Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Article
- Die jüdische Frau
- Date
- 1901-04-26
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315923-3396464--25788-3396556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Frauen sind, von denen die Rede geh f, wird vergessen. Man braucht gegen Mnnner nicht bitterer im Hohn, nicht grausamer in der Beschimpfung, nicht rücksichtsloser im Angriff zu sein. Es sind schwere Vorwurfe, die gegen die Judin erhoben worden: Sie ist eitel und oberflächlich, pulzsüchtig, anmassend, vordringlich, verschwenderisch — aber das ist zu wenig: Sie ist auch eine schlechte, despotische Hausfrau, eine schlechte Gattin und Mutter. Sie ist die Vertreterin der krankhaftesten Moderne, die Trägerin der laxen und sünd-, haften Ehe-, Familien- und Gesellschaftsmoral. Sie schädigt die Sitten und den guten Geschmack. Was ist da geschehen? Wir sagten schon, dass man früher gegen die jüdischen Frauen nicht so unfreundlich war. Bcrufsanlisemiten haben manchmal geradeheraus die Jüdin als Frau, als Mutter, als Hüterin der Familie gerühmt. Und das Witzwart, das sich einmal ein Antisemitenhäuptling in Bezug auf die Jüdinnen geleistet hat : „Ich bin ein Antisemit, aber keine Antisemitin," hat sogar einsthaft etwas wie allgemeine Geltung erlangt. Warum gilt das heute nicht mehr? Der Antisemitismus ist in den letzten Jahren unvergleichlich aggressiver geworden — wird die erste Antwort sein — es war unvermeidlich, dass er, dem nicht Tugend, nicht Verdienst, nicht menschliches, nicht göttliches Recht heilig ist, die Frauen nicht verschonte. Gewiss. Die Antwort lässt sich hören. Diejenigen, die ihre Mütter lieben, diejenigen, vor deren Augen leuchtend das Bild jüdischer Edelfrauen aus alten und neuen Tagen steht, und vor allem die jüdischen Frauen selbst, möchten sich gerne mit dieser Erklärung beruhigen. Wer aber die jüdischen Frauen schätzt, wem ihre wundervolle Vergangenheit theuer ist, wer sie pro s und stolz, still und stark wünschen möchle, wie ihre Mütter, der wird auch den Muth der Ehrlichkeit finden, zu sagen: Die Zeiten haben sich zum Schlechteren verändert und die jüdischen Frauen mit ihnen. Doch fügen wir rasch ein Wort hinzu, ehe ein Missverständnis entsteht. Die jüdischen Frauen des Ostens, also bei weitem die Mehrheit, haben die Wohlthaten der Emancipation nicht genossen, sind darum aber auch um ihre ureigensten Schätze nicht betrogen worden, wenn auch die grosse Noth manchmal Opfer aus ihren Reihen gefordert hat. Auch in Westeuropa gibt es — Gott sei Dank — brave und treue Jüdinnen genug. Aber ein grosser Theil der Westeuropäerinnen — viele, viele Tausende —ist bereits angekränkelt von der Entartung, und die Krankheit greift von Tag zu Tag mehr um sich. Die Antisemiten haben gewiss unrecht mit ihren schweien Beschuldigungen, und auch die Milieuschitclerer haben unrecht, wenn sie eine E*nzelpersönlichkeit herausgreifen und eine schlechte Jüdin als Repräsentantin der Gattung hinstellen. Weder sind in den westeuropäischen Ländern alle Jüdinnen entartet, noch auch nur annähernd so entarlet, wie antisemitische Speculanten die thörichte Menge glauben machen möchten Und dann: Was an den jüdischen Frauen, die wir jetzt meinen, schlecht ist, das bringt nur zum allergeringsten Theile der nichijüdischen Gesellschaft Schaden. Aber für das Judenthum, insbesondere für das westeuropäische, können diese Frauen von unabsehbarem Schaden sein. Aus vielen Gründen: Diese Frauen — wenn man sie unter eine allgemeine Charakteristik zusammenfassen darf — arbeiten bewusst oder unbewusst im Innern der jüdischen Familie und in den kleineren oder grösseren Kreisen ihrer Gesellschaft an der Auflösung des Judenthums. Sie ergänzen beabsichtigter oder unbeabsichtigter Weise die Auflösungsarbeit, die die assimilatorischen Männer innerhalb der jüdischen Gemeinde und draussen im öffentliche 1 Leben betreiben. Es ist Entjudungsarbeit im Kleinen, die jede dieser Frauen vollführt. Und doch will es uns scheinen, dass dem Nationaljudenthum von Seite die?er Frauen eine weit grössere Gefahr droht, als von Seite der männlichen Vertreter der Assimilation; Denn abgesehen davon, dass sich jedes Princip leichter vom Kleinen ins Grosse durchsetzt als umgekehrt, kann man die assimilatorische Kleinarbeit der Frauen, die äich innerhalb engumschriebener Grenzen, sozusagen.hinter den Coulissen, abspielt, nur schwer controlieren, daher auch schwerer corrigieren als die grosszügigen und öffentlich n antinationalen Thätigkeiten der Männer. So kommt es — diese Beobachtung haben sicherlich schon viele gemicht — dass man in einem verhältnismässig kurzen Zeiträume jüdische Familien kaum wiedererkennen kann, so rasch und in so vielen Formen ist — Dank der Frau des Hauses — die Assimilation eingezogen. Das zweite Moment, dass die Frau es ist, welche die Gestaltung der Häuslichkeit, des Familienlebens, der Kind^rerziehung bestimmt, erhöht selbstverständlich die Gefährlichkeit der von der Frau betriebenen Entjudungsarbeit um ein Bedeutendes. Man kann es ja oft genug beobachten: Diese Frauen werfen nicht nur selbst die Ideale des Judenthums von sich und damit allgemein menschliche, nicht nur werden sie selbst immer äusserlicher, haltloser, oberflächlicher, enljudet, oder, wenn man will, jüdisch-antisemitisch — sie zerstören neben ihrer eigenen Individualität auch die Pcrsönü.hkeit ihrer Männer, ihrer Söhne, vor allem ihrer Töchter. Wenn wir sagen: Jüdische Knaben oder Mädchen haben darum kein Gefühl für das Judenthum, weil der Schu'unterricht schlecht ist, so läuft das auf eine Selbsttäuschung heraus. Wem in den schönen Tagen kindlicher Empfänglichkeit die Mutter etwas vom jüdischen Geiste mit gegeben hat, der wird sein Judenthum nie vergessen, selbst wenn er in der Schule das Judenthum zu schätzen nicht gelernt hat, ja selbst, wenn er für eine Zeit vom geraden Wege abirrte. Aber, wen in jenen Kindheitstagen der Mutter Mund gelehrt hat, das Judenthum zu verachten, der hat es schwer, von seiner Mutter weg sich dem Judenthum zuzuwenden, selbst wenn er in der Schule gut jüdisch erzogen wurde, gar wenn er in der Schule nichts zugelernt hat. AI.--0 sind die Mütter zuerst fürs Judenthum zu erziehen, sollen die Kinder früh Juden sein. Wenn diese Dinge selbstverständlich sind, wenn wir die Gefahr richtig einschätzen, die uns aus der Entfremdung so vieler jüdischer Frauen, aus der schlimmen Beeinflussung der jungen Generation, ans der allmählichen Auflösung der ehrwürdigen jüdischen Fnmilie drohen, dann werden wir keinen Augenblick länger zögern dürfen, hier abwehrend und — hoffentlich ball — verbessernd einzuwirken. Wohlverstanden: das ist nicht jene Arbeit, die schon heute von den zionistischen Frauenvereinen durchgeführt wird, welche sich zumeist auf Frauen erstreckt, die gut jüdisch und darum auch reif waren, für den Zionismus und in ihm organisiert und erzogen zu werden. Auch über diese Arbeit, die von Zionistinnen unter Zionistinnen geleistet werden soll, ist noch manches zu sagen. Das soll bei einer späteren Gelegenheit verbucht werden. Hier handelt es sich um die Frauen, die dt-m Judenthum entfremdet sind, also um völlig anders geartete Individualitäten. Ehe diese Frauen dem Zionismus nutzbar gemacht werden können, müssen sie dem