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Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Bilder aus dem jüdischen Turnvereine
Date
1901-05-23
Page
6 (sequence 1)
Language
German
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Seite 6 „Die $ Welt" Nr. 21 Bilder aus dem Jüdischen Turnvereine. Antwort an S, Werter Freund! Da Sie mich öffentlich apostrophieren, flüchte auch ich mich mit meiner Antwort in die Oeffentlichkeit. Sie haben sich mit Ihrer Anpreisung der Vorth eile des Frauen- und Mädchenturnens, mit Ihrer Philippika gegen das Nichtturnen bei mir etwas verspätet eingestellt, denn meine Tochter turnt schon seit längerer Zeit, und ich kann unseren jüdischen Müttern nicht laut genug zurufen: Wollt Ihr Eure Kinder gesund und kräftig sehen, so schicket sie in die Turnschule! Wissen Sie, werter Freund, was eine „Kerze", eine „Flanke", eine „Schere" machen, ins Turnerische übersetzt, bedeutet? Ja, Sie wissen es sicherlich schon, dass es Hebungen sind, die Schwungkraft, Muskelstärke und Behendigkeit erfordern; nun denn, meine Tochter bewältigt sie mit Leichtigkeit. Sind Sie mit mir zufrieden, lieber Freund? Sie turnt zwar nicht in Ihrem „Jüdischen Vereine", aber in einem anderen jüdischen Vereine, so genannt, weil dessen Mitglieder fast alle Juden sind. Aber der Verein ist tolerant und gewährt auch Ariern, die ihm die Ehre erweisen, seine prächtigen Turnräume aufzusuchen, aufs liebenswürdigste Gästfreundschaft. Ja, meine Tochter turnt, und mit ihr so an 70—80 jüdische junge Mädchen. Es sind auch einige Arierinnen darunter, aber — horribile dictu — ich höre, sie wollen sich nicht zu erkennen geben, sie haben sich — assimiliert und unterhalten sich köstlich mit den Jüdinnen. Wenn Sie nur einen Blick in unsere Mädchen-Turnschule werfen könnten, das Herz würde Ihnen vor Vergnügen aufgehen! Das reckt und streckt sich, das klettert und springt, das tollt und lacht fast betäubend. Es sind viele Riegen. Da klettert eine Turnerin mit affenartiger Behendigkeit eine an der hohen Mauer senkrecht stehende Leiter hinauf und herunter, eine andere schwingt sich am Reck und macht eine Kniewelle — verehrter Freund! in Ihren kühnsten Träumen haben Sie das gewiss nicht so schön gesehen. Eine dritte springt ein Salto mortale über eine hochgespannte Schnur. Eine vierte schwingt sich mit den Händen in zwei Ringen, zieht sich an ihnen empor, überschlägt sich, Kopf unten, Füsse kerzengerade in die Höhe, einige Secunden in dieser Stellung verharrend. Eine fünfte überspringt mit Grazie, die Sie so sehr an Ihrem Jüngling bewundern, das hölzerne Ungethüm, „Pferd* genannt, eine sechste klettert an einem in der Mitte des riesigen Saaleb vom hohen Plafond frei herabhängenden Tau hinan, und eine siebente schwingt sich in der Schaukel, voll freudiger Lebenslust himmelhoch jauchzend. Es schwirrt und surrt um mich arme Zuschauerin herum. Es ist „Kürturnen": Jetzt steht es jeder Turnerin frei, ihrer Lieblingsübung nachzugehen; sie werden aber dennoch von den Turnmeistern überwacht. Zwei blühende, kräftige Mädchen haben eine lange, hölzerne Stange an den Enden ergriffen, stemmen sich in Fechterstellung fest, und nun trachtet die eine, die andere aus ihrer Position zu verdrängen. Kräftig stemmen die beiden Mädchen, die Muskeln sind aufs äusserste gespannt, aber ein jedes stellt seinen Mann, keines lässt sich aus seiner Position verdrängen. Unter Lachen lassen sie endlich beide zu gleicher Zeit nach. Vier andere Mädchen haben ebenfalls eine solche Stange erfasst, sie heben sie hoch auf ihre Schultern und tragen ein fünftes Mädchen, welches sich an der Stange bis zu halber Körperhöhe emporgezogen, im Triumph im Saale herum. Wohin man blickt in der grossen, weiten Halle, blühende Mädchengesichter, blitzende Augen, lachender Mund. Wollen Sie, lieber Freund, eine specielle Lieblingsübung meiner Tochter kennen lernen — Sie werden lachen — sie trainiert sich im Turusaale für künftige grosse Bergtouren. Hoch über dem Fussboden liegt auf Stützen ein langer schmaler Balken. Er ist so schmal, dass man nur mit einem Fusse darauf stehen kann. Mit in der Luft ausgestreckten Händen, einen Fuss vor den andern stellend, so muss der Balken überschritten werden: es ist dies der imaginäre Abgrund, über dem die Mädchen schweben und den sie überschreiten müssen, um ins Sichere hinüberzukommen. Dass es da, unter hellem Gelächter der Mädchen, viele Abstürze in den weichen Abgrund der aufgelegten Matratzen gibt, ist selbstverständlich. So trainiert sich meine Tochter für eine Besteigung des Dachsteins, des Grossglockners. Aber Sie müssen darüber nicht erschrecken, lieber Freund, denn daraus wird nichts. Sie wissen, dass ich eine leidenschaltliche Naturfreundin bin und diese Liebe zur Natur auch meiner Tochter eingeimpft habe. Wir haben schon schöne, grosse Touren ins Hochgebirge unternommen, aber wir sind da auch stets in den breitgetretenen Pfaden gewandelt. Wer das Abstürzen nicht liebt, kann auf ganz gefahrlosen Wegen die Rax besteigen. .Wie schön ist's da oben in den Bergen, wo man der Gottheit sich so nah« dünkt! Alles Erdenleid ist vergessen, man fühlt sich wie losgelöst von der Scholle, Kummer und Sorge sind im Thäle drunten zurückgeblieben, und der Geist schwebt in höheren, seligeren Regionen! Kindern diese Freude an der Natur beizubringen, ist ein Mittel zu ihrer Erziehung, dessen sich keine Mutter entschlagen soll. Es hebt den Geist, es kräftigt den Körper. Aber waghalsige Gebirgstouren wären aus meinem Programme stets ausgeschlossen, und darum sehe ich den Uebungen meiner Tochter auf dem „Schwebebaum" auch ruhig zu, und ich lasse sie einstweilen von der Gletscherpartie im Turnsaale schwärmen. Mais revenons a nos moutons. Sie werfen mir, lieber Freund, vor, dass ich nicht marschieren, nicht regelrecht gehen kann und deshalb so schnell ermüde. Nur Geduld, das wird bei der nächsten Generation schon besser werden! Kommen Sie zu uns und sehen Sie nur, wie unsere Mädchen marschieren. In Achter-Reihen, in strammer, gerader Haltung kommen sie daher; aber dem gestrengen Turnmeister genügt es doch nicht. Ein donnerndes „Halt" bringt die in kräftigem Schritte marschierenden Mädchen wie mit einem Rucke zum Stillstehen. Sie werden fest abgekanzelt, und da darf nicht gemuckst werden, denn es herrscht strenge Disciplin. Der Turnmeister ersucht eine Turnerin, auf dem im Saale stehenden Claviere einen Marsch zu intonieren, um der Schar das rechte Marschtempo beibringen zu können. Wie lustig es plötzlich im Turnsaale wird, bei den Klängen des Schönfeld-Marsches, da geht es freilich besser. Der Boden dröhnt fast unter den mit kräftigem Schritte ausgreifenden Soldaten — pardon — Turnerinnen. Ein Lachen gebt durch sämmtliche Reihen, ja, selbst der gestrenge Turnmeister kann sich eines Lächelns nicht erwehren. Und „Abtreten \iZ heisst es auf einmal, es ist Schluss der Stunde. „Heil! Heil!" schallt es in ohrenbetäubendem Geschrei, und die übermüthige Schar der Mädchen drängt und stösst durch die breite Thür des Turnsaales in das Ankleideziramer, wo das Schwätzen und Lachen von neuem beginnt. Es ist ein anmuthendes, herzerfreuendes Bild, diese blühenden Mädchengestaiten im Turnsaäle. Viele unter ihnen haben ihren Beruf, sitzen während vieler Stunden am Schreibtische, wieder andere wetzen die Schulbank als „höhere Töchter", andere wieder sind froh, dem süssen Nichtsthun zuhause entronnen zu sein. Sie alle strecken ihre Glieder im Turnsaale, messen ihre Kräfte, tollen sich aus, und thut es ihnen leid, dass die Lust so bald zu Ende ist so freuen sie sich dei wiederkommenden nächsten Stunde. Jawohl, Sie haben recht, lieber Freund, turnen müssen unsere Mädchen und Frauen (in unserer Schule turnen Mütter mit ihren Töchtern); nicht genug kann darüber gesprochen werden, wie wohlthätig dies auf Körper und Geist wirkt. Unsere Turnerinnen lernen Anmuth und Grazie, sie bekommen Kraft und Muskeln, und werden der Gefahr gestählt und furchtlos ins Auge schauen. Ein neues, kräftigeres Geschlecht muss erblühen, und das Schlagwort von der physischen Minderwertigkeit der Juden muss verschwinden, ein muskelstarkes Judenthum muss erzogen werden. Vor allem aber eine muskelstarke Jüdin. Der Frau ist die schönste, die hehrste Mission zugefallen, sie ist die Erzieherin der Generationen; aber — nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder Geist wohnen. Und nun hoffe ich, mir Ihre Zufriedenheit, lieber Freund, erworben zu haben, und wenn Sie das.Ziel Ihrer Wünsche: den Sprung über eine 175 cm hoch gespannte Schnur erreicht haben, dann bitte, lassen Sie es wissen Ihre alte Freundin Rosa F. * Meine Gnädige! Die Redaction hat mir das Seil niedriger gespannt und Ihren Brief anstatt des rothen Lappens darauf geheftet. So will ich denn springen, ohne den Lappen in Schwingung zu versetzen, und schreiben, ohne anzustossen. Ihre Tochter turnt, das ist für mich eine angenehme Neuigkeit; sie turnt in jenem Vereine, der gegründet wurde, als man die Juden aus dem Wiener Männer-Turnvereine hinaus—ge—wor—fen hat. Bitte, wir wollen jede Silbe nochmals betonen: hinaus— ge-wor—fen. Sie giengen dann hin, die wackeren jüdischen Turner, und gründeten jenen Verein, der, toleranter* der arische, Männern und Frauen ohne Unterschied der Confession offen steht, Q, wir Juden, wir waren immer sehr

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