Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Article
- Die jüdischen Ärzte und der Zionismus
- Date
- 1901-04-19
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 16 Wohl fehlt es nicht an Stimmen, welche die Anschauung vertreten, dass mit der Zurückführung eines grösseren Bruchtheiles des jüdischen Volkes zur Landwirtschaft und mit der Befreiung aus der gegenwärtigen wirtschaftlichen Noth die Folgen des Goluslebens von selbst schwinden werden und auch die physische Gesundung der Juden von selbst eintreten werde. Aber die Vertreter dieser Anschauung vergessen, dass die wirtschaftliche Befreiung nur durch eigene Anstrengung erfolgen kann und dass erfolgreiches Mühen und Ringen nur auf dem Boden vollster Gesundheit möglich ist. Die Noth des jüdischen Volkes ist eine so grosse, class es gilt, von vielen Seiten gleichzeitig mit der Bekämpfung derselben zu beginnen, und an welchem Punkte immer man ansetzt, alle auch nur auf eine specielle Seite gerichteten Bemühungen kommen infolge des tiefen inneren Zusammenhanges aller Lebenserscheinungen stets dem Gesammtieben des Volkes zustatten. Heben wir also vorerst die Volksgesundheit, so erhöhen wir damit die Befähigung des Volkes zur wirtschaftlichen Selbsthilfe, und erhöhen wir die physische Kraft der Individuen wie der Gesammtheit, so schaffen wir zugleich günstigere Bedingungen für Erhöhung der intellectuellen und ethischen Kräfte. Die Pflege der Volksgesundheit ist heute bei allen Culturvölkern ihrer wahren Bedeutung nach gewürdigt und wird gegenwärtig in allen Culturstaaten geübt Haben wir Juden also, so lange wir nicht im Besitze einer eigenen Heimstätte sind, neben der öffentlichen, staatlichen Gesundheitspflege noch eine specielle Aufgabe, die sich im besonderen auf unsere Volksgenossen erstreckt? Gewiss. So lange das specifische Judenleid besteht, so lange nicht die letzten Spuren der Judenbedrückung geschwunden sind, so lange gibt es für uns Juden noch immer die Nöthigung zu besonderer Arbeit an unserem eigenen Volke. So wenig die Fürsorge des Staates und der Gesellschaft für Volksbildung uns Juden der Pflicht zur speciellen pädagogischen Arbeit an unserem eigenen Volke entledigt, so wenig enthebt uns die Fürsorge des Staates für öffentliche Gesundheitspflege der speciellen Arbeit an der physischen Hebung unseres eigenen Volkes. Ebensowenig als die Arbeit des Erziehers jemals beendet ist, ebensowenig ist es die Arbeit des Arztes; so wenig der Erstere jemals die Grenze erreicht, über welche hinaus eine Besserung oder Fortentwicklung nicht mehr möglich ist, ebenso wenig gibt es für den Arzt ein begrenztes Ziel, über das hinaus eine Fortarbeit an der Hebung der Volksgesundheit nicht mehr denkbar wäre. Wen seine Liebe zum eigenen Volke antreibt, sich in dessen Dienst zu stellen, der wird um Arbeitsgelegenheit nie verlegen sein. Aber auch äussere Verhältnisse führen heute viele Juden, die gerne für die Gesammtmenschheit schwärmen, zu ihren eigenen Volksgenossen zurück. Je mehr für uns Juden die Möglichkeit eingeschränkt wird zur Mitarbeit an der Förderung des Gemeinwohls, umsomehr sollen wir unsere Kräfte dort bethätigen, wo deren Entfaltung am wenigsten behindert wird, das ist im Dienste unseres eigenen Volkes. Keine äussere Beschränkung, auch nicht Hass, Spott oder Hohn, vermag auf diesem Boden die Arbeitsmöglichkeit zu verringern; das Arbeitsfeld kann uns wohl von aussen abgegrenzt werden, die Intensität, die Vertiefung der Arbeit steht uns frei, ihr innerer Wert hängt einzig und allein von unserer Kraft, von unserem sittlichen Wollen ab. Gerade aber durch die tiefe, beharrliche Arbeit an der Hebung unseres eigenen Volkes, an der Besserung seiner Lage stählen wir unsere Kräfte, wir wecken neue Fähigkeiten in uns selbst und werden dadurch umso wertvollere Mitarbeiter an der Förderung des Wohles derGesammtmenschfieit. Wieimallgemeinen, gilt dies auch ganz besonders für die jüdischen Aerzte. Vielfach sind heute die Klagen, dass die materielle Existenz der jüdischen Aerzte besonders schwer bedrängt sei, ja was noch schlimmer ist, dass den jungen jüdischen Medicinern und Aerzten die Wege zu allseitiger und gründlicher Ausbildung für ihren Beruf gar häufig schwerer zugänglich gemacht werden. Die Gefahr, dass das Bildungsniveau der jüdischen Aerzte hinabgedrückt werde — und eine solche Hinabdrückung liegt ja sicherlich allen gegen die jüdischen Aerzte gerichteten Bestrebungen als bewusste Absicht zugrunde — ist eine sehr grosse, denn wenn dem Arzte die Gelegenheit zur Anstellung von Beobachtungen und zur praktischen Bethätigung eingeschränkt wird, so kann dies durch noch so fleissiges Bücherstudium nicht ersetzt werden. Die würdigste Art, dieser Gefahr zu begegnen, ist die, dass die jüdischen Aerzte sich selbst Gelegenheit zur Bethätigung ihres Wissens und Könnens schaffen. Dies können sie leicht, wenn sie sich in den Dienst der Regeneration ihres Volkes stellen. Es war bereits wiederholt davon die Rede, dass im Rahmen der socialen Aufgaben, die das Gegenwartsprogramm der zionistischen Partei umfasst, auch ein unentgeltlicher Aerztedienst für die jüdischen Armen organisiert werde. Ein solcher wurde ja schon gelegentlich der rumänischen Emigration in Wien geschaffen. Die Aufgabe, die den Aerzten, welche sich diesem Dienste widmen, zufielen, wären weit grössere und auch schwierigere, als sie die gewöhnliche ärztliche Armenbehandlung bietet. Es wäre ja nicht bloss die Aufgabe, Krankheiten zu heilen oder wenigstens Beschwerden zu lindern und die Fähigkeit zur Ausübung des Berufes wieder herbeizuführen, sondern die Aufgabe müsste im Sinne einer planmässigen Volksregeneration, einer vollständigen Rassenhygiene viel weiter gefasst werden. Nicht die Kranken allein, d. h. die sich krank fühlen, die über Beschwerden klagen, wären Gegenstand der Fürsorge des Arztes, sondern auch die, die sich für gesund halten und in der Regel die Hilfe und den Rath des Arztes nicht suchen. Gerade die letztere Kategorie kommt in erster Reihe in Betracht. Es gilt, die jüdischen Massen zur bewussten Gesundheitspflege zu erziehen, sie dazu zu führen, dass sie aus eigenem Antriebe nach körperlicher Rüstigkeit und Gewandtheit streben, dass sie in sich selbst den lebhaftesten Drang fühlen, kräftiger, frischer, leistungsfähiger und damit lebensfroher zu werden. Es gilt, vorhandene x^nlagen zur Schwäche, zur mangelnden Leistungsfähigkeit frühzeitig zu erkennen und zu tilgen, insbesondere die unter den Juden so häufig vorhandene gesteigerte nervöse Erregbarkeit durch eine in jedem besonderen Falle ins einzelne gehende Anleitung zur zweckmässigen Lebensweise zu mildern, der Verweichlichung und Schlaffheit entgegenzuarbeiten, durch Uebung und Trainierung Muskelkraft und Gelenkigkeit zu schaffen, die Widerstandsfähigkeit gegen Gefahren aller Art zu stärken, die Arbeitsfreudigkeit, die Lust, sich selbst Anstrengungen zuzumuthen, die Ausdauer in Ertragung von Widerwärtigkeiten zu erhöhen. Gewiss ist die planmässige und erfolgreiche Durchführung der hier skizzierten Aufgaben eine sehr schwierige, die Kraft der Einzelnen weit übersteigende Sache. Nur Hand in Hand mit allen übrigen, im Rahmen der nationalen Organisation der geistigen, physischen und wirtschaftlichen Hebung der jüdischen