Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 22 (31.5.1901)
- Article
- H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums
- Date
- 1901-05-31
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die £ Welt64 Nr. 22 „formelle Disciplin", wie Du es nennst, arg Dich vergangen hast. Dein leidenschaftlicher Brief ist ein wertvolles Document einer aus ihrer gewohnten Ruhe aufgestörten Gelehrtenseele. Doch — ich wundere mich nicht. Unter den Büchern, die um die Wende des Jahrhunderts erschienen sind, ist das Buch von Chamberlain unstreitig eines der geistvollsten, aber zugleich eines der aufregendsten. Probleme unserer Zeit werden hier in ihrem wesentlichen Gehalt, in ihrer, ich möchte sagen, tragischen Verflechtung, mit so viel innerer Antheilnahme behandelt, sie sind mit solch plastischer Kraft dargestellt, dass man versucht wäre, dieses Werk in eine besonder Kategorie einer dramatischen Kunstprosa einzureihen. Und wie nahe Chamberlain dem Künstler steht, das bekennt er ja in allem Anfang. Nun aber die Probleme. Zwar in der Formulierung derselben — wenn wir das für uns Wichtigste vorerst noch ausnehmen — ist nicht viel Neues enthalten. Auf diese Dinge, wenn wir selber sie vorbringen, dürften wir uns heutzutage kaum etwas zugute halten, so selbstverständlich sind sie uns geworden; aber in der Behandlung anderer müssen wir sie umsomehr beachten, je grösser wir uns die Schar geistiger Kämpfer wünschen — und sollten es auch unsere geistigen Gegner sein. Die Ideen in ihrem unverwüstlichen Kern sind wie die Werke der ewigen Natur, auch „herrlich wie am ersten Tag". Ob die von der Historie nun bald heilig gesprochene Trias von Culturmächten : Hellenenthum, Römerthum, Judenthum, ob Cultur überhaupt eine geläufige, aber armselige Formel oder eine wirkliche Macht in unserem Leben bedeuten soll, das hängt von uns selber ab : von den beschränkten oder erweiterten Bedürfnissen unseres Gern üthes, von unseren angeborenen und entwickelten Anlagen, von dem sittlichen Ernste endlich, mit dem wir die Welt, und die Menschenwelt vor allem, erfassen. Naturen, welchen diese Attribute in positivem Sinne eignen, wird die Vergangenheit stets von ungemeinem Werte sein; einmal als regulatives Princip für die Vielheit der historischen Erscheinungen, sodann aber als unerschöpfliches Material zur Gestaltung und Neugestaltung der Gegenwart. Von jenem Unermesslichen, das in einem Zeiträume von Jahrtausenden als menschliche Geschichte sich geäussert hat, ist ohne Zweifel ein grosser Theil vorübergegangen, ohne dass er uns je bewüsst geworden: dennoch vermeinen wir den allgemeinen Gang der menschlichen Begebenheiten in deutlich erkennbaren Umrissen verfolgen zu können, und bereden uns wohl, in dem, was wir festhalten, ein wirkliches Bild, ein Totalbild der Weltgeschichte zu besitzen. Und warum auch sollten wir uns in dieser Ueberredung nicht gerne gefallen? Das stärkste Motiv der historischen Betrachtungsweise ist ja doch — neben dem reinen Forschungstriebe — in dem Streben zu erblicken, die lebendige Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen immer wieder zu knüpfen, die edlen Formen der Vergangenheit auch in die Gegenwart einzuführen. Wenn wir bei der Betrachtung der Völker des Alterthums unseren Blick vornehmlich auf jene Schöpfungen richten, in denen sich die bleibende Bedeutung, das historisch Unvergängliche ausdrückt, so geschieht es nicht zum wenigsten deshalb, weil uns hier ein Lebensideal entgegenleuchtet, das wir auch für die Völker der Gegenwart verwirklicht sehen möchten. Die mannigfaltigen Kräfte, die unter uns wirksam sind, bringen ja sicherlich mancherlei Neues hervor; wenn es sich aber darum handelt, das Leben als Ganzes zu gestalten, so können und wollen wir nicht von der Vergangenheit absehen, da es bei dem einen und anderen Volke so herrlich, so machtvoll ist gestaltet worden. Der historische Rückblick soll stärkend," soll ermuthigend wirken für die Wege, die wir jetzt und in Zukunft wandeln wollen. Nun aber entsteht die Frage: Wirkt er auch ausschliesslich in der Weise? Wirft die Vergangenheit nicht auch ihre tiefen Schatten bis auf unsere Tage? Würde nicht manches von dem, was werden soll, besser und erfolgreicher vonstatten gehen, wenn nicht die Last des Alters, ich meine die Last alter Anschauungen, darauf drückte? Hier ist der Punkt, wo das Blatt der Geschichte zum Nachtheile der menschlichen Lebens sich zu wenden scheint. Jedenfalls erwächst die Notwendigkeit der Aufstellung eines obersten Principes, nach dem sich bestimmen Hesse, inwieferne das Vergangene fördernd, inwieferne es hemmend auf den Gang alles Menschlichen einwirke. Aus der völkergeschichtlichen Betrachtungsart ergibt sich ein solches Princip von selber, wenn es auch nicht bestimmt formulieit ist; denn auf dem Grunde einer jeden Darstellung ruht eine letzte Ueberzeugung vom Werte oder Unwerte des Geschichtlichen. Welche Bedeutung Chamberlain — um auf unseren besonderen Fall zu kommen — der Historie zuerkennt, das geht wohl aus der einfachen Thatsache hervo-, dass dieses grosse Werk nichts mehr als die Grundlage abgeben will zu dem eigentlich geplanten: „Das neunzehnte Jahrhundert". Und welch künstlerischen Enthusiasmus geschichtliche Grösse in ihm zu erregen vermag, das bekunden jene zwei Abschnitte über: „Hellenische Kunst und Philosophie" und über „Römisches Eecht" — Abschnitte, in welchen der geistige Charakter und die Eigenart der Hellenen und Römer in glänzender Weise hervortreten. Die schöpferische Thätigkeit, namentlich der Griechen, verdient diesen dauernd hohen Schwung des Ausdruckes. Aber trotz der Verherrlichung dieser Völker sägt Chamberlain von ihrer Geschichte, dass auch sie „lebenshemmend wirkte, indem sie die freie Aussicht in das rein menschliche Gebiet nach vielen Richtungen hin mit einem mannshohen Zaun umgeben hat". Auffallen muss es nur, und zwar hier sowohl wie überall dort, wo Chamberlain die negativen Seiten der Menschen und Völker berührt, wie heftig, wie schroff seinUrtheil wird, ein Zug, der in der vornehmen Geistesart Chamberlains bedenklich absticht und ins Masslose sich steigert, wenn Chamberlain zur Betrachtung unseres Volkes sich wendet. Nun wäre ich angelangt, wo Du mich haben wolltest. Du wünschest, dass ich Dir ausschliesslich darüber schreibe, was ich von Chamberlains Beurtheilung des Judenthums halte — vergib, dass ich Dir nicht ganz, nicht gleich entsprochen habe. Mir war es ein Bedürfnis, in einigen allgemeinen Bemerkungen wenigstens jenen Ton anzudeuten, wie er die besten Seiten dieses Buches durchzieht. Hätte ich ihn ja am liebsten festhalten mögen als einen Nachhall jener Zeit, wo ich selbst unter der unmittelbaren Wirkung seiner Worte stand und der entsprechendsten Form nachdachte einer würdigen Entgegnung. Meine Gedanken darüber — ein anderesmal. Dass aber ein Chamberlain mit „Besprechungen" nicht abgethan ist, die ihn schlechtweg als einen Antisemiten bezeichnen — wogegen er sich übrigens selbst auch wehrt — das steht mir fest. Ich glaube, es ist endlich an der Zeit, dass wir unterscheiden lernen zwischen einem theoretischen Gegner des Judenthums und dessen praktischen Feinden. Einen Treitschke, einen Victor Hehn, einen Paul de La gar de sollten wir doch nicht in das gleiche Schlagwort pressen, das der Ausdruck gemein brutaler Instincte ist — wiewohl, leider Gottes, es mitunter beim besten Willen schwer fällt, auch dem Psychologen schwer fällt, die Grenze zu bestimmen, wo die Theorie aufhört und die Gefühlsroheit beginnt. In Chamberlain aber ist dem Judenthum ein Gegner erstanden, zu dem jene Männer wie blosse Vorläufer sich verhalten; was bei ihnen Ansatz, gelegentlicher Ausfall, Episode war, das wird hier zur bewussten Methode, zu einem System erhoben. Aber gerade darin liegt vielleicht auch das Tröstliche, dass Chamberlain überall dort, wo er unser Volk a.n«*