Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Article
- Der Rabbi von Nemirow und sein Eidam
- Date
- 1901-05-03
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die & Welt*4 Seite 13 einander nicht ergänzen. Die Melodie sagt etwas anderes als der Text, und die Tanzbewegung sagt wieder etwas anderes. Jedes von ihnen hat einen selbständigen Sinn, und das Ganze ist Flick werk, lose ineinandergenäht. Einmal ragt die Melodie wie eine Seitenwand aus dem Tanze hervor,, ein anderesmal schleppt sich der Tanz der Melodie nach, und ein drittesmal sind die Worte zu Ende, während Tanz und Weise noch andauern. Kurz : kein Frohsinn und keine Seelenentäusserung! Denn nur der selige Rabbi kannte die jedem einzelnen Gliede de& Körpers eigenen Bewegungen und vermochte es, sie mit allen Tönen d» r Melodie in Einklang zu bringen. Er wusste, welcher Ton sich einem flüchtigen Worte anbequemen konnte und da<s dieses flüchtige Wort jenen Ton und eine gewisse Bewegung eines gewissen Organes erfordern. Doch kehren wir zu unserer Geschichte zurück. * Also: der selige Rabbi stand in der Mitte, sang und begann zu tanzen. Der Tanz aber war dem Gesänge angepasst und hatte dieselbe Kraft und Lieblichkeit. Wir scharten uns um ihn, ein Kreis um den anderen, und Tanz und Sang übertrug sich auf uns alle. Wir alle fiengen an, zu singen und zu tanzen, selbst die Musikanten schleuderten ihre Instrumente weit weg und fiengen an, zu singen und zu tanzen. Ich aber hatte das Glück, Aug' in Aug' mit dem Rabbi zu singen und zu tanzen. Bloss unser Bräutigam stand beiseite und schien von dem Sang und Klang unberührt. „Rabbi!" rief ich dem Seligen zu, „selbst sie tanzen, und er tanzt nicht!" „Sei unbesorgt," erwiderte er mir. „Ich vertraue dem Glücksstern meiner Tochter." Ich aber dachte mir: Du gütiger Weltenherr! Jene Musikanten, die Gesetzesübertreter, sind mitgerissen worden und in das Allerheiligste der Melodie vorgedrungen, und er, der Bräutigam selber, der Spross gelehrter und heiliger Männer, ist uns nicht gefolgt und nicht mit uns emporgehoben worden ... Eine tiefe Traurigkeit ergriff mich, und meine Beine hörten auf zu hüpfen. Die Melodie entfiel mir. Vor Herzleid und Bangigkeit um Feigeie traten mir Thränen in die Augen. Ich wollte aus der Runde stürzen, geradenwegs auf den Bräutigam los, und ihn zerreissen wie einen Bratfisch. Aber der Rabbi ergriff mich am Nacken und flüsterte mir ins Ohr: „Sei unbesorgt. Beim Mahle wird mein Tanz der Gegenstand seines Thora-Vortrages sein." 1 So war's auch. * An den Inhalt des Thora-Vortrages, den der Bräutigam beim Mahle hielt, kann ich mich nicht mehr erinnern. Man weiss, dass das „Offenbare" nicht meine Stärke ist. Der selige Rabbi sagte einmal von mir: „Die Einfältigen behütet der Herr"; das ist mein ganzer Ruhm. Allein man sagte mir, er habe grossartig über ein tiefsinniges talmudisches Thema gesprochen. Alle Tischgenossen, unter denen sich auch ausgezeichnete, tüchtige Gelehrte befanden, waren hingerissen von dem A eusseren des Thora-Vortrags, erfassten dessen Sinn und waren freudig erstaunt. Der gelehrte Dajan aus K o w e 1 sagte, der Bräutigam habe unübertrefflichen Scharfsinn bekundet: Ich jedoch, der ich so glücklich war, aus dem Munde des Rabbi im voraus zu erfahren, dass der Thora-Vortrag seihen Tanz zum Gegenstande haben werde, achtete nicht auf das Aeussere, sondern auf den inneren Gehalt und fühlte deutlich, wie der Tanz des Zaddik im Vortrage verborgen lag* gleich dem Kern in der Sichale. Und wie es früher dem Zaddik geschehen war, so geschah es jetzt dem Bräutigam. Der Bräutigam sass an der Spitze ier Tafel und vor ihm die ganze Tischgesellschaft. Im Verlauf des Vortrages aber riss der Bräutigam die Versammelten mit sich fort, und sie erhoben sich von ihren Sitzen und stellten sich vor ihn hin. Nun war er der Mittelpunkt, und die Versammellen scharten sich um ihn, ein Kreis um den anderen. Und auch auf dem Angesicht des Bräutigams ruhte der Abglanz der Gottheit. Von dem Strahlenkranz der Thöra ergoss sich über ihn die Herrlichkeit der Frommen, und von seinem Widerschein theilte sich heller Glanz dem ganzen Weltall mit. An den Lippen des Bräutigams hingen trunken aller Augen, die sich hingezogen fühlten wie Eisenspäne zu einem Magnet. Und der Festgesellschaft bemächtigte sich Frohsinn. Es schien mir, als wäre unser Bräutigam ein grosser Zauberkünstler und fasste die ganze Gesellschaft beim Schöpfe und zöge sie gewaltsam fort, aus dem Hause ins Freie, aus dem Freien in den Wald, aus dem Wald in die Wüste, und erhöbe sich dort zu den Bergen, stiege nieder in die Thäler, flöge auf zu den Sternen und versänke in die Tiefen des Meeres oder schösse mit ihnen wie ein Blitz durch die Lüfte ... Aber alles, alles — alle Bewegungen, die der Rabbi mit den deinen vollführt hatte, vollführte der Bräutigam mit den Armen! Und auch er riss die ganze Gesellschaft hin; der Vortrag wandelte sich zu einem Disput, und immer mächtiger, immer brausender schwoll das Stimmengewirr an — ganz wie beim Tanze. Der Rabbi jedoch blieb auf seinem Platze und ich stand neben ihm, wie immer. „Schau, schau den Dieb," sprach er zu mir freudestrahlend, „er wiederhole meine Bewegungen und stellt das Ding als sein eigenes Geisteskind hin." „Indessen" — fügte er etwas unmuthig hinzu — „wie er nicht meiner Melodie gefolgt ist, so will ich nicht seiner Thora folgen." Ich empfand diese Worte wie einen Stich ins Herz. „Rabbi," fragte ich leise, „welches ist der Ursprung seiner Seele?" „Er ist ein Schüler des Wilnaer Gaon," antwortete er. Wie vom Blitz getroffen, stand ich da.*) Da sagte mir der Zaddik: „Geh, lass' den Bauern Brantwein und den Pferden Futter geben." Und noch heute verstehe ich nicht den geheimen Sinn dieser Worte. Militärarzt Rosenberg, Novelle von Josef Stutzin. (Nachdruck verboten.) (Schluss.) Taufe, Taufe, Taufe — das klang böse in ihren Ohren, wie etwas, das Ekel uud Furcht zugleich erregt. Sie fühlten sich selbst schuldig, sie klagten im Innern sich selbst an, die ganze Art ihres Lebens und Erziehens. Aber sie schämten sich, es zu äussern. Wie gerne hätten sie da vor ihrem Sohne ihr Herz ausgeschüttet, hätten ihm gesagt, was sie fühlten : „Hör* auf, Heinrich. Geh' nicht weiter. Das bringt Dir nichts Gutes ... So haben wir's nicht gemeint, als wir Dich von Juden fernhielten. Wir hatten schliessiich doch nur.die Juden im Auge, dean ihnen wollten wir imponieren . . . Heinrich, brich nicht die Brücke ab hinter Dir" ... Aber sie sprachen keine Silbe. Die Angst, sich vor ihrem Sohne zu blamieren, von ihm für abergläubisch gehalten zu werden — schloss ihnen den Mund. *) Rabbi Elia, der Gaon von Wilna (1720—1797),-war einer der genialsten jüdischen Gelehrten alter Zeiten und zugleich ein erbitterter Gegner des Chassidismus.