Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Erste jüdische Toynbee-Halle in Wien
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 29 (sequence 2)
- Language
- German
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29 Die wackeren Mädchen von der„Hadassa" und „Moria" werden an zwei Abenden in der Woche jüdische Mädchen um sich versammeln und sie in schwesterlichem Verkehre lehren, Kleider und Wäsche auszubessern. Für die jüngere Generation ist demnach gesorgt, nur unsere älteren Freunde haben ein Struck Heim verloren. Sie sagten es durch ihren gemeinsamen Sprecher Herrn Steinschneider, und es war auch in ihren Mienen zu lesen. Jener hagere Mann mit dem scharfprofilierten Gesichte, der in jeder Debatte die beweglichen Gedanken in ungelenke Worte kleidete — der alte Herr mit dem langen weissen Barte, der kleine schüchterne Greis, sie fanden hier geistige Anregung nach des Tages Lasten. Die kleine rundliche Frau, deren Gesicht in weichen Falten verschwimmt, sie hat den Thee mit demselben Behagen genossen, wie die Musikvorträge, aber auch die ernstesten Vorlesungen hat sie beifällig aufgenommen. Ihre zarte Nachbarin mit dem klugen Gesichte hat uns oft in ihre Kinderzeit geführt, in die Zeit der harten Judennoth; es sind einsame Menschenkinder, deren Angehörige zerstreut sind über die Erde und wohl auch unter der Erde, Sie haben bei uns eine neue Familie gefunden, sie sagen ihr wehmüthig Lebewohl. Und jene blinde Frau, die so sicher einherschritt und so ausdrucksvoll blickte, und die mit unsicherer Hand ihren Namen eigenhändig ins Verzeichnis eintrug, weil es sie so glücklich machte, unser Mitglied zu sein, auch sie drückt uns dankbar die Hand. Sie hat bei uns sehen gelernt, von innen Momentaufnahme aus der Jiidi heraus. Und sie sah ein schönes Bild, das Bild vom neu erstehenden jüdischen Volke« Ein namhafter jüdischer Schriftsteller, flerr Dr. Gelber, bot am letzten Abend eine prächtige, tief durchdachte und formvollendet vorgetragene Arbeit unter dem Titel „Moses". Herr Svedrovsky jün. und Fräulein Svedrovska Hessen die Töne der Violine und des Pianos in verschwende* rischer Fülle aufrauschen, nach ihnen spielten Fräulein Helene Koh n und Schwester, die hochbegabten Schülerinnen Prof. Aubers, dann gab es ein schweres Abschiednehmen. Vorher hatte Herr Dr. K a h n den Scheidegruss gesprochen. Ein anderes Comitämitglied dankte den Besuchern für ihr taktvolles, würdiges Verhalten, für ihre Aufmerksamkeit bei den Vorträgen und für ihre Liebe zu der neuen Institution, die sich so glücklich bewährt hat. Der Gründer der „Halle", Herr Prof. Kellner, war durch ein Familienfest verhindert, dieser Feier beizuwohnen. sehen Toynbee-Halle in Wien. Anlässlich des letzten Abends hielt einer der fleissigsten Gäste der „Halle'S Herr Steinschneider, eine herzliche Anrede* die wir hier wiedergeben, weil sie so recht zeigt, was diese neue jüdische Institution den braven Leuten von der Brigittenau gewesen ist: „Liebe Freundel Einem inneren Herzensdrange folgend, will ich Euch einige Worte sagen, dieEuch gewiss aus der Seele gesprochen sein werden. Als Euer College im Zuhörerraume spreche ich zu Euch. Die schönen Abende der Toynbee-Halle sind zu Ende. Morgen werden diese Eäume für Monate geschlossen werden, und alles, was wir da erlebt, wird fast wie ein Traum verflogen sein. Wenn wir uns daran erinnern, was uns da geboten wurde, so rnuss uns Wehmuth erfassen, dass alles nun für lange Zeit aufhören wird. Welche Belehrungen wurden uns zutheil. Die verschiedenen wissenschaftlichen