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Die Welt · 1901-05-10 · 19 (10.5.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
19 (10.5.1901)
Article
Rede Sir Francis Montefiores
Date
1901-05-10
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Mr. 19 „Die 2$ Welt" Seite 3 gegenwärtigen, wie er unser Nation algefühl wiederbelebt und wie er Juden von den äussersten Enden der Welt in ein patriotisches Band brüderlicher Liebe zusammengefasst hat. Gewisse Personen in unserer Gemeinschaft haben sich dahin geäussert, es möchte der Zionismus unglücklicher Weise dazu führen, dass die Juden in den Ruf der Vaterlandslosigkeit kämen. Demgegenüber kann ich nur auf mein Vaterland England hinweisen. Ich habe die persönliche Erfahrung gemacht, dass, obgleich in England der Zionismus bei vielen Juden auf Widerstand stiess, er bei Christen aller Bekenntnisse geradezu begeisterte Aufnahme gefunden hat. In der Thafc haben wir von einigen derselben nicht lediglich Ausdrücke der Sympathie, sondern sogar materielle Unterstützungen für die Jüdische* Colonialbank zu verzeichnen, eine Thatsache, die für uns sicherlich höchst erfreulich sein muss, wenn wir bedenken, wie sehr der endgilfcige Erfolg unserer Sache von dem guten Willen der Nationen abhängt, unter denen wir leben. In England haben ferner bei den kürzlich stattgefundenen Wahlen viele der Parlaments- Candidaten sich entschieden zugunsten des Zionismus ausgesprochen, und da dies unzweifelhaft eine Sache von grosser Bedeutung ist, will ich Ihnen den Hergang der Sache erzählen. Eine kurze Zeit, ehe die Wahlen stattfanden, wurde von Herrn Joseph Co weh, der um diese Zeit Vorsitzender des englischen Zionisten-Verbandes war, folgendes Rundschreiben an die Parlaments-Candidaten gerichtet: „Geehrter Herr! Das zionistische Problem beschäftigt gegenwartig die Massen der jüdischen Wähler im Vereinigten Königreiche. Die zionistische Bewegung hat den Zweck, denjenigen Juden, welche im Lande ihrer Geburt Verfolgungen ausgesetzt sind, dazu zu verhelfen, in Palästina eine gesetzlich -geschützte Heimat zu finden und dort unter, der Oberherrschaft des Sultans ein jüdisches Gemeinwesen zu begründen. Es braucht kaum hervorgehoben zu werden, dass die Verwirklichung dieser Bestrebungen im grossen und ganzen das stets wachsende jüdische Problem in Europa .losen und dazu führen wird, die Flut der Auswanderung, welche jetzt nach den westlichen Ländern dringt, von dort abzulenken. Im Interesse, der Menschlichkeit und Freiheit, sowie in Gemässheit der grossen und erhabenen Tradition Englands, gestatte ich mir im Namen des englischen Zionistenverbandes, Sie zu bitten, Ihren Einfluss geltend .zu. machen und die geneigte Hilfe Ihrer Majestät Regierung zugunsten der, Bestrehungen der Zionisten in Anspruch nehmen zu wollen. .• Sollten, sie unserer Bewegung sympathisch gegenüberstehen und mich hier^pn^haldigpt in Kenntnis setzen, so soll es mir angenehm sein, unseren Freunden in demjenigen Districte, dessen Vertretung Sie anstreben, anheimzugeben, Ihrer Candidatur jede nur; mögliche Unterstützung ängedeihen zu lassen/ .......... Das Ergebnis dieser t Massnahme des englischen Zionisten-Verbandes war. ein sehr ermüthigendes; denn es gingen etwa 143 günstige Antworten ein, von denen mehr als 40 von wiedergewählten Mitgliedern ausgingen. Ganz besonoe^ Umstand, dass eih£ grosse Anzähl dieser Antworten* erst nach den Wahlen eihgiieng,'worauf .^^^?uri? beruhten und nicht zu dein Zwecke abgefasst 'Würtf^^ . J. s$)fes^ . werden muss. *'. V j n^ Vortrages fchf die ^enmrti^iö ßddenbescnän^en^eü die wirt-: tfcWfti&heffi'^ükuJn'fteau5ssicHien Palästinas zu ' sprechen und citierte aus dem Werke des Oberst Conder: „Tent Work in Palestine" zahlreiche Stellen, in denen dem Lande unserer Sehnsucht in Bezug auf die Entwicklung seines Handels und seiner Industrie das denkbar günstigste Prognostikon gestellt wird. Sir Francis Montefiore schloss folgendermassen : „Was mich betrifft, so bin ich der Ansicht, dass der Zionismus eine der grössten und eihabensten Bewegungen darstellt, die die Welt jemals gesehen hat; und da ich der festen Ueberzeugung bin, dass diese Bewegung dazu bestimmt ist, den höchsten Segen für das jüdische Volk zu stiften, werde ich es stets als meine Pflicht ansehen, alles zu thun, was in meinen Kräften liegt, um die Wohlfahrt und den Fortschritt unserer grossen und erhabenen Sache zu fördern." (Minutenlanger, frenetischer Beifall.) Dr. Bo den heim er, der ebenfalls von der Versammlung stürmisch begrüsst wurde, sprach über „Zionismus und Judentag". Redner führte etwa Folgendes aus: „Wenn es auch nur eine geistreiche Anekdote sei, die dem durch Verfolgungen aller Art gemarterten Galilei in den Mund legt: ,Eppur si muove', so ist es doch unbestreitbar, dass die Wahrheit einer Idee, selbst wenn die Vertreter derselben schwache Menschen sind, doch schliesslich den Sieg über Entstellung und Verdunkelung, Unkenntnis und Unduldsamkeit erringen muss. Dies mag auch uns im Vertrauen bestärken, dass die zionistische Idee über kurz oder lang die Gemüther unserer Stammesgenossen so beherrschen wird, dass der Tag kommt, an dem man die Feindseligkeit nicht mehr verstehen wird, mit der die ersten Vertreter derselben bekämpft worden sind. Als im Jahre 1863 Moses H e s s sein Werk „Rom und Jerusalem" schrieb, da fanden seine Worte kaum einen Wiederhall. Es wurde der darin geäusserten Idee der nationalen Aufgabe des Judenthums so wenig Beachtung geschenkt, dass sie nicht einmal eine entschiedene Gegnerschaft fand. Erst als Dr. Herzls ,Judenstaat' erschien und die Bewegung derartig angewachsen war, dass man an die Abhaltung eines Congresses herantreten konnte, da wuchsen mit einem Schlage die Gegner dieser Bewegung wie Pilze aus dem Boden. Während mau aber behauptete, den Zionismus zu bekämpfen, weil die Erreichung des zionistischen Zieles eine so ungeheure Gefahr bedeute, stellte man andererseits die Behauptung auf, dass man dem Zionismus entgegentreten müsse, weil derselbe eine Utopie sei. In solchen Gegensätzen bewegt sich die ganze antizionistische Agitation und führt daher mit Notwendigkeit dazu, langsam aber sicher den Boden für den Zionismus überall unter der Masse der jüdischen Bevölkerung vorzubereiten. „Lügen haben kurze Beine", selbst wenn ihre Nährväter so ehrwürdig sind wie die jüdischen Theologenblätter Deutschlands; (Lebhafter Beifall.) Die moralische und materielle Bedeutung der deutschen Judenheit bildet ein erhebliches Gewicht, welches das jüdische Volk in die Wagschale seiner Freiheit zu legen hat. - Wehe uns, wenn die deutschen Juden die ungeheure Verantwortung tragen müssten, dass durch ihr Fernbleiben das W^erk der Befreiung unserer Brüder in Osteuropa und im Oriente gescheitert wäre. Dann schlagt Euch an die Brüst, Ihr guten Freunde der praktischen That und rufet: ,Nöstra culpa, nostra maxiina culpa!4 (Grosser anhaltender Beifall.) Der Zionismus hat aber auch eine gewaltige Gegenwartsarbeit» Er ist sich dessen bewusst, dass das gegenwärtige Geschlecht zum grossen Theüe moralisch und physisch gar nicht fähig ist, ein mustergiltiges jüdisches Gemeinwesen zu bilden. Es soll darin kein Tadel oder Vorwurf für das jüdische Volk liegen; "äberder -Drück ' einer 180Ö Jähre währenden Verfolgung musste auch auf das tüchtigste und leben skräftigste Volk von unheilvollem Einflüsse Sein. Der Zionismus unterstützt daher alles, was dazu beiträgt, das Judenthum mora-

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