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Die Welt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Article
Die wirtschaftliche Lage der Juden in Elsass-Lothringen
Date
1901-05-31
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 „Die 25s Welt*' Seite 7 Als Technikern geht es ihnen wie den Angestellten; sie finden gewöhnlich nur in jüdischen Etablissements Beschäftigung; so sind im Oberelsass, dem Hauptsitze der elsass-lothringischen Industrie, nur sechs jüdische Techniker in christlichen Fabriken beschäftigt. Als Arbeiter ist ihre Lage ebenfalls nicht beneidens wert — entweder antisemitische Chefs oder antisemitische Arbeitsgenossen, Nur an einen productiven Beruf haben sich die elsässischen Juden bis jetzt noch nicht gewagt, das ist der landwirtschaftliche. Es gibt wohl eine Anzahl jüdischer Gutsbesitzer, es gibt auch verschiedene Juden, die ihr -eigenes Kartoffelfeld oder ihren eigenen Gemüsegarten bebauen, aber keiner hat den Versuch gemacht, als Bauer von der Landwirtschaft zu leben, und zwar mit gutem Grunde. Von anderen Rücksichten abgesehen, hält sie die wohlbegründete Furcht von der Landwirtschaft zurück, dem Antisemitismus neue Nahrung zu geben. Die Ausübung des landwirtschaftlichen Berufes wäre im Elsass nur möglich nach Expropriierung christlicher Bauern. Der christliche Bauernstand würde das nie dulden. Die Juden sind sich wohl bewusst, dass sie Stürme heraufbeschwören würden, die sie nicht beschwichtigen könnten. Es bleibt ihnen noch die Beamtencarriere und die freien Berufe. Doch sind die letzteren mit Juden überfüllt, und in den ersteren sind ihre Aussichten sehr gering. Die wirtschaftlichen Pharisäer, die die Nothläge der elsässischen Juden kennen, trösten sie damit, dass dieselbe nur eine Theilerscheinung der allgemeinen Noth der Mittelclassen sei, und dass mit der voraussichtlichen Besserung der allgemeinen Verhältnisse auch ihre Lage sich bessern werde. In der That leiden die elsässischen Juden wirtschaftlich als Angehörige eines besonderen Standes; als solche sehen sie dem Ruin entgegen; doch ihre Angehörigkeit zu einem besonderen Stamme vertieft und besiegelt ihren Sturz. Der christliche Theil des Mittelstandes greift mit Erfolg demtrollenden Rade der wirtschaftlichen Entwicklung in die Speichen. Er passt sich den neuen Verhältnissen an, und das Volk mit seinen Sympathien, der Staat mit seinen Machtmitteln, und eine einflussreiche, ihrer socialen Pflichten wohlbewusste Geistlichkeit, stehen ihm bei. Der jüdische Theil jedoch kämpfe vergebens; er macht keine Krise durch, er geht unter. Sein Beruf, der früher eine wirtschaftliche Nothwendigkeit war, ist unnöthig geworden und wird seine Zukunft nicht mehr garantieren; er ist auf sich allein angewiesen; von keiner Seite sieht er Hilfe kommen; nur Feinde und Indifferente stehen vor ihm. Alle die Mittel der Selbsthilfe, die für den christlichen Mittelstand von Wert sind, die Genossenschaften, Darlehenscassen, Stellennachweise und dergleichen haben für ihn nur eine untergeordnete Bedeutung — es sind die Strohhalme, an die der Ertrinkende sich klammert. Nur ein Mittel kann dem jüdischen Mittelstände helfen: es ist das Mittel, das auch thatsächlich zur Anwendung kommt — die Auswanderung. Doch bisher wanderten die elsässischen Juden aus, um irgendwo anders Handel zu treiben oder produetiv thätig zu sein; der Erfolg dieser Auswanderung war in den meisten Fällen ein negativer. Die meisten Auswanderer waren nicht imstande, im Auslande sich eine wirtschaftliche Existenz zu gründen. Denn der Zwischenhandel, der im Elsass in de., letzten Zügen liegt, erwacht auch anderwärts nicht zu neuem Leben. Die wirtschaftliche Entwicklung macht nicht an den Grenzen eines Landes Halt; in der ganzen Culturwelt übernehmen, hier in rascherem, dort in langsamerem Tempo, die Warenhäuser und die Genossenschaften die Rolle des Kleinhandels; und der Judenhass, der im Elsass die Juden verhindert, in grösserer Zahl von einer productiven Thätigkeit zu leben, existiert auch in den Ländern, in denen die sich bis jetzt niederliessen. Soli die Auswanderung das Mittel sein, eine sichere Existenz zu finden, so muss ihr wirtschaftliches Ziel ein produetiver Beruf sein, ihr geographisches ein Land, in dem der Antisemitismus unbekannt ist. Doch nur in einem Lande, in dem die Juden in Achtung gebietender Majorität wohnen können, in dem ihnen die Menschen- und die Bürgerrechte gewährleistet sind, gibt es keinen Antisemitismus; nur in einem solchen Lande ist eine erfolgreiche Thätigkeit in der Landwirtschaft, in der Industrie und im Handwerk möglich. Gelingt es ein solches Land dem jüdischen Volke zugänglich zu machen, vermag in einem solchen der jüdische Stamm neue Wurzeln zu fassen, so wird auch sein elsässischer Zweig, dessen Blätter jetzt verwelken und verworren, zu neuem Leben und neuem Blühen erwachen. Conferenz der galizischen Zionisteii. Gemäss den Beschlüssen des OirnützerZionistentages*) beruft das österreichische Lande;-Comile eine allgemeine zionistische Conferenz der galizischen Vereine nach Lemberg auf den 16. und 17 Juni d. J. Der Conferenz vird eine grosse und schwierige Arbeit obliegen, vor allem die Reorganisation der Partei in Galizien und ihre Einfügung in die österreichische Gesammt-Organisation. In ernster sachlicher Discussion wird die Versündigung über die complicierten Fragen, die der zionistischen Thätigkeit durch die eigenartigen galizischen Verhältnisse erwachsen, erlangt werden. Wie am Olmützer Parteitage werden Thesen aufgestellt und in ruhiger Objectivität erörtert werden. Alles, was rein dcinonstralivon, agitatorischen Charakter hat, so'l daher unbedingt ferngehalten werden. Die nothw endige Voraussetzung für eine fruchtbare Propaganda wird die S< haffung einer neuen starken Organisation sein; diese erst wird zugleich die Grundlage für eine geordnete Thätigkeit in der Richtung der geistigen, wirtschaftlichen und körperlichen Hebung der galizischen Juden abgeben können. x^nalog dem Olmützer Organisations-Statute haben nur organisierte Vereine das Recht, Delegierte zu entsenden, und zwar Vereine, deren Mitgliederzahl bis 50 beträgt, einen, 5'J—100 zwei, 100—200 drei Delegierte und so weiter. Ausserdem haben Silz und Stimme die Mitglieder des Actions- und des Landes-Cornites und je ein Vertreter der Parteiorgane. Vorläufig wurde die nachstehende Tagesordnung festgesetzt: 1. Die Lage der Juden in Galizien. Ref.: Doctor D. Malz (Lemberg). 2. Bericht über den gegenwärtigen Stand des Zionismus in Galizien. Ref.: Dr. S. Rosen heck (Kolomea). 3. Organisation. Ref.: Dr. M. Brau de (Stanislau) und Dr. S. Wahrhaftig (Krakau). 4. Agitation. Ref.: Dr. R. Jonas (Stanislau) und Dr. A. Kornhäuser (Jaslo). 5. Presse. Ref.: D. Schreiber (Lemberg) und M. Bub er (Wien). 6. Die Lage der Colonisten und Arbeiter in Palästina. Ref.: Dr. S. Rapaport (Lemberg) und A. Stand (Lemberg). 7. Hebräische Sprache. Ref.: L. Taubes (Kolomea). 8. Eventualia. Alle Vorschläge in Sachen der Tagesordnung der einzelnen Referate und der Conferenz überhaupt wolle man dem vorbereitenden Comite durch Vermittlung der Rcdaction des „Wschöd", Lemberg, Kosciuszkogasse 3, überweisen. Das österreichische Landes-Comite. H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums. Von Bernard Tag. I. Du stehst, mein Freund, wie ich sehe, noch ganz unter dem ersten Eindrucke dieses ausserordentlichen Werkes. Es nimmt mich auch gar nicht wunder, dass Du, allezeit so gleichmüthig und zumal das geschriebene Wort mehrrmilen überlegend, beim Lesen von C h a mberlains „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts14 ausser Rand und Band gerathen "bist, und gegen die so streng von Dir befolgte *) Resolution II zum Punkt »Organisation".

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