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Die Welt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Article
Die wirtschaftliche Lage der Juden in Elsass-Lothringen
Date
1901-05-31
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die & Welt?* Nr. 22 nähme von 450 Seelen aufzuweisen, dagegen 200 eine Abnahme von 5307. In derselben Zeitperiode stieg die gesammte Bevölkerung des Landes von 1,5(>(U570 auf 1,640.986 Seelen; die Bevölkerung Strassburgs nahm um 20% und die Mülhausens um 30°/« zu. Die Abnahme der jüdischen Bevölkerung findet also nicht ihre Erklärung in einer Abnahme der gesammten Landesbevölkerung. Die Zunahme der Zahl der Juden in Strassburg und Mülhausen beweist nichts; sie hält vor allem nicht Schritt mit der Zunahme der übrigen Bevölkerung. Aus derselben ist nur der Schluss zu ziehen, dass die Lage der Juden in diesen Städten nicht so schlecht ist, wie auf dem Lande. Uebrigens ist auch in diesen beiden Städten eine starke Auswanderung zu constatieren, sie ist jedoch verdeckt durch eine Einwanderung deutscher Juden. Wie die Zahlen zeigen, findet die Auswanderung der Juden aus dem Elsass mit derselben Intensität statt, wie die ihrer Stammesgenossen aus Russland und Rumänien, Wenn der elsässische Exodus weniger bekannt ist, so ist der Grund der, dass durch den assimilatorischen Firniss der elsässischen Juden viele ihrer Handlungen einen Theil ihres jüdischen Typus verloren haben, und dass der Jammer und die Noth, die in grellen Farben die Auswanderung im Osten'charakterisieren, im Elsass fehlen. Politische Motive liegen dieser Auswanderung nicht zugrunde, sondern ausschliesslich ökonomische. Aus politischen Rücksichten wanderten viele Juden in den auf den deutsch-französischen Krieg folgenden Jahren aus. Schon die Verschiedenartigkeit des Charakters beider Auswanderungen zeigt, dass die jetzige aus ganz anderen Beweggründen hervorgeht. In der ersten Auswanderung verliessen ganze Familien das Land, unterschiedlos Reiche und Arme, Stadt- und Dorfbewohner. Das Ziel der meisten war Frankreich oder ein dem Elsass benachbartes Land. Die Auswanderer machten auch möglichst bald die nöthigen Schritte, um die französische Staatsangehörigkeit 25u behalten oder wieder zu erlangen. Die Bewegung beschränkte sich nicht nur auf die Juden, die Christen verliessen in demselben Verhältnisse das Land. Sie hatte anfangs grosse Dimensionen angenommen, doch nach wenigen Jahren wurde sie geringfügig. Jetzt wanderen nur noch die Jüngeren aus, die alten Leute bleiben zurück; es sind nicht mehr die Reichen, sondern die weniger Bemittelten und die Armen; die Auswanderer recrutieren sich nicht mehr unterschiedlos aus Stadt und Land, sondern grösstentheils aus dem Lande. Die Bewegung ist auch keine interconfessionelle mehr, sondern die Judenbilden das Haupteontingent der Auswanderer. Das Ziel ist nicht nur Frankreich und die Grenzländer; die Reise geht jetzt sehr oft über den Ocean. Die Auswanderer geben auch nicht mehr der französischen Nationalität den Vorzug, sie behalten die elsässische oder nehmen die des Landes an, in dem sie ihren Wohnsitz genommen haben. Die Bewegung hat auch nicht ihr Ende erreicht, sondern in ununterbrochenem Strome dauert sie fort, und kein Zeichen deutet darauf hin, dass sie in der nächsten Zeit aufhören oder wenigstens abnehmen werde. Die Hauptbeschäftigung der elsässischen Juden ist der Zwischenhandel. Ihr wirtschaftlicher Rückgang ist in erster Linie durch den Rückgang des Zwischenhandels bedingt. Die grossen Warenhäuser, deren man augenblicklich 12 in Elsass-Lothringen zählt, und die Special-Versandt- und Filialgeschäfte machen ihm eine unerbittliche, tödtliche Concurrenz; die Noth des produetiven Mittelstandes verschlimmert seine Lage noch mehr. Die Landwirtschaft sieht ihre Productionskosten steigen, während die Preise für die Bodenproducte fallen; das Handwerk wird durch den Industrialismus, und wie der Kleinhandel, durch die Warenhäuser geschädigt. Der jüdische Zwischenhandel leidet nun direct dadurch, dass seine Kunden, die Bauern und Handwerker, an Kaufkraft verloren haben, indirect, weil sie ihr Ausgabebudget durch Ausschaltung des Zwischenhandels zu verringern suchen. An seine Stelle treten die Genossenschaften der verschiedensten Art, wie Consumvereine. Raiffeisen-Cassen, Vereinigungen für gemeinsamen Verkauf, Rohstoff-Genossenschaften und dergleichen. In Elsass sind es besonders die Raiffeisen-Cassen,"das Werk der katholischen Geistlichkeit, die dem Zwischenhandel, speciell dem bäuerlichen Zwischenhandel, einen ganz enormen Schaden zufügen. Welche Bedeutung gerade diese Cassen gewonnen haben und in welch stetiger Entwicklung sie sich befinden, geht daraus hervor, dass seit Gründung der ersten Cassen im Jahre 1882 heute schon die Zahl derselben rund 400 beträgt, und dass der Umsatz in den letzten zehn Jahren ihres Bestehens rund 40 Millionen Mark beträgt. Nach dem mir vorliegenden letzten Verbandsberichte stieg der Geldverkehr der Strassburger Centrale allein von 2,959.^00 Mk. im Jahre 1895 auf 3,381.000 Mk. im Jahre 1900 und der Warenverkehr von 32.014 Mk. auf 912.025 Mk. Das Werk der Genossenschaftscassen, das Wohl am besten durch die eben gegebenen Zahlen illustriert" wird, wird seit dem Jahre 1897 durch die staatlichen Vorschusscassen ergänzt. Auch die Wiikung dieser Cassen ist nicht gering anzuschlagen. Ende März 1S99 gab es deren 62, die im Laufe des Budgetjahres an 4402 Personen 1,835.044 Mk. ausgeliehen hatten. Landwirtschaft und Kleingewerbe begnügten sich jedoch nicht, möglichst ohne Zwischenhandel auszukommen. Sie verlangten und setzten es durch, dass durch legislatorische Massregeln der Hausier- und der Viehhandel, das sind die Arten des Zwischenhandels, von denen der grösste Theil der jüdischen Landbevölkerung lebt, möglichst eingeschränkt wurden. In dieser Beziehung sind von besonderer Bedeutung dos Gesetz über die Vieheinstellung vom Jahre 1890, die Gewerbeordnungs-Novelle vom Jahre 1896 und die Wandergewerbesteuer vom Jahre 1897. Das letzte Gesetz trifft die Viehhändler und Detailreisenden. Die Gewerbesteuer der Viehhändler wurde im Durchschnitte verdreifacht, die der Detailreisenden vervierfacht. Durch das Gesetz über die Vieheinstellung wurde diese Art des Gewerbebetriebes der Viehhändler sehr erschwert, durch die Gewerbeordnungs-Novelle ist die Regierung .befugt, den Viehhandel auf längere Zeiten hinaus zu verbieten. Wo trotz der modernen Handelsformen und der .modernen Gesetzgebung der Kleinhandel noch lebensfähig 'ist, da wird der jüdische Kleinhandel durch den geschäftlichen Boycott geschädigt, und zwar durch einen Boycott, (der in ganz methodischer Weise in Scene gesetzt wird. In einer in vielen tausenden von Exemplaren unter der Bevölkerung verbreiteten Broschüre wird die Behauptung aufgestellt, die Juden sind durch ihren Wucher am Niedergange der Landwirtschaft schuld, und daran die Folgerung geknüpft: „Kauft nicht bei den Juden'/ . Die Mahnung wird befolgt, trotzdem die Behauptung, ' auf der sie basiert, grundfalsch ist. In fünf Jahren, von 1880—1884, wurden im Elsass nur neun Juden wegen Wucher verurtheilt, und in den letzten Jahren scheint diese Zahl noch geringer geworden zu sein. Was den Niedergang der Landwirtschaft betrifft, sind ihre Ursachen, wie eine im Jahre 1884 veranstaltete Enquete ergibt, auf ganz anderen Gebieten zu suchen. Ein anderes Beispiel, wie dieser Boycott bewerkstelligt wird, gibt die „Freie Presse für Elsass-Lothringen" in ihrer Nummer vom 23. April 1901. Da heisst es von einem Geistlichen, der sich des besonderen Wohlwollens der Mülhauser jüdischen Gemeindegrössen erfreut, er habe beim Comniunions-Unterricht die Kinder dahin instruiert, unter keiner Bedingung die Communionssachen in jüdischen Geschäften kaufen zu lassen. Aehnliche Beispiele liessen sich in Hülle und Fülle beibringen. Kurz zusammongefasst, sind die Ursachen des Rückganges des jüdischen Kleinhandels im Elsass die commerzielle Technik der Neuzeit, die Wirtschaftspolitik des Staates und der alte, nie erloschene Judenhass. Die jüdischen Engros-Geschäfte, speciell die Exportgeschäfte, befinden sich in keiner ungünstigen Lage; doch weder sie, noch die jüdischen Warenhäuser sind imstande, alle diejenigen, die im Kleinhandel ihr Fortkommen nicht mehr rinden, als Angestellte aufzunehmen. Nichtjüdische Geschäfte stellen im allgemeinen Juden überhaupt nicht an, wenige Fälle ausgenommen, in denen man sie als Lockvögel der jüdischen Kundschaft gegenüber benützt. Die produetiven Berufe stehen dm elsässischen Juden in unzureichendem Masse offen. Nur in beschränkter Zahl können sie ein Handwerk betreiben; denn trotz ihres Fleisses und ihrer Tüchtigkeit sind sie zum grössten Theile auf jüdische Kundschaft angewiesen; fehlt ihnen diese, so sind sie gewöhnlich nicht existenzfähig. So findet man augenblicklich in ganz Eisass- ' Lothringen kaum ein Dutzend Handwerker, die ohne jüdische Kundschaft auskommen und einen grossen christlichen. Kundenkreis haben.

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