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Die Welt · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Article
Die Bedeutung von Katheder und Kanzel für die nationale Erziehung
Date
1901-04-12
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die # Welt" Nr. 15 lehrern edle Seelen finden, die so weit gehen, dass sie ihren Schülern den Zionismus als Hochverrath hinstellen und den sympathischen Kniff nicht scheuen, ganz keck eine diesbezügliche Ministerialverordnung zu erdichten — warum soll es nicht auch solche Käuze geben? Kalfakter können sich unter sothanen Verhältnissen ausleben bis zur Gemeinheit. Kein einsichtsvoller, unparteiischer Kenner der einschlägigen Verhältnisse, insbesondere in der Provinz, kann diese Uebelstände leugnen, die nach Abhilfe schreien. So lange jeder beliebige Gemeindeprotz, dem Gott ein Amt gegeben, aber nicht Engherzigkeit und Unwissenheit genommen, im Rabbiner und Religionslehrer s einen Angestellten erblicken und über ihm in despotischer Willkür die Hungerpeitsche schwingen kann, insolange ist an eine Aenderung der jetzigen Zustände, die den ganzen Stand corrumpieren und auf die Jugend demoralisierend wirken, nicht zu denken. Man gebe den Rabbinern und Religionslehrern eine feste, bessere materielle Stellung und damit vollständige Unabhängigkeit von Gemeindecliquen und Parteien, Bewegungsfreiheit auf Kanzel und Katheder! Und mit der widerwärtigen Form der moralischen und materiellen Schuldknechtschaft, unter der sie heute leben und wirken, werden auch jene Krebsschäden an ihrem Stande und unserer Schuljugend schwinden. Der eiserne Druck, der heute jede nationale Regung im Keime erstickt, das nationale Empfinden abstumpft und tödtet, muss vom Rabbinerstande genommen werden, wenn sich in der kommenden Rabbiner-Generation die Hoffnungen erfüllen sollen, die Dr. Herzl im „Judenstaat" auf unsere Rabbiner setzte. Dann wird gewiss auch die Erziehung der jüdischen Jugend in der Schule und des ganzen Volkes von der Kanzel von ganz anderen, höheren Gesichtspunkten als bisher geleitet und für die sittliche Stärkung und nationale Consolidierung der Massen weit mehr gethan werden. Die Zionisten haben sich das Ziel gesteckt, alle Schäden und Gebrechen am jüdischen Volkskörper schonungslos aufzudecken und auf eine Besserung hinzuarbeiten. Auch hier müssen wir eingreifen, selbst auf die Gefahr hin, dass wir Bosheit oder Unverstand aus dem Häuschen bringen. Es handelt sich um notorische Auswüchse, die, in ein System gebracht, die Autorität des jüdischen Lehrers und Rabbiners völlig untergraben und einen Schaden für das ganze Volk bedeuten. Aber nicht nur aus dem erwähnten Grunde hat die Autorität des Rabbiners gelitten und sinkt immer mehr. Viel, viel tiefere Ursachen haben da mitgewirkt. Die Rabbiner von heute, die Rabbiner der Emancipations-Aera, die falschen Apostel falsch verstandener Humanität, Toleranz und Religionsreform, das sind nicht mehr jene alten Rabbiner, die in den zweitausend Jahren massloser Verfolgung und Bedrückung die Stütze des Judenthums, seine begeisterten Führer und weisen Berather waren. Welch ein Contrast! Im Ghetto waren „Religion und Nationalität organisch verwachsen", der ganze Cultus, das ganze Fühlen und Empfinden war national durch und durch: Die Begriffe „gut jüdisch" und „national14 waren identisch. In dem nationalen Boden, auf dem die Rabbiner standen und wirkten, lagen die starken Wurzeln ihrer Kraft, ihres Einflusses und ihrer Erfolge. Die Rabbiner des emancipierten Westens haben diesen nationalen Boden verlassen und so jene Autorität allmählich eingebüsst, die sie allein befähigt hätte, die schädlichen Einflüsse der Emancipation auf den jüdischen Volkscharakter durch ihre nationale Wirksamkeit zu paralysieren und dem Abfalle von Volk und Glauben durch nationale Zucht und innere Regeneration erfolgreich entgegenzuarbeiten. Doch sie waren zu schwach oder zu kurzsichtig, um in der Begeisterung, die nach dem Jahre 1848 die Juden ergriff, uur ein Strohfeuer zu sehen. Sie wurden mitgerissen von dem Taumel und trotteten mit auf der breiten Heerstrasse der Assimilation» Sie haben der drohenden inneren Volksentfremdung der westlichen Culturjuden nicht nur keinen Einhalt gethan, sondern haben sich selbst vom wahren Geiste des Judenthums immer weiter entfernt. So erklärt sich auch ihre Stellungnahme zum Zionismus. Den assimilationslüsternen Culturjuden des Westens, der nichts mehr mit dem Judenthum gemein hat, und den Assimilations- oder Protestrabbiner verbindet ein oft fanatischer Hass gegen den Zionismus und alles National-Jüdische. Dem national gesinnten Ghettojuden des Ostens und dem alten, schlichten Volksrabbiner ist die heisse, unerschütterliche Liebe zu Zion und das zähe, unbeugsame Festhalten an unserem „nationalen Geschichtscultus" gemeinsam. Das war der Talisman, durch den der alte Rabbi wirkte. Doch, Gott sei Dank, der Zionismus ist auch da nicht ohne heilsamen Einfluss geblieben. Die Zahl jener Rabbiuer wächst, welche die nationale Bedeutung und Eigenart des jüdischen Cultus anerkennen und einsehen, dass weder starre Orthodoxie noch radicale Reform dem nationalen Indifferentismus und Abfall vom Judenthum einen wirksamen Damm entgegensetzen. Die Erkenntnis, dass nur die Rückkehr zur jüdischen Volkstradition und die nationale Erziehung des jüdischen Volkes ihm fromme, führt besonders die studierende theologische Jugend scharenweise ins zionistische Lager. Schwere, dringende Aufgaben harren ihrer im Dienste des Volkes und des Zionismus. Sie werden sie bewältigen und die ganze Nation zu Dank verpflichten. Gegenwartsaufgaben des Zionismus. Von Alexander Hausmann. I. Vorliegender Aufsatz soll und kann nicht den Entwurf eines Gegenwarts-Programmes des Zionismus bilden, er verzichtet im vorhinein auf Vollständigkeit und will nur die Gedankenarbeit in dieser Richtung anregen, einige Fragen zur Discussion aufwerfen, deren Beantwortung von grösster Wichtigkeit ist. Eines muss gleich, constatiert werden. Ein einheitliches, für die Zionisten aller Länder allgemein giltiges Gegenwarts-Programm kann es nicht geben, denn auf die Frage, was in der Gegenwart noththut, werden für jedes Land eine Reihe der verschiedenartigsten und mannigfaltigsten localen Momente Einfluss nehmen, und die Beantwortung der Frage, was man schon jetzt thun soll, wird nach der Individualität des Beantwortenden, seinen persönlichen Anschauungen und Neigungen jeweilig verschieden ausfallen. Es handelt sich mir nur darum, allgemein den Standpunkt anzugeben, von dem aus die Frage nach einem Gegenwarts-Programm ins Auge gefasst werden muss, und jene Momente aufzustellen, die man dabei berücksichtigen oder trotz ihrer scheinbaren Bedeutung von jeder Einflussnahme eliminieren muss. Wenn man von jener selbstverständlichen Aufgabe der Gegenwart, die Massen für den Zionismus zu gewinnen, also der Agitation, absieht, so ergeben sich folgende zwei Hauptaufgaben: einerseits die vorbereitende Arbeit zur Realisierung der zionistischen Zwecke, andererseits die Stellungnahme und das Eingreifen in alle jüdischen Angelegenheiten und Tagesfragen schlechthin, gleichviel, ob sie unmittelbar in den Rahmen des Zionismus hineingehören oder nicht, denn wenigstens mittelbar ist jede jüdische Angelegenheit auch eine zionistische. Schon bei der ersten Aufgabe wird sich die Baseler Definition des Zionismus als „eines Strebens nach einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" als unzulänglich erweisen, denn sie befasst sich nur mit der äusseren Form der Lösung der Judenfrage. Wenn auch der Mangel eines eigenen Heims, das Golus, die wesentliche und letzte Ursache aller Judennoth ist, der sittlichen sowohl als der materiellen, so hat andererseits das Gölus in seiner zweitausendjährigen Dauer auf die physische, geistige und moralische Entwicklung des Judenthums in einer Weise eingewirkt, dass die blosse Erlangung des Heims nur für die anderen Völker eine definitive Lösung der Judenfrage bedeutet, für die Juden selbst aber noch die gewaltige Arbeit der physischen, geistigen und moralischen Regeneration ihres Volkes zu verrichten bleibt. Die Zionisten wollen, den Juden nicht nur äusserlich frei wissen, sondern auch befreit von all dem Unschönen und

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