Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Article
- Militärarzt Rosenberg
- Date
- 1901-04-19
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 „Die & Welt" Seite 15 greifen, hatte es ihm auch nicht gefehlt Denn er war überzeugt, dass er als Officier von keiner Jüdin abgewiesen werden könnte. Aber er hatte doch ein paar Stufen zu hoch gegriffen und wurde abgeführt. Dieser Vorfall blieb zwar im Stillen, denn Heinrich fühlte durchaus nicht das Bedürfnis, ihn auch nur seinen Eltern mitzutheilen. Aber in ihm selbst blieb ein bitterer Tropfen. Die Abweisung einer Jüdin hatte ihn mehr gekränkt als der Fusstritt eines Officiers es gethan hätte. Es überkam ihn eine Art Hass gegen das ganze Judenthum. Er schwor, es nie mehr mit einer Jüdin zu versuchen. Lieber nicht heiraten oder einige Stufen in der gesellschaftlichen Scala heruntersteigen und eine Nichtjüdin heiraten. Aber die Eltern drängten ihn. Es gibt für Eltern keine bessere Gelegenheit, eine Rolle zu spielen, als bei der Hochzeit eines Kindes. Auch im „R-r-rejment" fieng man an, den „alten Knaben" zu uzen. Worauf wartete er eigentlich? Üb es denn an „klotzig reichen Manichäern" fehlte? Vom Stachel, der in Heinrichs Herz sass, wussten sie freilich nicht. Etwas ungemüthlich war es Heinrich bei all diesen Andeutungen geworden, und weil seine Wunde schliesslich mit der Zeit etwas vernarbte, nahm er sich vor, wieder einmal zu versuchen Er nahm einstweilen sechswöchentlichen Urlaub und gieng — es war gerade Badesaison — nach Wiesbaden. In Wiesbaden tummeln sich bekanntlich während der Badesaison die vornehmsten Fremden herum. Vielleicht gab es darunter eine passende Engländerin oder so was. Das Fremde ist ja fast so gut wie ein Adelspatent. Graf Waldersee hat ja auch eine von jenseits des grossen Wassers geheiratet. Und in Officierskreisen hat man vor einer schwerreichen englischen Miss einen heillosen Respect. Schade nur, dass er so wenig Englisch verstand. Aber ein Hindernis geradezu konnte das ja nicht sein. Mit ähnlichen Gedanken kam er in Wiesbaden an. Er stieg natürlich in der WTilhelmsstrasse ab, in einem Hotel ersten Ranges. Seine Sicherheit wuchs nicht eben, als er auf blitzsauberen Marmorfliesen, auf die ein Meer von zierlichen elektrischen Birnen ein strahlend weisses Licht ergoss, zwischen zwei wundervollen Palmenreihen die tadellosesten Anzüge und Cravatten einher wand ein sah. Da traf er auch einen vom Regimente, den Premier- Lieutenant von Schierkopf, Heinrich fühlte eine ordentliche Freude, als er ihn sah. Er gieng auf ihn zu. Aber nach einem kurzen Händedrucke und nach den ersten paar Begrüssungsformeln sagte Schierkopf: „Müssen schon verzeihen, Doctor. Zur Gräfin von Braundorff-Elvin gen befohlen — allerjnädigst. — Auf Wiederschaun, Doctoiv" Heinrich kam es vor, als ob Schierkopf etwas verlegen gewesen wäre, als ob er gefürchtet hätte, sich zu compromittieren, wenn er länger zusammenblieb mit einem, ' der Rosenberg hiess. Heinrichs Stimmung war eine sehr missmuthige geworden. An der grossen Table d'höte fühlte er sich recht einsam. Schierkopf sass weit weg von ihm, bei der Gräfin. Hinter ihm und vor ihm fifnkelte es ordentlich von Epauletten und rothen Schleifen in den Knopflöchern. Unzugänglich und steif war alles. Nicht weit von ihm sah er' eine englische Lady und eine Miss. Die Miss war ein Backfisch und glich einer frisierten Kröte. Sie redete kein Wort. Nur die Lady hatte ihr einmal zugeflüstert: „Don't dowdle« ... Mit Heinrichs englischen Plänen sah es in diesem Augenblicke sehr schlecht aus. Heinrichs Nachbarin war eine Ministenalräthin Piepke. Neben der Räthin sass ihre Tochter, Blanche. Die Ministerialräthin war eine ältere, sehr corpulente Dame mit einem Gesichte, auf dem die Sonne nie unterzugehen Sehlen —es strahlte unaufhörlich. Sie redete ein bisschen viel, mehr als bei der Table d'höte nöthig ist. Sie redete auch durchaus nicht mit jener stillen Reserve, welche die Guterzogeneri auszeichnet'. Sie liess sich auch - sans fac;on — mit Heinrich in ein Gespräch ein, und die Unterhaltung nahm von Tag zu Tag an Lebhaftigkeit zu. Heinrich berührte zwar die laute Geschwätzigkeit seiner Nachbarin sehr unangenehm, aber er hörte ihr mit tiefer Aufmerksamkeit zu. und verfehlte auch nicht, von Zeit zu Zeit dafür zu sorgen, dass die Unterhaltung nicht ins Stocken gerieth. Es war ja die einzige „gute" Bekanntschaft, die er hier gemacht, und wenn sie auch nicht ganz „fair" schien, er musste vorläufig damit fürlieb nehmen. Ausserdem zwang ihn die Rücksicht auf die Tochter, ausnahmsweise höflich zu sein. Blanche war ein sehr schönes Mädchen, eine hohe, schlanke Figur mit ziemlich üppigen weiblichen Formen, blond, aber mit Kastanienaugen,' und einem Gesicht, in dem alles wie gemeisselt schien. Die beiden halbkreisförmigen Nasenflügelchen und die schmalen, faltenlosen, echt rothen Lippen waren ein wahres Kunstwerk. Sie benahm sich sehr sicher und fein, redete kaum und hatte als Antwort gewöhnlich nur ein abgemessenes, reserviertes Lächeln. Heinrich benützte jede Gelegenheit, um in dieses Gesicht zu sehen. Er empfand etwas recht Wohliges, Freies, Warmes in solchen Augenblicken, etwas, das ihn aus seiner Reserve heraustrieb und seine angeborene, aber unterdrückte jüdische Lebhaftigkeit in sehr gefährlicher Weise auf die Probe setzte. Der Verkehr mit Piepkes gestaltete sich zu einem immer regeren. Heinrich durfte bald sogar für Mutter und Tochter Logeplätze im Theater bestellen. IX. Wie die Piepkes es fertig brachten, mit einer jährlichen Pension von 2000 Mark im Winter alle Bälle mitzumachen, im Sommer zur Cur nach Wiesbaden und zur Nachcur nach Colberg zu fahren, war eben ein Wunder. Bei den Diners an der Table d'höte geschah es oft, dass die Rathin und ihre Tochter fehlten. Das erklärte sich aber dadurch, dass alle Uebertage entweder Mutter oder Tochter Migräne bekam, und wenn die Mutter fehlte, musste natürlich auch die Tochter fehlen, und umgekehrt Jedem, den sie kannte, vergass die Rät hin nicht zu erzählen, dass die „Aerzte" — der Pluralis war freilich eine kleine Uebertreibung — ihr sehr viel Bewegung angerathen hätten, und dass sie mit Rücksicht darauf es sich zum Principe gemacht habe, nie einen Wagen zu nehmen. Es kostete der Räthin sicherlich viel Ueberwindung, sich von Heinrich Rosenberg nach dem Theater per Wagen abholen zu lassen. Ausserdem war die Räthin Abstinenzlerin und verzichtete auf Sect und alle anderen „geistigen Getränke". Denn sie litte ohnedies schon genug und hätte durchaus keine Lust, die „schlummernde Migräne" zu wecken. Eines aber stand fest: die Räthin empfand vor denen, die viel Geld hatten, einen ungeheuren Respect. Von diesem Gesichtspunkte aus lässt sich auch ihr Wohlwollen gegenüber Heinrich Rosenberg erklären. Dass eine", der Rosenberg heisst, Jude ist, war klar, und dass jeder, der Jude ist, unerschöpfliche Goldgruben besitzen müsse, war der Räthin ebenso klar. Wozu ist man denn schliesslich Jude? Nun wusste sie freilich nicht, ob er noch von den „richtigen Juden41 wäre, oder von den „Christenjuden". Aber wenn letzteres auch noch nicht der Fall wäre, würde er doch sicherlich nicht zögern, es zu werden, wenn er nur Blanche bekäme. Es war doch immer noch ein grosses Opfer ihrerseits, wenn sie Blanche einem Juden gäbe, und Rosenberg müsste klug genug sein, dies einzusehen. Dass die Räthin so gefügig war, hatte seine Ursache. Es war nämlich mit Blanche einmal eine Geschichte geschehen, von der man in „besseren Kreisen* nicht sprechen durfte, und die die „besseren Kreise" auswendig wußten. Vor zwei Jahren nämlich, als Blanche erst 17 Jahre alt war, hatte ihr ein Premier-Lieutenant der gros=herzoglichen Garde, ein Graf von X, auffallend den Hof gemacht. Die Räthin dachte nun gleich an eine Verlobung. Aber Blanche war erst, wie gesagt, 17 Jahre alt, konnte noch nicht genügend rechnen und wurde nicht die Braut, sondern die — Geliebte des Grafen. Hinterher hatte die Räthin sich fügen müssen, umsomehr. als der Graf sich sehr vornehm und feinfühlend gab. Aber das Verhältnis hatte bald ein Ende. Der Graf hatte sich nach einem anderen Regimente versetzen lassen. (Fortsetzung folgt.)