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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Die heilige Rolle
Date
1901-04-03
Page
26 (sequence 2)
Language
German
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26 und es in Rauch und Flammen aufgehen. Triumphierend zogen sie von dannen. Als aber einige Zeit vergangen war, so gereute sie, was sie an der alten Königsstadt und an ihrem ältesten Bruder gethan hatten. Denn nun sie selber die Rolle länger einsahen und sich eifrig in ihren lühalt versenkten, wurden sie milderen Sinnes, steckten das Schwert in die Scheide und suchten zu leben nach des Vaters Wunsch und Worten. Und wie es einst der älteste Bruder that, so verherrlichten auch sie den Namen ihres Vaters. Und die Rolle hielten sie' in grossen Ehren, nannten sie „das Buch der Bücher", auch wohl „das Buch mit sieben Siegeln", ja sogar „das heilige Buch" und „das Buch des Lebens." Und ihre Kinder ermahnten sie, die Rolle immer hoch und heilig zu halten. Und da sie begaugenes Unrecht wieder gutmachen wollten, so schickten sie Boten aus, nach ihrem ältesten Bruder zu suchen und ihm zu sagen, sie würden ihn gerne unter sich aufnehmen, wenn er gemeinsam mit ihnen, an ihrem Tische und nach ihrer Weise leben wolle. Die Boten zogen au?, aber sie streiften lange herum und konnten den Königssohn nicht finden. So kamen sie auch in die alte, verödete Königsstadt. Hier erfuhren sie, dass der Königssohn herumirre von Ort zu Ort, nirgends ruhend, noch rastend, zuweilen aber, zu nächtlichen Zeiten sehe man ihn auf den Ruinen des Schlosses wandeln. Nicht lange verweilten die Boten in der Königsstadt, so erblickten sie den Königssohn eines Nachts, wie er auf den Trümmern der Burg, die Rolle auf den Knieen ausgebreitet, vor sich hinsah. Da näherten sich ihm die Boten und hinterbrachten ihm die Worte ihrer Herren. Der Königssohn war nicht verwundert, schwieg nur eine Weile und liess seinen Brüdern sagen, das Brot des Leidens sei zwar hart und bitter, zumal auch seine Kinder davon essen müssten, aber er ziehe es der Schmach des Gnadenbrotes vor. Was aber die Brüder an ihm Gutes thun wollten, das möchten sie nur seinen Kindern zukommen lassen, die würden ihnen gewiss dafür Dank wissen. Die Boten kehrten nun zurück, aber die Brüder konnten auf die Botschaft nicht achten, denn sie hatten mit ihren eigenen Kindern gar arge Händel. Und es war nicht das Schlimmste, dass sie gezwungen wurden, die Herrschaft niederzulegen. Schmerzlicher traf sie die gröbliche Lebensweise ihrer Kinder. Sie spotteten über die Rolle, die ihre Väter für heilig hielten, und meinten, das Buch, mit dem man so wichtig thue, enthalte, mit geringen Ausnahmen, lächerliche und alberne Dinge. Und die Väter, die sie lehrten, den alten König zu verehren, nannten sie kindisch und thöricht. Dies beugte die Brüder sehr. Sie erinnerten sich, wie sie einst in ähnlicher Weise ihren ältesten Bruder behandelten, und alt und gebrochen, wie sie waren, sanken sie bald ins Grab. Während dieses geschah, zog der älteste König irrend in der Welt herum, vom Leiden gebeugt, aber nicht gebrochen. Man erzählte sich auch, dass er vor Schmerz über die Verspottung der Rolle und des alten Königs und Vaters stumm geworden sei. So erzählten sich seine eigenen Kinder und Kindeskinder, die in der Fremde und Verbannung lebten. Aber in Wahrheit war der Königssohn nicht stumm, er schwieg aus gerechtem Stolze lind vor grosser Trauer. Wohl hätte er den Spott der Spötter zuschanden machen können, wenn er redete und es sich erwiese, wie so menschlich schön sei, was ihnen albern schien und lächerlich: die Worte des weisen Vaters, nachgesprochen vom unbeholfenen Kinde. Wie der Vater über dieses Stammeln lachte! Welche Freude es ihm war, gerade bei den Fehlern seines Kindes zu verweilen! Und keinen einzigen durfte der schon gereifte Sohn bessern, da er doch bessern konnte. „Nicht, mein Sohn, nicht, ich will, dass Du Dich auch als Kind in unserem Gedenkbuche findest, wie Du darin als Jüngling dastehst und als Mann.44 Dies waren die liebreichen Worte des Vaters. Sollte er sie, sollte er die Heimlichkeiten jener trauten Zeit den Spöttern offenbaren? So schwieg er. Nur zuweilen, wenn er ihnen begegnete, traf er sie mit seinem Blicke. Und es war etwas in diesem Blicke, wie in der ganzen Gestalt des herumirrenden Königssohnes, dass die Frechsten vom lauten Hohne und Spotte nachliessen. Ein übergrosser Glanz brach aus diesen Augen, den Spöttei n erschien er von Wahnsinn ein Zeichen, aber es war das Licht, das von inneren Bildern und Gesichten ausstrahlte des Kommenden. Und nun hielt er die Zeit für gekommen, zu seinen Söhnen und Enkeln zu sprechen, wo immer er ihnen begegnete, auf fremdem und auf eigenem Boden. Da konnte man denn sehen, wie der irrende Königssohn, jetzt hier, jetzt dort, mitten unter seine Kinder trat und zu ihnen redete, sag'ich, wie sie sich noch Ehrfurcht bewahrt hatten vor der grossen Leidensgestalt. Aber ohne Trauer, nur mit Ernst sprach jetzt der Königssohn, und er sagte, das Ende der Leiden sei nahe. „Denn höret, meine Kinder! Zwar ist unser Land verwüstet, unsere Königsstadt zerstört, und von den Mauern ragen nur Trümmer empor. Aber sehe ich auf die heiligen Zeichen unserer Rolle, so baut sich, gross und mächtig und überallhin sichtbar die Königsstadt von neuem mir auf, und ich sehe sie dastehen in ihrer alten Herrlichkeit, wie da noch d^r Vater selber ihr Herrscher war. Zu Euch, meine Söhne und Enkel, will ich nun auch von Wundern reden. Denn Wunder nenne ich, was ich erlebt und erlebe. Ein ' Wunder ist es, dass ich noch bin und lebe. Meine Brüder alle, sie waren so mächtig — sie sind dahin! — ich aber fühle noch Kraft in mir für ungezählte Zeiten. Ja, dass ieh's Euch sage: Mir ist, als ob eine Verjüngung uns allen werden soll und eine Auferstehung auch meinen Brüdern und allen, die dahingegangen. Ihr staunt, und staunt mit Recht. Mich aber heisst, was ich erfahren, an die Macht, ja Allmacht dessen glauben, den ich Vater nenne. Und dies zumeist ist's, was mich daran glauben macht: Die Wege der Verbannung, freiwillig und unfreiwillg, führten mich in alles Land der Erde. Vieles haben meine Augen gesehen, Gutes und Böses. Aber je mehr ich übersehe und die Zeichen der Zeiten deute, desto gewisser wird es mir, dass sich ein Wunder vollziehe. Wo ich war und bin, begegnete ich und begegne immer mehr Menschen, die ich als Diener erkenne meines Vaters: Verschwiegen, in aller Stille, wie mit unsichtbaren Händen, sehe ich sie Vorbereitungen treffen zum Wiederaufbaue des einstigen Königreiches. Nur ihn selber, den König, sehe ich nicht. Aber ich fühle, er ist uns nahe. Ja, wahrlich, meine Kinder, ich glaube, der alte König, unser aller Vater, lebt noch.tt * Pessach-Abend in Jerusalem. Von A. Ludvipol (Paris). Süsse Erinnerung! All das Elend und Leid, das das Leben mit seinen nagenden Zweifeln in sich schliesst, vergesse ich, denk' ich jener Stunden, in denen mein Fuss zum erstenmale auf dem Boden jener ewigen Stadt wandelte, jener Stadt des immer erneuten und ewig erneuerungswürdigen Ruhmes, jener Stätte, die gleich dem jüdischen Volke, dessen Ebenbild sie ist, umhüllt von Grösse und Traurigkeit, nach zweitausend Jahren des Verfalles und der Verzweiflung aufzuerstehen scheint — langsam, langsam, wie eine Fee, die Jahrhunderte. Jahrhunderte lang geschlafen hat und jetzt dem Glänze neuer Tage entgegengeht, die über das Leid vergangener Zeiten trösten sollen. Ich denke zurück. Meine Phantasie erinnert mich daran, wie ich weite Thäler durchreiste und die vertrockneten Strombetten übersetzte, welche die Gebirge Judäas von einander trennen, jene Berge, die sich gegenseitig ihre gigantischen Schatten zuwerfen, und deren Gipfel das goldene Licht einer Sonne wiederspiegeln, die auf wolkenlosem Himmel durch einen wunderreinen Luftraum strahlt. Dann sehe ich mich wieder einige hundert Meter weit von der Stadt; der Zug beschleunigt seinen Lauf; durch die Waggonfenster beginnen die Silhouetten der Häuser aufzutauchen. Je näher wir kommen, desto mehr zieht sich mein Herz zusammen, ich fühle mich plötzlich bis in das Innerste meines Seins durch eine mir bisher vollständig unbekannte Empfindung bewegt, ich fühle meine Seele vor Freude und Trauer zugleich erzittern, und wider meinen Willen füllen sich meine Augen mit Thränen. Und so mit thränenumschleierten Blicken sah ich zum erstenmale die Stadt vor mir auftauchen. Und dann erblickte ich mich wieder auf dem Wege durch das Thal hinan. Indem wir uns nach links halten, bemerke ich plötzlich zu meiner Rechten einen hohen Hügel; ich fühle mich ein wenig betröffen durch die Raschheit unserer Fahrt, aber meine Betroffenheit verwandelt sich bald in ein Gefühl der herbsten Bitterkeit: man belehrt mich, dass ich da vor mir. zu meiner Rechten, den Berg Zion habe den Berg Zion —- dessen Verwüstung ich seit meinem zartesten Kindesalter beweine... „Har Zion"...

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