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Die Welt · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
18 (3.5.1901)
Article
J. L. Perez
Date
1901-05-03
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Uie o Welt40 Nr. 18 Das ist, mit allen ihren Vorzügen und Mängeln, die Art, wie das von der Bühne abtretende Geschlecht durch das Leben reist. Mustert man die gesammte literarische Production von Perez, so fühlt man sich in eine ganz andere Welt versetzt. Hier geht die Reise ganz anders vonstatten. Da gibt es keinen Maschinisten, der uns auf sicherem Geleise dahinführte. Perez zieht uns wohl nach sich, aber er selber ist ein Suchender und Tastender, weder er selbst, noch die Leser kennen genau das Ziel, dem er zustrebt. Manchmal führt er uns auf mühevollen Pfaden über weite, öde Flächen wo wir wenig Sehenswürdigkeiten zu Gesicht bekommen, aber was wir sehen, mit solcher Deutlichkeit und Präcision bis in die feinsten Einzelheiten wahrnehmen, als hätten wir ein scharfes Vergrösserungsglas vor Augen. Was wir für einfach hielten, erscheint uns als unendlich compliciert, und wo wir vorhin eine glatte Fläche sahen, bemerken wir plötzlich eine Menge Unebenheiten. Wenn wir diesem unserem Führer auf seinen verschlungenen Pfaden folgen, finden wir unterwegs Blumen von seltsamer Pracht und Schönheit, wie wir sie vorher nie gesehen, und zwar an Stellen, wo wir sie am wenigsten vermuthen durften, am Rande tiefer und dunkler Pfützen; wir vernehmen weichen, süssen Vogelsang durch das betäubende Quaken von Fröschen hindurch; der Schrei der Nachteule dringt zu uns aus der Kehle der Nachtigall; wir begegnen Engeln unter der Maske von Teufeln und sehen Teufel als Engel vermummt Bald versinken wir bis über die Kniee in tiefe Tümpel, und bald wandeln wir auf duftigen Höhen, um nach einer Weile wieder in dumpfe Untiefen voll stickiger Dünste geschleudert zu werden. Aber siehe da! plötzlich umflutet uns helles Licht, und eine bunte Fata morgana tanzt neckisch vor unseren Augen. Zuweilen ist es, als Hesse uns Perez in einem Luftballon den Weltenraura durchmessen. Auf einmal verlieren wir den festen Boden unter den Füssen. Wir schweben im Räume, \vir nehmen keine klaren Gestalten, keine deutlich umrissenen Bilder mehr wahr. Die Menschen erscheinen uns wie die Mücken und die höchsten Berge wie kleine Pünktchen. Von der Vogelperspective sehen wir nur die allgemeinen Umrisse. Die Stimmen dringen nur undeutlich zu uns; wir erheben uns immer höher, und bald erscheint uns die ganze Erdkugel nur noch wie ein ferner Punkt, durch den Nebel gesehen. Zunächst dringt die Wirklichkeit zu uns, wie ein undeutliches Geräusch, aus den seltsamsten Tönen zusammengesetzt, ein Gemisch von Weinen, Seufzern, Gestöhn, Gelächter und übermüthigem Frohlocken. Aber allmählich verhallt auch dieses Rauschen, und von den Höhen erschallt uns eine Stimme : „Empor! Immer höher!" Der Luftballon, in dem wir schweben, ist ein Spiel der Windströmungen, wir wanken, im Kopfe haben wir ein Sausen, wir athmen schwer, und ängstlich fragen wir uns, wann und wo wir absteigen werden. Angst und Wonne beschleichen uns abwechselnd. Doch hat unser Lufhallon allzu wenig Krafr, um sich längere Zeit ruhig in den höchsten Regionen zu halten. Während wir also immer höher in den lichtdurchfluteten, schweigenden Raum empor möchten, fangen wir an, in rasender Eile niederzusinken, und plötzlich befinden wir uns wieder in einer wüsten Grube oder in einer Pfütze des Ghettos und haben um uns den Alltagsjammer in seiner .schrecklichsten Gestalt. Kein Raum, keine Luft, kein Licht. Noch ist unsere Seele voll der herrlichen und glanzvollen Bilder, die wir wie im Fluge durch die Welten gesehen haben, und schon schlägt uns die derbe und gemeine Wirklichkeit erbarmungslos ins Gesicht, beklemmt unseren Geist und lähmt die Flügel unserer Phantasie. Wahrlich, eine solche Reise ist keine Erholung im gewöhnlichen Sinne. Aber nach einer solchen Reise sehnt sich die Seele des modernen Menschen, des modernen Juden; sie sehnt sich nach solchen unvermittelten Uebergängeu von den tiefsten Tiefen zu den höchsten Höhen, und wieder hinab zu den Abgründen des Daseins. Sie ist es müde, auf ausgetretenen Pfaden einherzuschleiehen, wo sie immer nur das sieht, was andere schon früher, gestern und vorgestern gesehen haben, wo sie immer nur das erlebt, was längst vor ihr erlebt wurde. Man kann den Stand der Verkehrsmittel als Massstab für die technische Entwicklung und das Niveau der materiellen Cultur eines jeweiligen Zeitalters betrachten. Der Vervollkommnung der Mittel körperlicher Ortsveränderung entspricht auch eine Vervollkommnung der Communicationsmittel im Reiche des Geistes und der Phantasie. Es gab Zeiten, da wir mit grosser Lust unser jüdisches Ghetto auf dem Wägelein unseres lieben alten M e n d e le Mocher-Sforim durchwanderten. Langsam, Schritt für Schritt, kamen wir an all den Bildern und Erscheinungen unseres Lebens vorbei. Es lag ein eigener Zauber darin, unter der Führung unseres alten Freundes den Weg behaglich und mit epischer Ruhe zurückzulegen. Wir eilten nicht, sondern bewegten uns langsam vorwäits. Die Gestalten, denen wir begegneten, waren unsere guten, alten Bekannten. Aber nach den vielen Wandlungen, welche unser Leben in den letzten Jahren durchgemacht hat, nach all den Stürmen, die unser Dasein aufgewühlt haben, finden wir mit unseren geistigen Bedürfnissen und unseren neuen Strebungen keinen Raum mehr in Mendeles Fahrzeug. Alle modernen Völker mitsammt ihren materiellen und geistigen Bedürfnissen sind in einer fortwährenden Entwicklung begriffen. An dieser Entwicklung nahmen auch wir theil, ja zuweilen verspüren wir die Wandlung vor allen anderen. Der moderne Mensch, und besonders der moderne Jude, strebt empor. Es ist nur als die AÄusserung eines tiefen, inneren Bedürfnisses anzusehen, dass so viele Köpfe heuzutage über die Vervollkommnung des Luftballons sinnen. Und diese Sehnsucht, von der platten Erde sich hinwegzuheben, den freien Raum zu durchqueren, regt sich im Juden vielleicht stärker noch, als in änderen'Menschen. Ihr hat der jüdische Psalmist zuerst den kräftigen Ausdruck gegeben : „O, wenn ich der Taube gleich Flügel hätte!:i ... Diese stets wachsende Sehnsucht zu befriedigen, hatPerez in den Schöpfungen seiner besten Jahre versucht, so weit seine Kräfte reichten. Diese seine Kräfte sind freilich nicht übermässig gross, aber sein Wollen reicht weit. Perez' Muse hat an sich etwas von den Eigentümlichkeiten des Golus-Juden : eine grosse Seele in einem dürftigen Leibe. Fast in allem, was Perez in den letzten Jahren geschrieben — und er schreibt viel sowohl in jüdischer Mundart als hebräisch, —ist Seele und Geist, ist wahre Poesie und echte Kunst, aber oft objecti viert sich in der Form nicht der ganze Inhalt, die Schale stimmt nicht zum Kern. Seitdem die nationalen Bestrebungen innerhalb des Judenthums auflebten, lebte auch die Begabung unseres Dichters auf, seine Kunst gewann frische jugendliche Kraft und Energie. Perez macht nun von seiner Begabung nicht immer einen gleichmässigen Gebrauch, zuweilen versagt die Begabung selber, schrumpft zusammen und zeigt sich schwach und kraftlos, und ebenso wie wir mit dankbarer Seele aus seiner .Hand die Perlen echter Poesie entgegennehmen, mit denen er uns beschenkt, so dürfen wir nicht überrascht sein, wenn manchmal die Bilder unter seiner Hand verwischt und ausdruckslos hervorkommen. Es ist nun einmal nicht seine Art, eine gerade Linie einzuhalten. Die verschlungenen Pfade, die er wandelt, führen ihn manchmal abwärts, meist aber aufwärts; jedenfalls schreitet er in der Entwicklung vor.

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