Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Article
- Die jüdische Frau
- Date
- 1901-04-26
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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1 / „0fö # Welt" Seite 3 Judeothum zurückgewonnen werden. Welche Mittel hierbei zur Anwendung gelangen sollen, darüber nachzudenken, ist unsere cinste Pflicht. Zuvor aber müssien wir mit zwei Fragen ins Reine gekommen sein: Wogaus entwickelt sich das Nationalitätsbewusstsein bei jüdischen Frauen und was macht den Inhalt ihres Nätionaljudenthums aus — und die andere Frage: In welchen Richtungen hat sich bei den assimilatorischen Frauen die Entfremdung vom Judenthum bewegt? Wir erkennen sofort: Das sind Fragen, die von vielen Gesichtspunkten aus betrachtet werden müssen, insbesondere historisch - kritischen, socialen, psychologischen und gesellschafts-kritischen. Darüber könnte man ein Buch schreiben, ja, man soll es schreiben, einen Frauenspiegel: Die jüdische Frau, wie sie war, wie sie ist, und wie sein soll — und jeder jüdischen Frau sollte man dieses Buch in die Hand drücken. Vielleicht findet sich bald ein Berufener, der den Frauen dieses Buch schreibt. Wir wollen in den folgenden Ausführungen nur versuchen, ganz anspruchslos die ersten Beobachtungen festzuhalten, die sich einem aufdrängen, wenn man ein wenig über die Fragen der jüdischen Frau nachdenkt. IL Wie entwickelt sich bei den jüdischen Frauen das Nationalitätsbewusstsein? Zunächst machen sich selbstverständlich die in jedem Individuum wirkenden rassenthümlichen Triebe geltend, die — so lange ihnen nicht entgegengewirkt wird — zu einer Annäherung an die Angehörigen des gleichen Stammes drängen und eine mehr oder minder klare Vorstellung von einer Zusammengehörigkeit mit den Stammesverwandten auslösen. Diese Vorstellung kann durch Verstandes- und gefühlsmässige Einwirkungen bis zum reinenNalionalitätsbewusstsein entwickelt werden. Es ist nur natürlich, dass bei den Frauen — Frauen sollen ja mit dem Herzen denken — das Gefühlsmässige vor dem Verstandesmässigen zur Sprache komm!. Auch bei den jüdischen Frauen waren und sind es zuerst Gefühlsmomenle, die die Erkenntnis von der Volkszugehörigkeit entwickeln und stärken: Religion und Familio sind der Grund, auf dem sich ihr Nationalitäts-Bewusstsein aufbaut. Neben diesen beiden Monienten, die vieles in sich einschliessen, machen sich Momente mehr praktischer Nutnr geltend, von denen, zwei besonders in Betracht kommen : die Mitwirkung der Frau am Erwerbe des Mannes und die persönliche Berührung, in die sie mit dem Antisemitismus kommt. Und nun, ehe wir noch die Einwirkung dieser vier Elemente des Nationalitäls-Bewusstsoins ihrem Umfange und Inhalte nach ausführlicher erörtern, können wir schon etwas wie ein Gesetz feststellen, eine Art Classen-, wenn man nicht sagen will, Kastengesetz, das unter den jüdischen Frauen der westeuropäischen Länder viel deutlicher zum Ausdrucke kommt, als unter den Männern. Je wohlhabender die jüdische Frau ist, umso geringer ist die Einwirkung jener vier Momente, und umsomehr verringert sich das Nationalitäts-Bewusstsein. Wirken unter den wi tschaftlich nicht allzu günstig gestellten Juden derKehil'a oder den jüdischen Bewohnern der Grossstadt-Arnienviertel — von den natürlichen Ausnahmen wollen wir noch sprechen — die nationalitätserhaltenden Kräfte noch in voller Stärke, so schwindet mit dem Aufstiege in die wohlhabenderen Classen allmählich ein Element nach dem anderen, bis sich oben „alle Bande lösen" und kaum mehr etwas da ist, was die rassenthümlichen Triebe der jüdischen Frau unterstützen könnte. Im Gegentheil können sich entgegenwirkende, die Nationalität auflösende Kräfte ungehindert geltend machen. Darüber, nächstens mehr. Das Zion der jüdischen Frau. Aus einem Vortrage von Martin Buber. Das Zion der jüdischen Frau — ist damit die Entwickelung gemeint, welche die jüdische Frau dereinst im Lande unserer Sehnsucht als Jüdin und als Frau durchmachen wird? Soll geschildert werden, wie das neue Leben auf freier, eigener Erde, die neue Art des Zusammenlebens mit Menschen in Güte und Schönheit, das ruhevolle gesegnete Schaffen, wie all dies und die anderen Reichthümer, die Zion der jüdischen Frau schenken wird, ihre schlummernden Fähigkeiten zu wunderbarer Kraft entfalten werden — und wie da auf altem, ewig jungem Boden mit der neuen Jüdin zugleich die neue Frau zum erstenmal e in ihrer sonnigen Herrlichkeit erstehen wird? Denn nur in einem neuen Lande, das nichts weiss von den alten Formen und Formeln, in das nichts vom Staub und Wust der alten Welt gedrungen ist, nur da kann, wie der neue Mensch überhaupt, so auch die neue Frau sich entwickeln. Soll nur von diesem Zion der jüdischen Frau, von dieser einstigen Erfüllung und Vollendung ihres Wesens erzählt werden? Ich habe mir heute eine engere, stillere und bescheidenere Aufgabe erwählt. Ich will von dem Zion sprechen, das da sein muss, bevor wir an jenem grossen künftigen Zion zu arbeiten beginnen : ich meine das Zion der Seelen. In den Seelen muss Zion geboren werden, bevor es in der sichtbaren Wirklichkeitgeschaffenwerden kann. Wenn alle, diezu unsgehören, ihren Zionismus nicht bloss mit Worten, sondern mit ihrem ganzen Sein bethätigen werden, wenn sie alle ihr Leben als eine heilige Vorbereitung auf das Neue und Wunderbare, das da kommen soll, ansehen und es als eine solche Vorbereitung mit treuem Ernste und fester innerer Thätigkeit auch leben werden, wenn so ein Zion der Seelen da sein wird, eine grosse stille Gemeinschaft reifer und thatbereiter Menschen — dann, dessen können Sie gewiss sein, wird das andere, das palästinensische Zion nicht lange auf sich warten lassen. Denn wo die rechte Weihe ist, da ist auch die Kraft. In diesem Sinne nun möchte ich heute von dem Zion der jüdischen Frau sprechen, das heisst von der Wandlung, die in den Seelen der jüdischen Frauen vor sich gehen muss, damit Zion eine Wirklichkeit werde. Zunächst aber bitte ich Sie, einen Blick auf die Geschichte der jüdischen Frau zu werfen. Zur Zeit des jüdischen Staatslebens ruht das ganze innere Leben auf der Familien- Organisation. Die Frau ist die durchaus gleichberechtigte Beherrscherin des Hauses, und wahrhaft königlich ist die Schilderung, welche die Bibel von ihr entwirft. Sie ist Prophetin und Sängerin, die Anregerin zu allem Guten und Starken und die Spenderin des Kampfpreises. Sie entfaltet zuerst jenen wunderbaren duldenden Heroismus, der ein Erbtheil des jüdischen Stammes bleibt. Sie leitet die grossen Volkswerke ein; es ist bezeichnend, dass die Tradition die Befreiung aus Aegypten auf das Verdienst der edlen Frauen zurückführt. In der Epoche des Aufbaues eines geistigen Vaterlandes nach dem Verluste der Heimat, in der Zeit der Entstehung des Talmud bildet sich die Hochschätzung der Frau noch stärker aus. In den Schriftwerken dieser Zeit tritt sie als die naive Meisterin auf, deren freies und ungetrübtes Gemüth das Wesen der Dinge erfasst, und die, frisch zugreifend, die Dinge resolut erledigt. Aber die höchste Bedeutung erlangt die Frau in der Zeit des Ghettos. Hier drängt sich alles Leben in der Familie