Mannheim
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Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Bilder aus dem jüdischen Turnvereine
Date
1901-05-23
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2t „Die £ Weif * Seite 7 tolerant — bis zur Toleranzigkeit. Leider wurde von unserem Edelmuthe selten Gebrauch gemacht. Und Ihre Tochter turnt jetzt mit einigen Arierinnen, die sich gar nicht „zu derkennen" geben. Welch ein rührendes Idyll -! Ich mag nicht untersuchen, ob jene Mädchen nicht von sogenannten „Wasserjuden" abstammen, die von den Alldeutschen abgestossen werden, ich will auch nicht wissen, wie sie sich daheim über Ihre Tochter aussprechen, die ich so sehr liebe. Aber was sollen denn jene drei bis vier Mädels, wenn sie auch lieb und nett sind und wahrhaft herzensgebiidet, was sollen sie beweisen? Was beweist eine Ausnahme? O, über diese jüdischen Vereine, die unter falscher Flagge segeln, in denen 99 Percent der Mitglieder davor zittern, dass man sie „derkennen" möchte. Ihr Verein soll sich Jüdischer oder Jüdisch-österreichischer Turnverein nennen, das wäre correct, das wäre mannhaft. Ich spreche nun von einer delicaten Sache. Im Neglige zeigt man sich nur vor sehr vertrauten Personen, eigentlich nur der eigenen Familie — im Turnsaale ist man im Neglige. Und ist denn die körperliche Uebung, die Muskelstärkung alles beim Turnen? Glauben Sie, ich erfasse die Sache so oberflächlich, weil ich Sie ein wenig neckte? Unter den Tönen meines Lachens schwingt die nie beruhigte Saite des nationalen Schmerzes, und meine kleinen Scherze sollen von der Berührung der grossen Wunde ablenken, die mein Pathos verschulden könnte. Wissen Sie denn, was ich empfinde, wenn die Schritte der jüdischen Turner in der Halle erdröhnen? Soll ich schildern, welche Hoffnungen in mir erstehen, wenn die blühenden Gestalten ihrer Jünglinge im kräftigen Sprunge emporschnellen, wenn sie voltigieren, wenn sie schwingen, wenn sie am Reck und Barren ihre Künste üben? Wie soll ich Ihnen das alles schildern, dieses triumphierende und doch demüthige, dieses aufregende und doch sättigende Gefühl? Halt', ich hab's — Eines Abends, da sassen wir zusammen in einem engen Räume der Brigittenau, dicht aneinander gedrängt, um uns Männer, Frauen, Mädchen, Jünglinge. Alle blickten sie hinauf zu einer kleinen Tribüne, es war drückend heiss, fast beängstigend, der Schweiss rann in hellen Tropfen von den Gesichtern, aber man nahm sich keine Zeit, ihn abzuwischen, man horchte, athemlos. Eine schlanke Mädchengestalt sass am Ciavier, sie spielte die Einleitung des Stückes, ein junger Violinspieler fiel ein mit süss-klagenden Tönen. Ein Hauch innigen Empfindens und gemeinschaftlichen Hochgefühles einigte die Seelen aller, als eine klare, kindlich-reine Stimme, ein mädchenhaft heller Sopran sich den Tönen vermählte. Ich horchte in freudigem Beben, gleich den anderen, aber dabei sah ich in Ihr Gesicht. Da oben die eine, das war Ihr Kind, die anderen Bruders Kinder, die Hörer alle Familienmitglieder, Stammesgenossen, arme Brüder und Schwestern, denen Ihr Kind aus reichem Herzen volles Glück spendete. Und wie die Töne in rührenden Accorden erstarben — erst Todtenstille herrschte, dann ein Jubel aufbrauste, wie Sturmes Hauch, da haben Sie empfunden, was nur ein Menschenherz in einem schwachen Augenblicke an Glücksgefühl zu fassen vermag. Wollen Sie körperliches Wohlbehagen und seelisches Hochgefühl vereint wieder auf sich wirken lassen? Nun, dann schreiben Sie über jene Halle mit den achtzig jüdischen Mädchen „Jüdische Turnhalle" oder lassen Sie die Fräuleins zu uns kommen. Wir bieten nicht nur Kraft und Stärke dem Körper, sondern auch ein Rückgrat der Seele. Davon schreibt Ihnen ein anderesmal mehr Ihr ergebener Freund S. Deutsche Chronik. Zionistische Vereinigung für Deutschland, Ortsgruppe Mannheim* Der am Samstag den 10. d. M. stattgefundene Vortrag des Herrn Rechtsanwaltes Dr. Boden heime r-Köln über „Assimilation oder Zionismus" war, wie es bei der Bedeutung des Redners nicht anders zu erwarten war, ungemein zahlreich besucht. Der Saal des Restaurants Weil konnte die Zahl der Erschienenen nicht fassen. Der Redner führte etwa Folgendes aus: Wer die Erscheinungen der jüngsten. Vergangenheit, insbesondere die Vorgänge im preussischea Abgeordnetenhause mit offenen Augen betrachtet, könnte nicht im Zweifel sein, welche Anschauung mehr mit der Wirklichkeit rechne, die Assimilation oder der Zionismus; diese Vorkommnisse hätten nur denjenigen Enttäuschungen bereitet, die den Zionismus und die Zionisten-Congresse bisher verächtlich ignoriert hätten. Es seien keine religiösen Fragen, die heute den Lebensnerv des Judenthums berühren, sondern Fragen eines politischen, socialen und wirtschaftlichen Kampfes, in welchem es nur zwei Lösungen gebe, Assimilation oder Zionismus. Die Assimilation strebe dahin, das Aufgeben alier speeifisch jüdischen Ideen und Culturerrungenschaffcen zugunsten der speeifischen Eigenschaften der uns umgebenden Völker herbeizuführen. Das sei nur durch eine völlige Rassetimischung möglich, die jedoch undenkbar sei, solange auch nur ein geringer Bruchtheil des jüdischen Volkes an seinen Idealen und an seiner Religion festhalte. Die Assimilation habe die beklagenswerte Folge gehabt, dass viele Juden ihr Judenthum krampfhaft zu verbergen suchen und hat bewirkt, dass die Jadenfrage nur für diejenigen Juden gelöst wird, die sich dem Judenthume durch die Flucht entziehen. Der Zionismus wolle dagegen die Erhaltung und Neubelebung des Judenthums; — weil aber die modernen Culturvölker einer freien Entwicklung der Judenheit in ihrer Mitte widerstreben, bleibe als einziger Ausweg die Schaffung einer von Garantien des Staats- und Völkerrechtes umgebenen Heimstätte, innerhalb deren das jüdische Volk sich zu einem neuen Culturelemente der Menschheit frei entwickeln könne. Es sei ein Irrthum, wenn man glaube, der Zionismus wolle alle Juden nach Palästina, wie in ein ungeheures Ghetto, verpflanzen, es solle nur eine Zuflucht für diejenigen Juden geschaffen werden, weiche durch barbarische Ausnahmsgesetze oder materielle Moth zur Auswanderung gezwungen werden, also vorwiegend für die osteuropäischen Juden. — Da die deutschen Juden sich für die Einzelb strebungen des Zionismus, wie die Hebung des Selbstbewusstseins und des Solidaritätsgefühles, für Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur, die Verteidigung unserer staatsbürgerlichen Rechte und die Colonisation auswandernder Juden in Palästina so sehr interessieren, müsse man sich wundern, dass dieselben sich nicht dem Zionismus, der doch die Zusammenfassung aller dieser Bestrebungen darstelle, mit Begeisterung anschlössen. Mit besonderer Wärme trat der Redner der Verdächtigung entgegen, als ob die Zionisten infolge ihrer Bestrebungen ihre patriotischen Pflichten vernachlässigten. In dem Augenblicke, wo die grosse Masse der Juden für den Zionismus eintrete, sei es unzweifelhaft, dass das Ziel desselben bald erreicht sein werde. Heute heisse demnach die Frage Assimilation oder Zionismus! Entweder sterben oder leben. Es könne kein Zweifel sein, wofür sich das jüdische Volk entscheiden müsse. Wenn einst in ferner Zeit der jüdische Stamm wieder geachtet sein, der Kern des jüdischen Volkes auf seiner eigenen Scholle die Früchte seines Fleisses einheimsen werde, dann wird man auch den ersten Anhängern des Zionismus dankbar sein, man wird sagen: Es war eine grosse Zeit, es haben aber auch die Männer und Frauen gelebt, die ihrer würdig waren. — Reicher Beifall lohnte die überzeugenden Ausführungen des Redners, denen sich noch eine lebhafte Discussion anschloss. Die Ortsgruppe kann mit dem Erfolge des Abends durchaus zufrieden sein, und es ist wohl anzunehmen, dass ein grosser Theil der Anwesenden sich als überzeugte Anhänger der Bewegung der hiesigen Ortsgruppe anschliesst.

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