz zu treffen, als die religiöse Frage, wie er sie aufrollt. Auf das vom Judenthum überkommene Erbe der Religion blickten die Völker des Abendlandes als auf die Krone ihres geistigen Lebens. Und uns auch ist sie eine Krone; eine Krone, die wir nur vielleicht für vorübergehende Zeiten nicht das Recht haben, uns aufs Haupt zu setzen — weil wir die Kraft, sie zu tragen, weil wir die anderen Königszeichen verloren haben. Mit umso schmerzlicherem Stolze sehen wir auf dieses unser Erbe. Selbst die grimmigsten Feinde des Judenthums haben es nicht gewagt, dieses Erbe anzuzweifeln: d i e Religion, sie stammt vom Judenthum. Nun erscheint ein Gegner und will uns Rechtens berauben, uns das Erbe nehmen. Da wollen wir doch sehen, ob wir uns dessen nicht erwehren. JSeitecrjpiftet)* und Jiücbei3* Rundschau Das Mai-Heft der „North American Review" bringt eine Abhandlung unseres Gesinnungsgenossen Rev. Doctor M. Gaster über: „Juden und Judenthum, im neunzehnten Jahrhunde r t". Nach einer kurzen Zusammenfassung der Strömungen innerhalb der Judenheit des neunzehnten Jahrhunderts, und nachdem noch die Psychologie der Juden-Emancipation ausführliche Würdigung erfährt, kommt Dr. Gaster auf die Ursachen zu spi'echen, die die Emancipation, von der sich ihre Vorkämpfer so ungemein viel versprochen hatten, in den meisten europäischen Ländern zur Farce werden Hessen. Der grosse Fehler, den die Juden begiengen, lag darin, dass sie aus der Vergangenheit nichts gelernt hatten, und dass sie eine zufällig auf der Oberfläche treibende Strömung als ein Erwachen des Gerechtigkeitsgefühles der europäischen Völker betrachteten. Dieser Trugschluss hat sie dazu verleitel, in ungestümer Weise mit der Vergangenheit zu brechen, und all ihr Streben war von nun an dahin concentriert, die Völker, in deren Mitte sie lebten, an „Patriotismus" womöglich noch zu überbieten. Sie erweckten aber durch ihren unnatürlichen Chauvinismus nur Verdacht. Dr. Gast er kommt dann ausführlich auf den Zionismus zu sprechen, der einzig und allein imstande sei, eines der schwierigsten, modernen socialen Probleme zu lösen, und die europäischen Völker von einem Elemente zu befreien, das von ihnen noch immer als Fremdkörper empfunden wird. Dass der grössere Theil der wohlhabenden Juden sich von dieser Bewegung abseits hält, weiL er nicht unterscheiden kann zwischen Staatsbürgerthum und den historischen Pflichten, die einem die Zugehörigkeit zu einer alten Nation auferlegt, könne nicht in Betracht kommen. Die breiten Massen der Judenheit, bei denen das nationale Gefühl nie erstorben war, sind Feuer und Flamme für die Bewegung. „Darum muss der Zionismus als das Zeichen angesehen werden, in dem das Judenthum ins neue Jahrhundert tritt."1 Ne wark, N. J. J u 1. Z. Dr. S. W. Guttmann: Bikkurim I. — Exhorten, gehalten für die jüdische Schuljugend (polnisch). Lemberg, 1901. Der Verfasser führt sich durch diese „Erstlinge" seines homi'etischen Talentes als eine ausgezeichnete Kraft auf dem Gebiete der homiletischen Exegese ein. Jede einzelne Exhorte entwickelt auf Grund des betreffenden Wochenabschnittes irgendeine religiös-moralische oder religiös-nationale Idee, jedoch in einer so schönen und einfachen, den Geist des Kindes wie auch das kindliche Gemüth so ansprechenden Form, dass man diese Sammlung neben den „Sansinim" von Schmiedel als ein Muster jugendgottesdienstlicher Vorträge hinstellen kann. Die überaus sinnvolle Auslegung biblischer Ereignisse sowohl wie auch die pädagogische Geschicklichkeit, die stets den kindlichen Ton trifft, nirgends die Begriffsfähigkeit des Kindes übersteigt, es vielmehr überall zu fesseln versteht, machen das Buch zu einem der besten unter den sogenannten j.Jugendexhorten-Sammlungen". — Im Interesse der jüdischen Schuljugend, 'und nicht minder der Lehrer, würde es sich sehr verlohnen, diese kleine Sammlung ins Deutsche zu übersetzen. S c h a 1 o m. Dr. Ludwig Philippson: Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt? % Auflage. Mit einem Vorworte von Professor Dr. M. P h i 1 i p p s o n. Leipzig. M. W. Kaufmann. . Eine Kanne Milch der guten Denkungsart steht den Völkern mit dieser Broschüre zugebote: nur dass leider der Durstigen so wenige sind. Was nützt es, wenn Juden noch so überzeugend predigen können, wenn ihre Reden von wilden Rufen übertönt werden : Jud, Jud! Triumphierend berichtet das Vorwort von x Auflagen und Ueberselzungen. Wir glauben gerne, dass die Juden der ganzen Welt sich eine logische Bestätigung ihrer eigenen Meinung gekauft haben. Dr. Philippson hat im unerschütterlichen Glauben an den Willen der nichtjüdischen Menschheit, das Recht anzuerkennen, sich bemüht, diesem Willen wirklich geistreich und mit zwingenden Deductionen nachzuhelfen. Aber glaubt nicht der Verfasser selbst, dass ein geistreicher, gegnerischer Theologe mit einigen Färbungen und ihm glaubwürdigen Autoren und Argumenten ein weit grösseres und willigeres Auditorium finden wird? Kann doch der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Gewiss anerkennen wir, dass der stete Tropfen den Stein höhlt. Aber das ist eine langweilige Sache, das Hohlen, und wir Juden haben verdammt wenig Zeit, um zuzuschauen, bis dieser unerhört harte Stein sein Loch hat, in das wir dann Logik und Rechfcsgefühl hineinschütten können. Unsere jüdischen Gelehrten verträumen zu viel Zeit in ihrer Studierstube; wenn das Leben sie gepackt haben wird, werden sie hoffentlich aufhören, der Vergangenheit zu leben. Wir brauchen ihren Geist für unsere Zukunft. M. S. Von der neuen hebräischen Jugendzeitschrift „Olam Katan", die von der bekannten Warschauer Verlagsgesell-

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