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Die Welt · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Article
Gegenwartsaufgaben des Zionismus
Date
1901-04-12
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 „Die # Welt'« Seite 7 Unwürdigen, was ein zweitausendjähriges Ghettoleben in seiner Seele und seinem Geiste hinterlassen hat. Wir müssen also die Definition des Zionismus etwas weiter fassen, etwa folgendermassen,: D e r. ,Z i o n i s m u s ist die Regeneration des jüdischen Volkes in seinem eigenen Lande. Aber auch diese Formel ist nicht erschöpfend, denn sie enthält nicht ausdrücklich jene Seite des Zionismus, oder besser gesagt, jenes Vorstadium des erfüllten Zionismus, das Herzl so treffend in seinem bekannten Ausspruche wiedergegeben hat: „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judenthum vor der Bückkehr ins Juden land." Die Erlangung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimslätte, die Regeneration und als Vorstadium die Rückkehr zum Judenthum sind die drei Punkte, um die sich alle zionistische Arbeit krystallisiert, also auch die Gegenwartsarbeit. So lange dass Ghetto bestanden hat, hat es ein nach aussen und innen einheitliches Judenthum gegeben. Die jüdische Religion war ein Band, das mit keiner noch so durchdringenden nationalen oder staatlichen Zusammenfassung zu vergleichen ist. Wegen der völligen Abgeschiedenheit der Juden war der Einfluss der Umgebung ein minimaler, eine sociale Frage hat es im Ghetto nicht gegeben, ebenso keine schroffen Unterschiede in Bezug auf Bildung, denn auch der Niedriegste und Aerniste hatte seinen Antheil an dem, was man Bildung nannte, am jüdischen Wissen. Aus dieser Einheitlichkeit und aus der gemeinsamen Verfolgung ergab sich ein Zusammengehörigkeits-Gefühl, das seinen reinsten und so starken Ausdruck im Messias-Glauben erhielt. Die Intensität und Lebendigkeit der Messias-Idee können wir uns nicht mehr vergegenwärtigen» Wir bekommen eine Ahnung davon, wenn wir solche Bewegungen wie die sabbathianische studieren. Im Ghetto war alles darnach angethan, das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einander zu wecken und zu festigen. Seit der Emancipation beginnt eine entgegengesetzte Entwicklung, deren Resultate heute schon sehr weit gediehen sind. Die Einheitlichkeit verschwindet, die inneren Zusammenhänge werden locker, und wir können einerseits die Entjudung. andererseits die Entfremdung der Juden untereinander beobachten. Die Religion ist nicht mehr das mächtige Band von früher. Man kann sagen: in gleichem Masse, wie die Juden europäische Cultur in sich aufnehmen, wächst der religiöse Indifferentismus. Der Einfluss des Milieus wird umso stärker, als gleichzeitig mit grosser Kraft das Bestreben auftritt, sich den Wirtsvölkern anzupassen, ihnen ähnlich zu werden. Die Ghettosprache, der Jargon, und die Judensitten machen der Sprache und den Sitten des Wirtsvolkes Platz, und jedes Land drückt seinen Juden den Stempel seiner Eigenart auf, der sie von den Juden der anderen Völker unterscheidet. Die Unterschiede in der Bildung weiten sich zu einer beinahe unüberbrückbaren Kluft. Das Trennende, das die Verschiedenheit der religiösen Auffassung in sich birgt, gelangt in diesem Triumphe der auflösenden Kräfte besonders zum Ausdrucke, und zu den — man könnte sagen — „nationalen" Typen des russischen, polnischen, deutschen, amerikanischen Juden, zu den Typen des europäisch gebildeten, „aufgeklärten14 Juden des Westens und des Talmudjuden des Ostens treten noch als besondere religiöse Typen hinzu: der „Reformjude" und der „Orthodoxe", der „Mhmaged" und der „Chassid". Ueber die auflösenden Wirkungen der wirtschaftlichen Verhältnisse weiter unten. Hier nur so viel, dass sie zu den angeführten Unterscheidungen noch die Unterscheidung zwischen armen und reichen Juden bringt. Das Solidaritätsgefühl schwindet immer mehr, der äussere und innere Abfall vom Judenthum vollzieht sich immer hänfiger, und all den centrifugalen, auflösenden Kräften wirken entgegen die negative einigende Kraft der gemeinsamen Verfolgung und die positive einigende Kraft des Zionismus. Die einigenden Wirkungen der Verfolgungen sind sehr problematisch, wie man es am klarsten in der Frage der rumänischen Juden sehen konnte. Auch der einigende Wert der zionistischen Idee als solcher ist nicht allzu hoch anzuschlagen. Sie erweckt höchstens ein nebelhaftes, ganz allgemeines Solidaritätsgefühl. Das lebendige, fruchtbare Bewustsein der Zusammengehörigkeit können uns nur ein gegenwärtiges Sich-erkennen- und Verstehen-iernen, die gemeinsame Arbeit und die gemeinsame Organisation bringen. Wir kennen uns und wissen von einander zu wenig, und die erste Aufgabe der Gegenwart ist. die Kenntnis der Juden und des Jüdischen zu vertiefen und zu verbreiten. Durch die Kenntnis der materiellen, geistigen und körperlichen Verhältnisse der Juden, durch die Kenntnis der gemeinsamem Vergangenheit, der jüdischen Geschichte durch die Kenntnis der Volkssprache, das heisst des Jüdischen, und ihrer Literatur, durch dieKenntnis der gemeinsamen Schriftsprache, des Hebräischen, und ihrer Literatur, durch die Kenntnis der jüdischen Bräuche und Sitten, mit einem Worte durch die Rückkehr zum Judenthum, werden wir die Möglichkeit erlangen, einander zu verstehen und einander näherzutreten. Die Verschiedenheiten und Unterscheidungen, von denen keine wirklich wesentlicher Natur ist. werden zurücktreten und die inneren Zusammenhänge umso bewusster hervortreten. Sind wir einmal so weit, so werden das Uebrige die gemeinsame Bethätigung im Zionismus und die gemeinsame Organisation besorgen. Insbesondere wird in der letzteren die äussere Zusammengehörigkeit das Bewusstsein der inneren Zugehörigkeit immer mehr entwickeln. Wenn dann irgendwo eine Verfolgung stattfindet, so wird sie nicht nur die unmittelbar dadurch Betroffenen aufrütteln, sondern einen Reflex in der Seele aller Juden hervorrufen und den Zusammenschluss noch enger gestalten. Unsere Vät^r haben uns ein grosses Stück Ghetto vererbt. Mit dieser Erbschaft müssen wir gründlich aufräumen, wenn wir wieder fähig sein sollen, ein staatliches Gemeinwesen zu bilden und in den allgemeinen culturellen Wettkampf einzutreten. Durch die Mauern des Ghetto wurden wir nicht nur von den anderen Völkern abgeschlossen, sondern von der Welt überhaupt. Der äusseren Bethätigung wurden die engsten Grenzen gezogen und mit Notwendigkeit coneentrierte sich das Leben nach innen. Doch auch das innere Leben musste sich einseitig zuspitzen und verkümmern. Der Erhaltungstrieb wies uns auf die Pflege, Vertiefung und Ausarbeitung der religiösen Tradition, wie sie im Talmud zusammengefasst war. Die Wissenschaft drang wenig ins Judenthum, denn die Quelle alles objectiven Wissens, die Beobachtung der Vorgänge und Erscheinungen der Aussenwelt, war den Juden verschlossen. In den engen, schmutzigen und dunklen Gässchen des Ghettos verlernte man das künstlerische Schauen. Der Contact mit der Natur fehlte, und die Folge war ein Absterben der künstlerischen Phantasie. Die geistige Bethätigung war auf die Tradition, ein Gegebenes, beschränkt, und so besteht die Bedeutung der grossen Rabbinen nicht in der Mannigfaltigkeit und Reichhaltigkeit ihres WTissens, in dem Neuen, das sie boten, sondern in dem Scharfsinne, mit dem sie das Gegebene subjectiv durchbildeten, und in dem Temperamente, mit dem sie ihren Anordnungen Ausdruck verliehen. Die eiserne Herrschaft der Logik, der formellen Wahrheit, führte geistig zu Scholastik und Rabulistik, seelisch zu Intoleranz, und doch ist das formell Wahre niemals das lebendig- Wahre; denn alles logische Denken ist das Resultat der consequenten Durchführung eines Principes, während das Leben das Resultat des Zusammenwirkens verschiedener Kräfte und ihrer Einwirkung auf einander ist. Der jüdische Geist verknöcherte und vertrocknete zu unfruchtbarem Pilpul. Das Körperliche verfällt im Ghetto aus Mangel an Licht und Luft und Bethätigung und weicht dem Geistigen, das sich übermächtig und krankhaft ausbreitet. Wie die fortwährende und ausschliessliche Beschäftigung mit dem Talmud zu einer besonderen geistigen Disposition führte, so führten der Handel und das Geldgeschäft, die einzigen Erwerbsquellen des Ghettojuden, namentlich durch die Umstände, unter denen sie betrieben wurden, zu einer besonderen moralischen Disposition. Der Beruf wirkt auf die moralischen Anschauungen der ihn Ausübenden zurück. Beim Handel sind die Grenzen dessen, was recht und unrecht ist, sehr schwankend und leicht zu verwischen, denn es ist schwer, mit Genauigkeit den Punkt festzustellen, an dem der redliche Verdienst aufhört und die Uebervortheilung beginnt, an dem die reelle Geschäftshandhabung aufhört und die Täuschung des Käufers, der Schwindel beginnt. Es musste also der Handel an sich moralisch ungünstig auf die Juden einwirken. Hinzu treten noch die Stellung des Juden, des Kaufmannes, zu seinem kaufenden Publicum, den Nichtjuden, und der gegenseitige Hass, der beide beseelte. Man war auf die Kundschaft des Nichtjuden angewiesen, von dem man auch sonst abhängig war, und musste ihn, da er freiwillig zu dem verhassten Juden nicht kam, mit allen anständigen und unanständigen Mitteln anlocken. Der Christ empfand es als Unrecht, dass er überhaupt für die Ware des Juden zahlen musste. Der Jude war schon aus Rachegefühl geneigt, seinen christlichen Kunden übers Ohr zu hauen. Unter solchen Umständen war ein redlicher Handel ausgeschlossen, denn die Voraussetzungen zu einem solchen, die gleiche Stellung von Käufer und Verkäufer und das Obwalten reiner wirtschaftlicher Momente, mit Ausschluss von Gefühlsmomenten, waren nicht vorhanden Wenn ein Jude beispielsweise eine Sache für 5 fl. verkaufen wollte, die wirklich 5 fl. wert war, so musste er dem Kunden, damit der Kauf zustande komme, vorspiegeln, die Sache sei 10 fl. wert. Es entsteht eine Ghettomoral, die consequenterweise bis zur Diebsmoral der

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