Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Article
- Entartung und Regeneration
- Date
- 1901-04-19
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die & Welt?* Nr. 16 uns drohenden Entartung beschreiben will, nämlich die ökonomische Lage, die ja nach der Ansicht der Marxisten überhaupt die „Ursache aller Ursachen" sein soll, wobei ich aber im vorhinein bemerke, dass ich, weil ich über den Rahmen dieses Artikels nicht hinausgehen will, nicht alle Details dieser umfassenden Frage eingehend besprechen kann. Man muss auf die strenge materialistische Geschichtsauffassung nicht eingeschworen sein, um anzuerkennen, dass die Ökonomische Lage der russischen Juden in der That die Hauptursache ihrer Entartung bildet Wenn man wissen will, wie die Juden in Russland leben, so muss die Frage vorerst dahin präcisiert werden, wie man sie dort leben lässt. Die beste Information über die Lebensweise der Juden in Russland geben die zur Regelung der Judenfrage erlassenen Gesetze und Verordnungen. Die Juden befinden sich, gleich den übrigen Bewohnern des ehemaligen Königreichs Polen, seit einem Jahrhundert unter der Oberhoheit Russlands, und im Verlaufe dieser Zeit, bis in die jüngste Gegenwart hinein, sind sehr viele sogenannte „Judengesetze" erlassen worden. Die Juden-Gesetzgebung lässt sich — wenn wir von kleinen Abweichungen absehen — nach den Grundgedanken der einzelnen Gesetze in folgende zwei Perioden gliedern : Seit dem grossen „Judengesetze* des Jahres 1804 (Poloschenje Jewrejach), das unter der Regierung des Kaisers Alexander I. erlassen wurde, bis in die zweite Hälfte der Regierung des Kaisers Alexander IL wurden die Rechte der früher ganz rechtlosen Juden in Russland langsam und allmählich erweitert. Seit den Siebzigerjahren des verflossenen Jahrhunderts ergehen in ununterbrochener Reihenfolge bezüglich der Juden in Russiand Erlässe und Gesetze, welche ihren Höhepunkt in dem sogenannten „Interimsgesetze" des Jahres 1882 vom 3. Mai (YVremenaja prawila) erreichte, welches noch heute in voller rechtlicher Geltung ist. Die Rechte, welche die Juden heute in Russland besitzen-, lassen sich in Folgendem zusammenfassen: Die Juden in Russland haben bloss in c2(j Gouvernements das Ansiedlungsrecht, und auch da nur in den grösseren und kleineren Städten, nicht aber in den Dörfern und Landgemeinden (wo sie nicht einmal übernachten dürfen), und selbst von den Städten des Ansiedlungsrayons sind einige, wie Kiew, den Juden verschlossen. Die °26 Gouvernements heissen die „jüdischen Ansiediungskreise", doch ist dieses sogenannte 9Ansiedlungsrecht" insoferne beschränkt, als der Jude weder das Recht hat, Ländereien käuflich zu erwerben, noch solche zu pachten. Dem Juden ist es nicht nur unmöglich, irgendeine, selbst die unbedeutendste sociale Stellung zu bekleiden, es wird ihm auch der Weg zur Bildung verengt, indem die Aufnahme der Juden in die Mittel- und Hochschulen auf 3 Percent (in Petersburg und Moskau), 5 Percent oder im besten Falle auf 10 Percent beschränkt ist. Die Juden haben wohl gesetzlich das Recht, Handel und Industrie zu treiben, doch ist ihre Theilnahme an Actiengesellschaften percentuell geregelt und dürfen sie nur innerhalb der Städte Fabriken und industrielle Etablissements errichten. Man kann sich leicht vorstellen, welcher Art die Lebensweise der auf das enge Gebiet von 26 Gouvernements zusammengedrängten, fünf Millionen starken Menschenmenge sein muss, wenn sie bloss auf Handel und Industrie — und dieses in sehr beschränkter Weise — angewiesen sind. Ich spreche von einer fünf Millionen starken Menschenmenge, weil von jenen russischen Juden, welche das Recht haben, überall zu wohnen und zu leben, nämlich den Kaufleuten erster Gilde, den Absolventen einer Hochschule und den Handwerkern, die ersten und zweiten im \ ergleiche zur grossen Masse des russisch-jüdischen Volkes eine verschwindend kleine Zahl darstellen, und die letzten — die Handwerker — aus Gründen, die im Folgenden entwickelt werden sollen, von ihrem Rechte keinen Gebrauch machen. Ich werde also im Folgenden nur von den Juden der „Ansiediungskreise" sprechen, da diese die grossen jüdischen Massen in Russland repräsentieren. Sie zerfallen in folgende drei Gruppen: in die Handeltreibenden, Handwerker und in jene Arbeiter, welche, da ihnen eine specielle Fachbildung fehlt, die gemeinen Arbeiten auf sich nehmen. Nicht unerwähnt lassen will ich die Gruppe der jüdischen Ackerbauer, welche die Unrichtigkeit der uns oftmals entgegengehaltenen Behauptung, die Juden hätten zum Ackerbau weder Fähigkeit noch Lust, beweisen. Diese Gruppe verdankt ihre Existenz dem Kaiser N i c o 1 a u s L, welcher in seinem Bestreben, die russischen Juden zur völligen Assimilation zu zwingen, einer bestimmten Anzahl von ihnen Landstriche in Südrussland in den Gouvernements Cherson und J ekaterinoslaw und auch in Nordwestrussland angewiesen hat, um sie auf diese Weise gewaltsam zu Ackerbauern zu machen. Nach den Angaben N i k i t i n s und anderer russischen Ethnographen existieren heute im ganzen 90.000 russisch-jüdische Colonisten, weiche in keiner Weise den nichtjüdischen Ackerbauern nachstehen. Die erwähnte Zahl der jüdischen Colonisten ist zwar an und für sich eine ziemlich bedeutende, verschwindet jedoch im Vergleiche zur grossen Zahl der jüdischen Handeltreibenden und Handwerker. Ich gehe nun sofort auf den bedeutendsten Stand der russischen Juden über — auf den Stand der Handeltreibenden. Man sagt, die Juden seien ein Handelsvolk, und das ist auch insofern richtig, als ja ungefähr 60% des jüdischen Volkes Handel treiben. Nur muss man hinzufügen, dass hier nicht wie bei den Engländern oder Deutschen von einem Welthandel, sondern grösstentheils nur vom Klein- und Hausierhandel die Rede sein kann. Die jüdischen Fabriken und industriellen Unternehmungen stehen in gar keinem Contact mit den neuesten Fortschritten der Technik, so dass man sicher gehen kann, dass, wenn irgendein modernes Unternehmen zustande gekommen ist, niemals die Initiative von einem Juden ausging; wie wir überhaupt bei der näheren Betrachtung der ökonomischen Verhältnisse des jüdischen Volkes in Russland zu dem traurigen, aber unbedingt richtigen Schlüsse kommen, dass die Juden auf industriellem und ökonomischem Gebiete ein stagnierendes Element sind, was nur durch die noch heutzutage in Geltung stehenden Rechtsbeschränkungen zu erklären ist. Um für unsere Behauptungen einen weiteren Beweis zu erbringen, brauchen wir nur auf die Hauptthätigkeit der jüdischen Händler in Russland hinzuweisen. Am weitesten verbreitet ist die Kramerei in den verschiedensten Formen und Abstufungen; daneben spielt der Getreide- und Holzhandel eine grosse Rolle, ersterer in Süd- und Südwest-, letzterer in Nord- und Nordwest- Russland. Es ist wohl wahr, dass in einigen grösseren Städten sich einige jüdische „Grossgeschäfte" vorfinden, die über ein riesiges Capital verfügen, grösstentheils aber sind die Kaufläden der Juden in den grösseren Städten kleinere Kramläden, deren gesammter Warenvorrath oft kaum einige JJubel wert ist. Besonders armselig sind die Kaufläden und Magazine der Juden in den kleineren Städtchen, in denen ja zwei Drittel des ganzen jüdischen Volkes in Russland wohnen. Von der Einträglichkeit der Kaufläden in den kleinen Städtchen kann man sich einen Begriff machen, wenn man sich vor Augen hält, dass in einem Orte, wo 300 jüdische Familien und einige Bauernfamilien wohnen, bei 40 solcher Läden vorhanden sind, die sich gegenseitig Concurrenz bieten, derart, dass sie oftmals mit dem Gesetze gegen „unlauteren Wettbewerb" in Conflict gerathen. Ausser diesen „vermögenden" Kaufleuten gibt es noch sogenannte „Proletarier des Handels", welche über gar kein Vermögen verfügen, und welche, um sich vor dem Hungertode zu schützen, einige Rubel bei Wucherern oder bei wohlthätigen Männern oder Frauen der einzelnen Städte holen, mit diesem Stammcapitale von Jahrmarkt zu Jahrmarkt reisen, kleine Vorräthe einkaufen, um sie mit geringem Nutzen sofort wieder abzugeben. Ein solcher „Wanderjude" verdient im besten Falle zwei bis drei Rubel wöchentlich, und man kann sich leicht vorstellen, welche Beschränkungen sich die grösstentheils sehr zahlreiche Familie solcher „handeltreibender Juden" auferlegen muss, um den Kampf ums Dasein bestehen zu können. Infolge dieser ökonomischen Uebelstände findet sich in den Judenvierteln der einzelnen Städte, besonders in Warschau, Odessa und Berditscheff eine so grosse Armut, dass die Worte des Professors Pilat über das Judenelend in Czernowitz auch hier ihre Geltung haben. Es sagt in seinen „Socialen Studien aus der Bukowina" ungefähr Folgendes über diesen Punkt : „Wir finden hier solche arme schmutzige Leute, dass die Phantasiebilder, welche sich der Westeuropäer von einem elenden, unglücklichen Menschen geschaffen hat, hier durch die Wirklichkeit bedeutend übertroffen werden. Die Hosen sind trotz der 20—30 Flecke durchlöchert, den Schlussröcken fehlt oft das Rückentheil, ein Umstand, der durch den Mangel einer Weste und eines Hemdes noch schlimmer fühlbar ist. Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren spielen splitternackt im Strassenstaube." Wenn wir uns das furchtbare Bild, das uns Professor Pilat entwirft, vor Augen halten, brauchen wir dann noch eines weiteren Beweises für die Behauptung, dass die völlige Entartung der russischen Juden sich Schritt für Schritt mit unabwendbarer Notwendigkeit vollziehe? Ist nun die Entartung der russischen Juden auch wirklich „unabwendbar" und „nothwendig"? Gibt es kein Mittel zu ihrer Bekämpfung? Kann diesen verkrachten jüdischen Kaufieuten in keiner Weise geholfen werden?