Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Article
- Das Zion der jüdischen Frau
- Date
- 1901-04-26
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die $t5Welf iVr. 17 zusammen. Das freie Staatsleben wird durch das engere, aber freudige Familienleben ersetzt. Hier tritt die Frau als Schöpferin einer geschlossenen Faniiliencultur auf. Sie nimmt dem Manne einen grossen Theil seiner Geschäfte ab und ermöglicht es ihm, ^seinen geistigen Interessen nachzuleben. Mitten in der schwersten Verfolgung spendet sie ihm Muth und Zuversicht. Sie erzieht ihre Kinder zu tapferen und willensfesten Juden. Sie bringt in das Haus eine wunderbare Naturfrische, welche das verlorene junge Grün der Heimat soweit als möglich ersetzt. Sie erhält, gleichsam den lebendigen Zusammenhang mit der Mutter Erde und gestaltet das Leben zu einem vollen aus. Die jüdische Frau ist es, die in dieser Leidenszeit die Männer zum Ausharren im Glauben aneifert. Die spanischen Frauen trieben ihre Ehegatten an, sich mit ihnen in den Tod zu stürzen. Wie es sich mit den deutschen Jüdinnen verhielt, das können Sie aus jenem alten, von Herrn York-Stein er in seiner Novelle „Maskir" angeführten Memorbuche ersehen, aus der langen, langen Liste der jüdischen Märtyrer, die im grossen Kampfe der europäischen Völker gegen die Juden gefallen sind. Eine Stelle dieses Buches lautet: „Gedenke der Todten in Bamberg: Frau Gutta mit ihrem vier Tage alten Kinde; Frau Gnenmelin, die ihren Knaben Salomon und drei Kin 1er mit eigenen Händen geschlachtet hatte; das junge Mädchen Matrona und ihre Schwester Rahe], die sich ins Feuer stürzten; Hanna, die Heldin aus Blois, mit dem Kinde, das sie im Feuer geboren. . Stellen Sie nun neben die königlichen Gestalten der Staafszeit, neben die mütterlichen und leidensstarken Gestalten des Exils die Gestalten der grossen Mehrzahl der heutigen jüdischen Frauen. Was Sie erblicken, ist Entartung. Entartung des Volksthums, Entartung des Hanses Entartung der Persönlichkeit. Diese Erscheinung hat zwei Ursachen, die einander auszuschliessen scheinen: die Verfolgung der Juden und deren sogenannte Emancipation. In der grossen Zeit des Ghettos waren die Leiden des Juden so unsagbar schwer, wie tief und innig seine Freuden waren. Im Guten und im Bösen war er in ein grosses Schicksal hineingestellt, und daran entwickelte er sich. Das Leid löste seine Kraft aus, den ihm eigenen passiven Heroismus, das häusliche Glück seine Herzensgüte und Opferfi eudigkeit; beide vereint Hessen ihn treu werden, treu der Vergangenheit und treu den Genossen. Das wurde allmählich anders. Die Verfolgung wurde mit der fortschreitenden sogenannten Civilisation kleinlicher und perfider, sie bedrohte nicht mehr in jedem Augenblicke das ganze Sein, sie drängte sich in jede Stunde des Lebens, in jede Thätigkeit des Alitags; aus dem einen Dolchstiche waren tausend Nadelstiche geworden, aus dem grossen Schicksale, das aus dem Menschen das Heldenthum herauslockte und „eine Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen* Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art", war ein mühselig schleppendes, gequältes und gehetztes Dasein geworden« Und mit den kleineren Leiden wurden auch die Freuden kleinen Die schöne Einheit des Hauswesens lockerte sich, der gesteigerte Kampf ums tägliche Leben trennte die Ehegatten und hinderte die Kindererziehung, die scheinbar grössere Gefahrlosigkeit wirkte der starken Volkswehr, den zusammenhaltenden und nach aussen abschliessenden Eigensitten entgegen. Dieser Auflösungszustand wurde durch die Erklärung der legalen Gleichberechtigung der Juden in hohem Grade verstärkt. Ihr Trieb der Selbsterhaltung passt sich den neuen Daseinsbedingungen in ebenso extremer Weise an, ytie extrem früher ihre Abgeschlossenheit war. An dem nun entstehenden Assimilations-Fanatismns nehmen die Frauen, die sich am leichtesten der Umgebung anschmiegen und deren Art annehmen, am lebhaftesten theil. Und indem alles dem Fremden nacheifert, wird der innere Ausbau des Juden thums lahmgelegt, alle Eigen kraft abgethan, die Familie zerstört, die allgemeine Solidarität aufgehoben, die selbstständi^e Cultur vernichtet. So erklärt sich die Entartung so vieler jüdischer Frauen. Die straffe Familien-Organisation, in der die Lebenskraft unseres Volkes ruhte, zerfallt unter dem Andränge des Fremden; mit den jüdischen Sitten geht auch das jüdische Haus, mit der Treue auch die Liebe verloren. Das Gefühl der Verlassenheit, das der Mangel einer inneren Freude erzeugt, sucht man durch äusseres, möglichst geräuschvolles Wohlleben zu betäuben. So wird die Frau ihrem Wirkungskreise immer mehr entfremdet. Sie, die früher Herrin im eigenen Hause war, wird jetzt die Sclavin ihrer christlichen Dienstboten. Ihr Bestes verkümmert. Sie gibt sich einem öden nervösen Müssiggange hin. Die schöne alte Wohlthätigkeit der Juden wird bei ihr zum Protzen - thum. Der königliche Schönheitsdrang der jüdischen Frauen wird durch sie zu einer geschmacklosen und ungesunden Prunksucht verzerrt, wie wenn jemand ein schönes Nationalcostüm zu einem grellen Faschingsnarren - Kleide umgestalten würde. Die innige, hingebende Gläubigkeit der Jüdin ist ihr verloren gegangen, ohne einer neuen, starken Lebensanschauung Platz zu machen; die beschwerlicheren Bräuche werden aufgegeben, einige leichtere, ohne Erfassung ihres Sinnes, ohne das Gefühl ihrer Weihe, in möglichster Eile abgethan. Unter dem Einflüsse dieses kleinlichen und inhaltlosen Vegetierens verliert der jüdische Mann immer mehr jeden hohen Eifer und geht völlig im Erwerbsleben auf, und die Jugend, die Jugend, welche das Leben und die Zukunft ist, in deren Hand das Schicksal der kommenden Generation und vielleicht unseres Volkes liegt, wächst haltlos und ohne den Gedanken an eine Zukunft heran. Hat die jüdische Frau nicht Theil an dieser Schuld?--- Aber grösser als die Schuld der Jüdin am Niedergange ihres Volkes, wird ihr Antheil an seiner Wiedergeburt sein . . . Denn die nationale Erneuerung kann in ihrem innersten Kerne nur von der jüdischen Frau ausgehen. Für ein Volk obre Land, für ein Volk in der Zerstreuung ist sein Haus der Träger seines Lebens. Im Gallith ist das jüdische Haus die jüdische Nation. Von unserem Herde, von dem uns stetö das Feuer des Lebens kam. wird uns auch die Erlösung kommen. Was kann nun die Frau im Dienste ihres Volkes thun? Zunächst dasselbe, was der Mann thut: in Wort und Schrift thatig sein für die Verbreitung der nationalen Idee, zur Selbsthilfe rufen und nicht müde werden. Aber sie kann unendlich mehr thun als der Mann. Wenn dieser für den Gedanken der nationalen Einheit wirkt, kann sie aus der Liebe und dem tiefen Gemütsverständnisse das lebendige Volkstum m erneuern. Die Frau hat in ungleich höherem Grale als der Mann die Gabe der wirthschaftlichen Intuition und der wirtschaftlichen Thätigkeit. So kann sie die. Ursachen der Judennoth erfassen und ihr abzuhelfen suchen, nicht durch Almosen, sondern durch grosse Volks!haten. Und sie kann dies besser als der Mann; denn es ist ihr eigen, ihr ganzes Herz einzusetzen. Sie kann durch die Wärme des Gemüthes w)& die Frische des Willens, die in ihr ist, die auseinanderstrebenden Glieder des Volkes wieder zusammenschliessen helfen, aus ihrer Volksliebe kann ein neues Seelen-Vaterland entstehen. Um dies aber zu können, muss sie sich selbst erziehen. Sie muss erkennen, dass sie nur dann eine ganze lebendige Persönlichkeit werden kann, wenn sie die Eigen-