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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 25

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Die heilige Rolle
Date
1901-04-03
Page
25 (sequence 1)
Language
German
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25 Die heilige Rolle. Eine Parabel von B&rnard Tag (Wien). Es war einmal ein König*. Er war reich und mächtig, das mussten alle bekennen, denn sein Land erstreckte sich vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange. Und der König war auch gütig und weise, ob es schon viele gab, die daran zweifeiten. Eben dieselben wollten auch wissen, dass er ungerecht sei. Der König hatte nämlich viele Kinder und hatte sie auch gar lieb, aber es war doch zu bekannt, dass er seinen Sohn, den Erstgeborenen, mehr liebte, als die anderen. Wie nun die Kinder, auch die jüngsten, erwachsen waren, da geschah es, dass der König sie zu sich berief und ihnen erklärte, er wünsche, dass sie nunmehr das Land regieren sollten in seinem Namen. Schon lange habe er es ihnen angemerkt, wie sehr sie darauf brannten, die Zügel in eigene Hand zu nehmen und ihre Kraft in gegenseitigem Eifer zu erproben. So mögen sie es denn untereinander ausmachen, wie sie sich in die Provinzen theilen wollten und was sonst noch zum Regieren gehöre. Und um ihnen mit seinem Rathe und Ansehen gar nicht im Wege zu stehen, so sei er willens, zur Stunde von ihnen Abschied zu nehmen und den Palast selber zu verlassen. Als der König bemerkte, wie traurig seine Kinder waren, und ihm aber doch nicht entgieng ihre verhaltene Fieude ob des baldigen Beginnes eigener Herrschaft, da sagte er lächelnd, sie möchten um ihn ganz ohne Sorgen sein, denn wie er Land und Leute kenne, so hoffe er, ohne Schaden und unauffällig allerorts zu weilen, wo und wie lange es ihm beliebe. Im übrigen, so meinte er, mehr noch lächelnd, habe er Freunde auch ausser Landes. Und nun umarmte er ein jedes seiner Kinder, segnete sie und wandte sich zum Gehen. Noch aber sah er einmal an der Schwelle zurück, sah auf seine Kinder und sprach: er verbiete ihnen zwar nicht, dass sie zu ihm kommen — denn wie könnte ein Vater seinen Kindern solches verbieten? — aber, so schloss er mit tiefem Ernst, sehen würden sie ihn doch nicht so bald. Und nun gieng er, winkte aber dem Erstgeborenen, dass er ihm folge. In grosser Ergriffenheit betrat der Sohn das geheime Gemach seines Vaters. Da sprach der König: ,Siehe, mein Kind, mein Königreich überlasse ich Euch, darüber zu walten, wie Ihr nur wollt und könnt. Aber Dir, mein Erstgeborener, übergebe ich noch diese Rolle, die Du ja kennst. Du hast sie selber geschrieben von dem Tage an, da ich mit Dir redete. So wirst Du sie am besten bewahren, am treuesten halten, ob schon die Rolle Euch allen gehört, denn Du weisst es ja, sie ist unser aller Gedenkbuch." Und der König entwickelte den Papyrus und sah bald auf die Schriftzeichen seines geliebten Sohnes, bald auf ihn selbst. Aber der Sohn hielt sich nicht länger, er fiel dem Könige auf die Brust und fragte voll Schmerz: „Vater, warum gehst Du von uns?" „In Wahrheit," sprach der König, „bin ich bei Euch und werde stets um Euch sein. Und Ihr werdet meine Nähe fühlen, sobald Ihr Euch sehnet nach mir. Und Dir, mein Sohn, werde ich gegenwärtig sein durch diese Zeichen auch, die Du, meinem Sinne getreu, wenn auch Deiner eigenen Weise nachgebend, niedergeschrieben nast Und aus diesen Zeichen auch wirst Du einst erfahren, um was Du je bange fragst." Der Sohn fühlte, wie sich langsam die Arme des Vaters von ihm lösten, und als er aufblickte, war der König nicht mehr zu sehen. Sinnend, den Blick auf die Zeichen der Rolle gerichtet, stand der älteste Sohn da, und stand lange also. Da vernahm er Stimmengewirr und ein Lärmen, das immer näher kam. Und jetzt drangen mit wildem Ungestüm die Königskinder ins Gemach. Verwundert blickte der Königssohn auf sie, da schien ihr Zorn nur noch zu wachsen, und sie riefen ihm zu, ob er denn meine, sie kämen insgesammt hierher, um ihm als ihrem obersten Haupte zu huldigen und vielleicht gar gehorsamst seine Befehle zu empfangen. Denn was solle das bedeuten, dass er sich jetzt noch, nach des Königs Weggang, in dessen Gemach einschliesse, anstatt zu ihnen zu kommen, gemeinschaftlich zu rathen und des Vaters Erbe mit ihnen zu theilen. Da sah der Königssoha nur noch verwunderter auf seine Brüder, und so schmerzlich war sein Blick, dass sie alle schwiegen. Und er sprach: „Theilen, meine Brüder? In unseres Vaters Erbe sollen wir uns theilen? Ach ja, Ihr redet recht, ja. Doch vergebt, denn seht, mein Theil ist auch dieses hier" — und er wies auf die Rolle, die da lag. Nun aber brach der Lärm von neuem los, denn es meinten die Königskinder, der Vater habe gar wohl seinem Liebling auf Papyrus bestätigt, über sie alle zu herrschen. Und sie drängten sich an die Rolle, entwickelten sie und sahen lünein. Da erkannten sie denn die Schriftzeichen ihres Bruders, fanden ihre eigenen Begebenheiten darinnen verzeichnet und auch manche ihrer Thorheiten; und auch die Worte erkannten sie ihres Vaters, die sie oft genug von seinen Lippen vernahmen, aber nicht selten zu hören verabsäumten, wenn sie die Lust an andere Klänge fesselte. Nun aber standen sie verwirrt, fast bescämt, und wussten nicht, was sie sagen sollten. Schon machten sie Miene, von dannen zugehen, als ihnen der Königssohn fröhlich zusprach und sie dann sogar bat da zu bleiben, als an dem geeignete Orte, wo sie im Andenken des Vaters sicherlich in Frieden beralhen würden. Sei es nun, dass sie der Stachel ihrer Uebereilung reizte, sei es, dass sie in den Worten des Königssohnes stolze Ueberlegenheit herausfühlten — die heftigsten unter ihnen gaben bald wieder dem Grolle Ausdruck gegen den ältesten Bruder. Höhnisch meinten sie, da denn der bevorzugte Königssohn vom Vater einen besonderen Theil empfangen, so mag er ihn nur behalten und mit seiner Rolle wichtig thun. Als nun einige Königsländer, die ihrem ältesten Bruder nicht so sehr abgeneigt waren, gegen jene Widerspruch erhoben, so wurden auch sie mitsammt dem ältesten ausgeschlossen und aus der Hauptstadt vertrieben. Aber es sammelten sie um sie viele Scharen, und unter Führung des ältesteo Königssohnes drangen sie vor, erfochten Sieg um Sieg und nahmen auch die Hauptstadt ein. Es wurde Friede gemacht, und der älteste Königssohn herrschte in der Stadt seines Vaters. Und ein jeder der Brüder herrschte in seiner Weise über sein eigen Land. Zuweilen versammelten sie sich in der alten Königsstadt, feierten das Andenken ihres Vaters und gedachten der Zeiten, die neu auflebten, wenn der älteste Bruder besonders ergreifende Stellen vorlas aus der Rolle. Es geschah aber, dass sie einmal, als sie beisammen waren, sodann auf dem Rückwege spachen: „Lasst uns nicht mehr zusammenkommen in der Burg unseres Bruders. Es schickt sich nicht, dass wir seine Reden anhören und die Worte aus der Rolle. Und was soll gar die Frage, die er immer wieder an uns thut: „Seid Ihr nicht dem Vater begegnet?" Fürwahr, unser Bruder wird kindisch, er spricht noch immer vom Vater. Und je länger sie regierten, desto seltener kamen sie zusammen, auch gaben ihnen ihre Länder genug zu schaffen und an len eigenen Kindern hatten sie ebenfalls nicht eitel Freude. Und es kam eine Zeit, wo sie einander so fremd wurden, dass sie gar nicht mehr daran dachten, sie wären Brüder. Und die meisten von ihnen waren mächtig und streitbar und häuften Reichthümer auf und mehrten ihren Besitz. Und um noch mehr zu haben, so fielen sie sich gegenseitig an und bekriegten sich als wie die ärgsten Feinde. Auch geschah es, dass ihr Hass von neuem erwachte gegen den ältesten Königssohn. Denn obwohl sein Land zwar blühend und schön war, aber bei weitem nicht so gross wie das ihre, so zog er das Schwert doch nur, um seine Grenzen zu vertheidigen, und gieng nicht auf Eroberungen aus. Und dennoch hielt er sich für den Würdigsten unter ihnen! Und zwar nicht so sehr darum, weil er über die alte Königsburg herrschte, als weil er im Besitze war der Rolle, die er ehrte als heiliges Vermächtnis des Vaters. Denn nun der Königssohn won dem Frieden oder den Stürmen des Reiches zu den Zeichen des Gpdenkbuchs sich wandte und ihnen oft und oft nachdachte, gieng ihm der tiefe Sinn auf so manchen Ausspruches, und immer grösser und leuchtender stieg die Gestalt des Königs und Vaters vor seinem Geiste auf. Er erkannte, dass die Rolle, die er allein besass, nicht für ihn allein bestmmt sei. Und er schickte um die Schreiber seines Landes und liess vieie Rollen anfertigen und darin alles getreu nachschreiben, wie es in der seinen geschrieben stand, damit es zu Gut und Eigenthum aller werde. Und damit sich nicht begnügend, in seinem heiligen Ejjfer die Grösse und den Namen seines Vaters zu verherrlichen, zog er nun selber, ein König und ein Seher, durch sein Land, den Wundersinn des Vaters kündend und Frieden ausrufend im Lande .und übers Land hinaus. Aber zu eben der Zeit überzogen die Brüder sein Reich mit Krieg. Nachdem sie viele Orte erobert und verwüstet hatten, umringten sie die Königsstadt und belagerten sie. Heldenmüthig vertheidigten sich die Einwohner, an deren Spitze die Söhne und Enkel des Königssohnes kämpften. Aber der Ueberzahl der Feinde mussten sie erliegen. Die Stadt wurde eingenommen und geplündert. Auch die Rollen fielen in die Hände der Brüäer, die älteste ausgenommen, die an einem geheimen Orte bewahrt blieb. Als der Königssohn, der fern von seiner Stadt war, nun in dieselbe zurückkehrte, so war es um das Los seiner Angshörigen zu theilen. Die Brüder Hessen vor seinen Augen das königliche Schloss

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