Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Article
- Gegenwartsaufgaben des Zionismus
- Date
- 1901-04-12
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8 Die 2$ Welt" Nr. 15 Zigeuner hätte führen müssen, wenn sie nicht ein Gegengewicht in den moralischen Lehren unserer Religion gefunden hätte. Durch das ewige Sichducken und Ausweichenmüssen erhielt diese Moral ein neues verächtliches Element, die Feigheit und den Mangel an selbstbewusstem Auftreten nach aussen. Die aufgezählten ererbten, culturfeindlichen und asocialen Elemente in der Veranlagung des heutigen Jud^n können nur durch eine Volkserziehung beseitigt werden, die eine, vielleicht mehrere Generationen andauern muss. Diese Erziehung muss schon im Golus beginnen, denn sie bildet die unerlässliche Voraussetzung, damit wir fähig werden, ein staatliches Gemeinwesen zu schaffen und culturelle Aufgaben auf uns zu nehmen. Alle Mängel und Schäden des Ghetto haben ihre Quelle in der Abhängigkeit von den anderen Vö kern und werden völlig zugleich mit dieser verschwinden, aber die Keime müssen schon jetzt gelegt, die Saat reichlich ausgestreut werden, damit uns auf eigenem Boden eine üppige Ernte emporschiesst. Insbesondere gilt dies von der moralischen Erziehung, die niemals durch blosse Verbreitung guter Lehren, sondern durch das lebendige Beispiel der grossen moralischen Persönlichkeiten erfolgt. Solche Persönlichkeiten erzeugt aber nicht die Ruhe und der Besitz, sondern der Kampf. Nicht der Judenstaat, sondern der Kampf um den Judenstaat und um die Wiedergeburt wird, sobald der Zionismus durch Ausweitung und Verinnerlichung die ganze Persönlichkeit erfasst, jene, wenn ich mich so ausdrücken darf, moralischen Genies entstehen lassen, welche die jüdische Volksseele von den Schlacken der Ghetto-Moral reinigen werden. Uns übrigen bleibt die Aufgabe, die Corruption bei den Juden überall und in jeder Form zu bekämpfen und auszurotten. Das religiöse und wissenschaftliche Denken ist bei uns nicht wie bei den anderen Völkern das Vorrecht der sogenannten Intelligenz, also einer bald grösseren, bald kleineren Minderheit der Nation, sondern man kann ruhig sagen, dass beinahe jeder Jude, besonders der fromme, sobald ihm die aufreibende Sorge ums tägliche Brot auch nur etwas Zeit übrig lässt, alle diese Zeit auf geistigem Gebiete verwendet. In der Allgemeinheit des Denkens liegt die Gefahr der geschilderten Einseitigkeit des jüdischen Geistes und auch der hervorragende Nutzen, wenn wir die jüdische Gedankenarbeit von den Grübeleien und Spitzfindigkeiten des Talmuds und der rabbinistiscnen Literatur auf das gewaltige, fruchtbare Gebiet der empirischen und abstracten Wissenschaften lenken. Die Aufnahme moderner Bildung und ihre Verbreitung unter die grosse Masse hat bei uns ausser der ihr zukommenden noch die besondere Bedeutung, dass sie zusammen mit den Werken des Sinnes für das Schöne in der Natur und in der Kunst uns aus der Einseitigkeit herausreissen und die harmonische Ausgleichung der geistigen Kräfte bewirken und so die Voraussetzung der Fähigkeit bilden soll, aus eigenem wieder culturschöpferisch zu werden. Die Pflege und Entwicklung des Körperlichen soll einerseits die körperliche Regeneration anbahnen, andererseits von geistiger Wühlarbeit ablenken, eine Ausgleichung des Geistigen und Physischen im Juden bewirken und das krankhafte Qebergewicht des ersteren zurückdrängen. Durch die Erstarkung des Körpers wird auch die Sicherheit des Auftretens nach aussen und das Selbstbewusstsein geweckt und gehoben werden. Die Zeiten der Völkerwanderung, wo ein ganzes Volk auf einmal seinen bisherigen Wohnsitz verliess und sammt und Fonders in die ungewisse Fremde auswanderte, sind vorbei. Es war dies nur möglich bei der Bedürfnislosigkeit der damaligen Menschen, die man sich nicht mehr vorstellen kann. Heute ist eine Auswanderung grosser Massen auf einmal nur in organisierter Form, nach einem wohldurchdachten, ins einzelne gehenden Plane möglich, der den differenzierten und complicierten Bedürfnissen der Neuzeit, wenigstens den unerlässlichsten, volle Rechnung trägt. Die technische Seite der Auswanderung nach Palästina ist ein Problem, von dessen Lösung der Wert der Erlangung des Charters in hohem Masse abhängig ist. Die vorbereitende Arbeit zur Lösung dieser Frage, also die genaueste Erforschung des Landes und seine Instandsetzung zur Aufnahme der grossen Massen, wenn sie einmal kommen, ist die Aufgabe der Gegenwart. Diese Aufgabe erweitert sich und gewinnt an wesentlicher Bedeutung, wenn wir, wie es der Zionismus thut, einerseits die Landgewinnung mit der Hin Überleitung eines grossen Theiles der Juden vom Handel zu einem ihnen fremden Berufe, dem Ackerbau, verbinden, andererseits in Palästina ein Centrum schaffen wollen, von dem aus die culturelle, physische und moralische Wiedergeburt ihre concentrischen Kreise um das ganze Judenthum ziehen soll. Wir müssen bestrebt sein, nach Palästina den Schwerpunkt des Judenthums zu verlegen, zu dem alles Jüdische gravitieren soll. Wenn es auch vor Erlangung des Charters nicht möglich ist. dass Palästina, das Gros der Judenheit aufnehme, so müssen wir schon jetzt dafür sorgen, dass dort der Kern des Judenthums seinen Sitz habe. Wir müssen den Blick der Juden nach dem Heiligen Lande richten, sie daran gewöhnen, dort den Mittelpunkt und das Ziel aller Hoffnungen und Bestrebungen zu erblicken. Dies alles lässt sich nicht durch theoretische Argumentation," sondern nur durch Verrichtung von positiver Arbeit in Palästina selbst bewirken, und so erwächst uns vielleicht die wichtigste Aufgabe der Gegenwart, die der Coionisation, und zwar, da der politische Zionismus nichts unternehmen darf, was sein loyales Verhältnis zur Pforte in Zweifel setzen kann, zunächst der autoehthonen Coionisation, Der Anblick, den die Judenschafc Palästinas mit Ausnahme der Colonisten nach übereinstimmenden Berichten darbietet, ist ein furchtbar deprimierender. Jerusalem, wo der herrliche Bau unserer Zukunft und Einheit errichtet werden soll, ist ein modernes jüdisches Babel. Physisch und moralisch degenerierte Schnorrer und „Batlonim", ein zusammengelaufenes Pack aus aller Herren Ländern, zersplittert in eine Unzahl landsmännischer Gemeinden, balgen sich um Einfluss und den Bettelgroschen der Chaluka herum. Wenn wir auch die Alten nicht mehr ändern können, die Jungen, die neue palästinensische Generation, müssen für den Zionismus hinübergettet werden, denn sie haben zusammen mit den Colonisten wichtige Aufgaben zu erfüllen.*) Durch die autochthone Coionisation, das ist durch die Verwandlung der Söhne der Schnorrer * und Batlonim in Ackerbau- und Gewerbetreibende, werden wir vorerst wirtschaftlich Fuss in Palästina fassen. Dies ist von grosser Bedeutung, denn seit den letzten Jahren ist das Heilige Land und seine Nachbarländer ein Tummelplatz des internationalen Capitals, besonders des deutschen, französischen un l englischen, geworden, und es könnte geschehen, wenn man sich nicht rechtzeitig vorsieht, dass die Juden bei ihrer Ankunft die wirtschaftlich günstigsten Positionen in fremden Händen finden werden. Der Uebergang vom Handel zur Landwirtschaft ist ein so durchgreifender, dass er nur durch eine langsame, stetige Entwiklung erfolgen wird. Die Colonisten werden dann die berufenen Lehrmeister der Neuangekommenen sein, wie auch sonst das durch die autochthone Coionisation 'gewonnene lebendige Erfahrungsmaterial von unschätzbarem Werte für die Lösung der technischen Fragen der Ansiedelung sein wird. Sie werden weiters die Veranstaltungen zu treffen' haben für die Aufnahme und Versorgung der Einwanderer bis zu dem Augenblicke, wo sie sich im Lande eingerichtet haben. Die Hauptbedeutung der Colonien wird aber in der Schaffung des neuen nationalen Judentypus bestehen, der, körperlich, moralisch und geistig gesund, der Träger der einheitlichen Sprache und der neuen nationalen Cultur, der Ausgangspunkt der Wiedergeburt unseres Volkes sein wird. Wenn nach Erlangung des Charters die Juden aus allen Ländern, in allen Abarten und Unarten, ins Land strömen werden, so ist es nothwendig, damit nicht ein heilloses Chaos entsteht, dass sie im Nachkommen des Colonisten das Muster des neuen Juden finden, nach dem sie sich bilden und in eine Einheit verschmelzen sollen. Der agitatorische Wert der Coionisation, als des greif- und sichtbaren, concreten Resultates der zionistischen Arbeit, wird ein ungeheurer sein. Der Pforte, deren natürliche Verbündete wir sind, werden wir eine Probe davon geben, was das Land in unseren Händen werden, was sie durch uns gewinnen kann. Die Schwierigkeiten, die dabei zu überwinden sind, sind riesengross, aber wenn wir sie nicht zu bewältigen vermögen, wie wollen wir uns an das weit gewaltigere Werk der Landgewinnung heranwagen, deren Voraussetzung die Coionisation ist? Die Landgewinnung für ein Volk ist ßtwas anderes als die Anschaffung von Boden für einen Einzelnen. Der Einzelne bezahlt den Boden und hat ihn. Durch die blosse Gewinnung des Charters werden wir noch nicht ein Heim erlangen, wie es die anderen Völker als Voraussetznng ihrer nationalen Entwiklung besitzen. In früheren Zeiten musste man sich mit der WTafi°e in der Hand, jeden Fuss Erde mit Herzblut durchtränkend, das Land erobern, damit man es mit innerer Berechtigung sein Eigen nennen konnte. Heute werden wir Schritt für Schritt, die Scholle mit dem Schweisse des Angesichtes durchtränkend, unter Mühsalen und Entbehrungen unser Land erarbeiten, und gerade in den gewaltigen persönlichen Opfern, die schon die Coionisation erfordern wird, erblicken wir die Gewähr, dass der neue Jude, der auf dem eigenen Boden entstehen soll, kraft- und selbstbewusst vor den anderen Völkern dastehen wird. *) Vergl. hiezu unseren Leitartikel. Anm. d. Red,