Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Article
- Der Rabbi von Nemirow und sein Eidam
- Date
- 1901-05-03
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. 18 nichts ist als ein einziger Saug und Tanz vor dem Heiligen, gelobt sei er. .. Die ganze Welt ist ein Sang, und alles singt alles klingt. Jeder Buchstab in der heiligen Thora ist ein Accord, und jede Seele im Körper ist ein Accord . . . Und jede Seele im Körper ist ein Buchstab in der Thora . . . Wie es in einer Melodie viele, viele Accorde gibt, so gibt es viele, viele Instrumente zum Spielen der Melodie, und jeder Accord hat das ihm entsprechende Instrument, aus dem er sich emporhebt, wie die Seele aus dem Körper . . . Jeder einzelne Mensch aber singt nur einen Accord aus der Melodie und stirbt. Alles andere, was er vor seinem Tode thut, ist nichts als Stöhnen und eitles Beginnen. Aber aus allen Accorden, die aus den Körpern emporklingen, setzt sich die grosse Melodie zusammen, der Sang an Gott Der Z a d d i k nun ist der Kapellmeister; darum kennt er die ganze Melodie oder einen grossen Theil von ihr, und darum ist ihm immerwährende Heiterkeit gegönnt.44 „Die Gelehrten des Offenbaren**)" — pflegte ferner der Rabbi zu sagen — „sind wie die Werkleute, die die Musikinstrumente ausbessern, wohl auch neue Instrumente verfertigen können. Aber sie sind der Melodie selbst nicht kundig, und sie können das Instrument, das ihr eigenes Händewerk ist, nicht spielen. Der Zaddik jedoch ist der Melodie kundig, obgleich er zuweilen das Instrument nicht ausbessern kann und in der Thora nicht bewandert ist . . . Die Gelehrten sind die Hülle, und wir sind Menschen. Die Gelehrten sind der Körper, und wir sind die Seele. Die Gelehrten sind die Thora, und wir sind der geheime Sinn der Thora ..." Heil den Ohren, die der Weisheit seines heiligen Mundes lauschen konnten! * Und Heil dem Auge, das seinen freudigen Gottesdienst beobachten konnte! Doch was war alles das im Vergleiche zu der Freude, die an dem Hochzeitsfeste seiner Tochter herrschte!. . . Wer nicht beim Hochzeitsfeste seiner Tochter Feige zugegen war, der hat überhaupt noch keine rechte Freude gesehen. Da ruhte der .heilige Geist, der Abglanz des Allerhöchsten, auf den Angesichtern aller Versammelten, von Klein bis Gross, von Mann bis Weib, von Koch bis Köchin — die Bauern, die uns auf ihren Wägelchen in die Stadt geführt hatten, nicht ausgenommen. Der Rabbi — sein Andenken sei gesegnet — sagte, er erhebe sie ohneweiters zum Range dei; „Frommen aus den Völkern"***) und man weiss, dass er stets Wort hielt Der alte Reb Zadok versicherte mir, eine solche Freude sei seit den sechs Schöpfungstagen noch nicht dagewesen, und ich kann mir die Bewegung vorstellen, die in den „Welten höherer Ordnung" entstand, als der Rabbi den Pflichttanz vor der Braut aufführte. Wären in dieser Stunde alle Ungläubigen der Welt, alle Spötter und Nörgler dabei gewesen und hätten den wundersamen Frohsinn, die feierliche Heiligkeit, den Glanz und die Gehobenheit wahrgenommen : wahrlich, sie hätten Busse gethan und den Staub unter den Füssen des Rabbi geküsst; keiner hätte sich erkühnt, an seiner Lebensführung zu mäkeln und über Feigele in unehrerbietigem Tone zu sprechen. Der Tanz des Rabbi war immer eine erlesene Augenweide, „ein Sechzigstel der Paradiesesfreuden"; in dieser Stunde jedoch war er sicher ein Drittel, vielleicht gar die Hälfte ... **) Das „Offenbare" ist die Thora nach ihrem Wortsinne, im Gegensatze zur Geheimlehre der Kabbaia. ***) „Die Frommen aus den Völkern" — d. h. die nichtjüdischen Frommen — haben nach dem Talmud theil am ewigen, jenseitigen Leben. Als er sich zum Tanze anschickte, umstrahlte ihn siebenfältig der Abglanz der Gottheit und sein Angesicht glich der Mittagssonne. Seine heiligen Augen flammten und funkelten. Wären Tauben über ihm dahin geflogen, sie würden allsogleich verbrannt worden sein. Als er, fröhlich hüpfend, in die Mitte der Stube kam, winkte er dem Klesmer (Musikanten) mit dem Finger ab und begann selber seine Lieblingsmelodie — sachte und mit einer unendlichen Lieblichkeit und Süsse! Die Sänger verstummten, die Geigen wurden still, der Sturm legte sich. Die ganze Welt mag der namenlosen Feinheit, dem Seeleninhalt der Melodie, andächtig gelauscht haben. Und obwohl wir, wie auf Höchzeitsfesten üblich, in allen Ecken zerstreut waren, wandten wir uns in einem und demselben Augenblick der Mitte zu, dem Mittelpunkte, wo seine heiligen Füsse standen. Wir fühlten in diesem Augenblicke, wie die seelenvolle Melodie sich in allen unseren Gliedern ausbreitete, wie sie uns in Herz und Hirn drang — und wir waren erfüllt wie vom leckeren Geschmacke des köstlichsten Honigs. Je länger die Melodie anhielt, desto stärker hob sie sich empor, desto süsser stieg sie nieder, flatterte rings umher und nahm zu an Glanz uud Helligkeit aus dem „verborgenen Lichtquell" . . . Und in den einheitlichen Fluss der Melodie mischten sich auch abgebrochene Töne, dte aus dem heiligen Munde wie Pfeile aus des Schützen Hand dahinschnellten. Allsogleich spürten wir, dass diese Töne die Glücksboten seien, die der Rabbi aussandte, damit sie der ganzen Schöpfung kündeten, Feigeies Trauung werde zu gutem Glück und zu allem Segen stattfinden, und er lade das ganze Weltall ein, theilzunehmen an seiner Freude . . . So war's auch. Der Rabbi selbst gestand nachher, er habe jene Läufer ausgeschickt, um allen Göttesgeschöpfen, allen Thieren und Kräutern, allen Seen und Flüssen und Teichen, dem Himmel und der Erde, der Hölle und dem Paradies, den gesammten himmlischen Heerscharen die Freudenbotschaft zu künden und sie zur Hochzeit einzuladen ... Und allsogleich spürten wir, dass die Wärme im Festraum gewaltig zunahm, als wären plötzlich massenhafte Scharen neuer Gäste hinzugekommen. Als nun der Rabbi sah, dass alle Gäste versammelt waren, kehrte er zum einheitlichen Flusse der Melodie zurück und begann, ihr Worte unterzulegen. Und die Worte waren mit der Melodie verflochten und verwebt; Text und Melodie glichen einem Edelmetallgegenstande aus einem Stück. In diesem Augenblicke begann auch der Tanz... Heil dem Auge, das all dies schauen konnte! * Alle Welt weiss, dass ich nach dem Tode des Rabbi von Nemirow zu vielen anderen Zaddikim fuhr; aber nirgends konnte ich den finden, den meine Seele suchte. Ich sah Grosse und Gewaltige, sah Schaffende und Wirkende und Wunderthäter — aber Heiterk eit sah ich nicht Die allermeisten von ihnen dienen dem Weltenherrn in Traurigkeit und Herzenskummer; die wenigen aber, die sich zur Höhe des Gott esdienstes in Liebe und Heiterkeit alfgeschwungen haben, konnten doch nicht die hohe Stufe der Melodienfülle, des articulierten Gesanges und der Tanzvollendung erklimmen . .. Ihre Melodien sind ganz ohne Lieblichkeit und Süsse, ihr Tanz aber ist ganz und gar kein Tanz. Menschliche Augen sehen die Bewegungen der schwerfälligen Beine, die sich nicht vom Erdboden erheben können. Die Hände sind träge und unwillig und verrichten ihren Dienst ebenso lässig wie alle anderen Glieder, Die Worte, die aus dem Munde kommen, sind kalte Reden, einsame Seufzer, die