Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Article
- Militärarzt Rosenberg
- Date
- 1901-04-19
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die & Welt" Nr. 16 III. Herr Rosenberg führte ein grosses Haus. Es galt in den Augen der einige und achtzig jüdischen Familien der Residenz als das erste, deswegen vor allem, weil es fast nur „christlichen Verkehr" hatte. Das war das Bezeichnende für Rosenbergs Haus. Es war auch innerlich vornehm. Es war harmonisch, einfach und geschmackvoll möbliert. Man konnte nirgends eine Spur bemerken von den schreienden Farben und den überladenen Schmuckgegenständen, durch die sonst Parvenüs, und jüdische besonders, sich auszeichnen. Aber die Erinnerung an die jüdische Abkunft war doch ein wunder Punkt, der unter allen Umständen umfahren werden musste, wie eine gefährliche Klippe im Meer. Das war ein stillschweigendes Uebereinkommen, das alle herausfühlten, vom. ältesten Sohne Heinrich bis zum jüngsten zehnjährigen Töchterchen Edith. An den Diners, die Herr Rosenberg gab — und er gab oft welche — fehlten die nächsten Anverwandten. Die Geladenen waren durchwegs Nichtjuden, „Geschäftsfreunde" des Herrn Rosenberg, vielfach aber auch „bessere" Angestellte des Herrn Rosenberg — durchwegs Leute, die gesellschaftlich eine Stufe tiefer standen als Herr Rosenberg — aber ohne jüdisches Aussehen und ohne jüdische Namen. IV. In dieser Luft wuchs Heinrich Rosenberg auf. Durchs Abiturienten-Examen war er zweimal gefallen, und erst bei verdreifachter Anstrengung gelang es ihm, die „Reife" zu erhalten. Die mangelhaften Schulleistungen des Sohnes bereiteten dem Vater nur halbe Schmerzen. Auf der anderen Seite sah er darin eine gewisse Befriedigung. Das war doch im Grunde etwas, worin sich sein Sohn vo.i den Streberjuden unterschied. Heinrich Rosenberg prahlte öfter vor seinen Schulkameraden mit seiner Faulheit — »wir thun principiell nichts" war sein Losungswort — und der Vater lächelte, wenn er es hörte. Heinrich Rosenberg ähnelte seinem Vater an schönem Wuchs, harmonischen Gesichtszügen und ruhigem Temperament. Aber er war beschränkt, ohne Witz und Schlagfertigkeit. Bei den einfachsten Unterhaltungdn wasste er oft keine Fortsetzung, und er gliche in solchen Momenten sicher einem Idioten, läge nicht ein ziemlich angenehmes, gemessenes, durch die Gemessenheit fast überlegenes Lächeln auf seinem Gesichte. Heinrich Rosenberg studierte an mehreren deutschen Universitäten herum und war ganze sechs Semester Couleurstudent. Sein sicherer Instinct geleitete ihn immer zu einer sonst judenreinen Verbindung, die durch unglückliche Zufälle nach irgendeiner Seite hin ein Manco aufwies, mochte sie nun eben gegründet sein oder an chronischer Schwindsucht leiden. Seine thatkräftige Hilfe und sein taktvolles Benehmen liessen ein Auge zudrücken. V. Als er sein medicinisches Staatsexamen bestanden hatte und an die Ableistung seiner Militärpflicht gieng. liess er sich in ein Regiment einstellen, dessen Commandern: Freiherr Bodo von Vahlencamp war. Das hatte Herr S. Rosenberg veranlasst. Denn eine Schwester des Freiherrn Bodo von Vahlencamp war Hofdame bei Ihrer königlichen Hoheit. Herr S. Rosenberg hatte im Laufe seiner zahlreichen Geschäftsjahre die Erfahrung gemacht, dass das Gesicht einer Kundin — jeder Kundin — zu leuchten anfange, wenn sie ihn übers Ohr gehauen zu haben glaubte. Nun geschah es, dass er der Hofdame Gutta-Melitte Freiin von Vahlencamp öfter die Gelegenheit gab, ihr Gesicht mit einem Leuchtstrahl zu verklären. Die Freiin war eine Frau in den besten Jahren und brauchte viel und feine Wäsche. Sie machte sehr gute Einkäufe und fand, dass Herr S. Rosenberg ein „prächtiger Mann" war. Herr S. Rosenberg erzählte ihr eines Tages, dass sein Sohn die Ehre habe, als Freiwilliger beim Regimente ihres gnädigen Herrn Bruders zu stehen. Eines anderen Tages erzählte ihr Herr Rosenberg, dass sein Sohn in seinen Briefen den Mund nicht voll genug nehmen könne, um die Liebenswürdigkeit seines Commandeurs zu schildern. Einige Tage später erzählte Herr Rosenberg, wie das Milifärleben es seinem Sohne angethan hätte und wie er mit Leib und Seele Soldat wäre. Wiederum nach einigen Tagen erlaubte sich Herr S. Rosen berg die ganz ergebene Frage, ob die gnädige Frau nicht die Verbindlichkeit haben wollte, bei Gelegenheit den Rath des gnädigen7 Herrn Bruders in betreff seines Sohnes einzuholen. Er wäre nämlich Arzt und würde sich als solcher mit der grössten Bereitwilligkeit in den Dienst des Vaterlandes stellen. Bei der nächsten Uebung wurde Heinrich Rosenberg durch seinen Commandeur zum Unterofficier ausgemustert und ein halbes Jahr später auf dessen Vorschlag ins Sanitätscorps eingereiht. So wurde Heinrich Rosenberg Militärarzt. VI. Der Stand eines Militärarztes ist ein sehr exponierter. Der Militärarzt trägt Officiersuniform, ist aber durchwegs den übrigen Officieren an Bildung überlegen. Er hat sein Vorleben in keinem abgeschlossenen Kreise zugebracht, hat verschiedene Anschauungen und Strömungen auf sich wirken lassen, und nun muss er lernen, dass es nur eine Anschauung gibt. Dazu fühlt er sich gesellschaftlich beengt. Denn er gilt doch nicht für voll und heisst — halb mitleidig, halb herablassend-vertraulich — „unser Doctor". Tant pis, wenn man Rosenberg heisst. Aber Heinrich Rosenberg hatte eine glückliche Gabe, die Gabe des ewigen Lächelns, die ihm über alle Klippen hinweg half. Wenn im Casino, bei Tisch, Pillnitz seine Witze riss über die „,Rose des Berges* die jedenfalls nur auf den Bergen von Libanon blühe " — lächelte Heinrich. Wenn man über schwarzäugige Damen verhandelte, denen die Commisjünglinge zuwider wären und die mit aller Gewalt nach militärischem Anschluss suchen, lächelte Heinrich. Wenn sein Herz sich manchmal zusammenkrampfte und wenn es ihm in allenHFingerspitzen kribbelte — lächelte Heinrich. Zu der Gabe des- Lächelns kam noch hinzu, dass er selbst zu Witzeleien keinen Anlass bot. Denn er besass „tadellose Manieren". Hilfreich war er wie ein Engel. Wenn Pillnitz — derselbe, der gar nicht genug von den „Rosen des Berges" und „rosigen Bergen" reden konnte — in Geldverlegenheit gerieth, stellte sich ihm Heinrich Rosenberg in der uneigennützigsten Weise zu Verfügung. Pillnitz vergass hin und wieder einen kleinen Rest. Aber Heinrichs Lächeln blieb. Heinrich empfand es als eine Befriedigung, ausgenützt zu werden, ohne Aussicht auf Revanche. Dass man sich herabliess, ihn auszunutzen, war schon für ihn eine Revanche! So kam es, dass Heinrich Rosenberg sich „gehalten" hat. Und mehr hatte er auch nicht gewollt. VII. Herr S. Rosenberg wurde von der jüdischen Gemeinde mit Ehren überhäuft. Je mehr er sich von Israel seitwärts zog, desto mehr zog ihm Israel nach. Der ganze Vorstand und die ganze Leitung der Synagoge wurde ihm übertragen. Aber er trieb mit seinen Amtsbefugnissen keinen Missbrauch. Denn er kam nach der Synagoge nur einmal im Jahre. An diesem einen Tage erschien er in Begleitung seines Sohnes in der Synagoge. An diesem Tage trug Heinrich eine blitznagelneue Officiersuniform. Bei seinem Erscheinen in der Synagoge empfand Heinrich etwas, das ihn für alle Bitternisse, die er im Laute des Jahres beim „R—r— ejment" ausgekostet, fast zu entschädigen imstande wäre. Er wusste, dass in diesem Momente aller Augen auf ihn, tiefer Bewunderung voll, gerichtet sind. Er wusste, dass von der Gallerie herunter eine ganze Kohorte hübscher Mädeln ihn mit feuchtschwärmerischen Blicken anstarrten, dass er nur die Hand auszustrecken brauchte, um in diese Kohorte hineinzugreifen. Einen Stachel aber hatte die Sache. Die Mädels, die ihn anschwärmten, waren nur jüdische Mädels. VIII. Es war eigentlich schon Zeit, dass Heinrich sich nach einer Frau umsah. Er hatte aber nach dieser Richtung ganz bestimmte Entschlüsse gefasst. Es musste eine sein mit viel Geld und aus besten Kreisen. Ausserdem durfte man ihr das Jüdische nicht ansehen können. Einmal, bei einem kurzen Aufenthalte in Berlin, glaubte er sein Ideal gefunden zu haben. An Muth, zuzu-