Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Article
- Die Bedeutung von Katheder und Kanzel für die nationale Erziehung
- Date
- 1901-04-12
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315921-3396136--25566-3396237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15 „Die & Welt" Seite 5 achtung. Die Forderung der Wiedererweckung der hebräischen Sprache ist ein Programmpunkt der Zionisten. Er darf nicht lediglich als decoratiye Vignette zur Verschönerung und Idealisierung des Programmes dienen. Denn er entspringt nicht äusserlich taktischen Erwägungen, sondern ergibt sich mit innerer Notwendigkeit aus unserem nationalen Programme. Zu seiner Verwirklichung kann in erster Linie das Elternhaus beitragen. Dass auch Sprachvereine, wenn sie die Unterstützung und Förderung der Gesinnungsgenossen finden, viel Erspriessliches leisten können, ist gewiss. Aber auch die Schule soll das Ihrige thun, um der hebräischen Sprache und Literatur die gehörende Würdigung zu verschaffen und selbst ihre Pflegestätte zu werden. Doch ohne gründliche Reform des jüdischen Religionsunterrichtes an den Volksuud Mittelschulen ist dieses ideale Ziel unerreichbar. Nicht viel besser ist es mit dem Unterrichte in der jüdischen Geschichte bestellt. Auch hier findet man gewöhnlich nur die gleiche Herrschaft des Buchstabens, kein tieferes Erfassen des Gegenstandes und keine Einwirkung auf Herz und Gemüth. Bei jedem Blatte der jüdischen Geschichte bietet sich dem Lehrer die Gelegenheit dar, die Schüler zur Vertiefung in das nationale Wesen ihres Volkes anzuleiten. Wie leicht wäre es, in den jugendlichen Herzen auf Grund des geschichtlichen Werdeganges und Leidensweges unseres schwer heimgesuchten Volkes den Wunsch nach seiner nationalen Wiedergeburt wachzurufen und den Schülern so die geschichtliche Aufgabe des Volkes und ihre nationale Pflicht zum Bewusstsein zu bringen. Nichts von alledem geschieht. Das ist verpönter Lehrzweck. Allerdings, der Messias-Idee und einem nach Belieben construierten „Beruf des Judenthums im Golus" widmen die Rabbiner gerne und oft ihre salbungsvollen Vorträge und die sehr knapp bemessene Unterrichtszeit. Statt den historischen Sinn der Jugend zu wecken, trüben und verwirren sie ihn . . . Der nationale Charakter der jüdischen Geschichte wird ignoriert; die Ghetto-Literatur, welche wie ein rother Faden die Hoffnung auf Zion durchzieht, wird mit einigen Phrasen abgethan; über das Seelenleben und die Gedankenwelt der Ghetto-Juden, in denen die Idee der nationalen Einheit und die Hoffnung auf Wiederherstellung des national-jüdischen Staates lebte und webte als treue Trösterin in tiefster Noth, wird achtlos hinweggegangen. Und doch will es uns scheinen, dass eine eingehende Behandlung dieser Materie nicht nutzlos und überflüssig ist und die Mühe lohnt. Tiefsinnige Vorträge über Sabbath-Heiligung, Speisegesetze und Thora allein dürften denn doch nicht genügen, um in Schülern, die ja vom Hause meist wenig oder gar nicht jüdisches Fühlen und Empfinden mitbringen, die Liebe zu ihrem Volke und Glauben zu erwecken und zu stärken. „Wie wollen Sie die Makkabäer feiern, wena Sie den Sabbath entweihen und die Speisegesetze nicht achten?" So rief heuer ein Rabbiner zionistischen Studenten zu. Man kann sich denken, wie zugestutzt dieser gelehrige Schüler seines Wiener Herrn und Meisters in der Schule und auf der Kanzel die Geschichte der Makkabäer zum Besten gibt. Also dogmatische Religion um jeden Preis, Zerstörung jeglicher nationaler Keime ist die Parole. Doch lassen wir den jüdischen Historiker G r ä t z darauf antworten : „Die Geschichte des nachtalmudischen Zeitraumes hat noch immer einen nationalen Charakter; sie ist keineswegs blosse Religions- und Kirchengeschichte. Als Geschichte eines Volksstammes ist die jüdische Geschichte weit entfernt, eine blosse Literatur- oder Kirchengeschichte zu sein, wozu sie Urkunde und Einseitigkeit stempeln, sondern die Literatur und die religiöse Entwicklung sind, ebenso wie das hochtragische Märtyrologium, das dieser Stamm einzuzeichnen hatte, nur einzelne Momente in seinem Geschichtsverlaufe, welche nicht das Wesen desselben ausmachen." Bei dem heutigen Unterricht in der hebräischen Sprache und jüdischen Geschichte geräth der jüdische Schüler aus der Scylla des Elternhauses, in dem er bewusst oder unbewusst seinem Volke und Glauben entfremdet wird, in die Charybdis der Schule, wo ihm durch eine verfehlte Lehrmethode der religiöse und nationale Indifferentismus förmlich eingeimpft wird. Was Wunder, wenn er, zum Jüngling oder Manne herangewachsen, mit einem jähen Ruck die drückend gewordenen Fesseln ohne Bedenken abstreift und, jetzt auch äusserlich frei, zum nationalen Renegaten und religiösen Convertiten wird. Die unter der jüdischen Intelligenz sich stetig mehrenden Taufen, oft mit einer Gesinnungsroheit und Frivolität sondergleichen vollzogen, sind Reinculturen der modernen Jugenderziehung im jüdischen Hause und des modernen jüdischen Religionsunterrichtes. IL Es ist gewiss nicht gleichgiltig, welche Stellung der Religionslehrer, also in den meisten Fällen der Ortsrabbiner, unter den Juden einnimmt. Zwischen seiner Stellung unter und zu den Juden der Stadt und seinem Verhältnisse zu deren Kindern in der Schule besteht ohne Zweifel eine rege Wechselwirkung. Es ist klar, dass jede Abhängigkeit des Lehrers von den ersteren auf seine ganze Stellung in der Schule zurückwirkt und einen nachhaltigen Einfluss übt. Die Frage, ob die materielle und rechtliche. Stellung des jüdischen Religionslehrers in der Judengemeinde ihn unabhängig und frei macht, ist zu verneinen, denn der Religionslehrer, auch der Rabbiner, ist meist der schlechtbezahlte Angestellte des Cultusvorstandes und vor Beeinflussungen und Repressalien niemals sicher. In provisorischer Stellung ist er von jenem in jeder Hinsicht abhängig, auf Gnade und Ungnade den Launen des ersten besten, an erlogenem Ansehen, aber thatsächlichem Einfluss reichen Gemeindeprotzen überliefert, und stets in Gefahr, auf das Pflaster gesetzt zu werden. Wehe ihm, wenn er einem Gemeindegewaltigen nicht mit der schuldigen Ehrfurcht begegnet! Aber auch wenn er nach einer qualvollen Probezeit, nach Demüthigungen und gesellschaftlichen Zurücksetzungen aller Art definitiv angestellt wird, darf er nicht Herr seiner Ueberzeugung, sondern nur Diener der Gemeinde, d. h. ihrer allgewaltigen Gemeindecliqjie, sein. Seine materielle Stellung gestattet ihm nicht, auf jene gewissen Gaben und Unterstützungen zu verzichten, die ihm bei verschiedenen Anlässen zufliessen. Damit ist die Abhängigkeit von den reichen Gemeindeinsassen gegeben. Er mag sonst ein mehr oder minder tadelloser Privatcharakter sein, seine materielle und rechtliche Stellung in der Gemeinde führt ihn in wirtschaftliche Abhängigkeit und drängt ihn auf die schlüpfrige Bahn der Speculation nach künstlicher Erhöhung seines Einkommens. So kommt es, dass von den Schülern auf den jüdischen Religionsunterricht kein besonderes Gewicht gelegt und jeder Versuch des Rabbiners, einmal ein strenges Exempel zu statuieren und strenger zu censurieren, als förmliche Erpressung angesehen wird. Scienti sat. Eine weitere Folge jener schiefen Position ist die Einbusse der Autorität. Vom Rabbiner, dem Priester und Lehrer der Religion, verlangt man mit Recht neben intellectueller Bildung eine höhere ethische Qualification. Ob dies bei seiner obenbezeichneten Stellung erreichbar ist, bleibe dahingestellt Eine freie zionistische Ueberzeugung darf sich selten ein Rabbiner leisten. Er muss, wenn seine „Brotgeber" es wollen, nicht nur selbst jede nationale Regung unterdrücken, sondern muss auch auf Commando zionistischen „Ausschreitungen" seiner Schüler, die er insgeheim vielleicht guUieisst, energisch entgegentreten. Und wenn sich dann unter den Religions-