Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Altneuland
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 21 (sequence 3)
- Language
- German
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21 liches, wir thaten nur, was zu thun in unserer Zeit, unter unseren Umständen eine historische Nothwendigkeit war/ Mendel wurde ungeduldig und lärmte. „Zu der Sach'! Zu der Sach' tft David sagte freundlich; „Ich bin gleich zu Ende, denn ich will Euch nur Euren Anfang zeigen. Euer Anfang wäre nicht möglich gewesen, ohne die riesige socialpolitische Arbeit, welche im neunzehnten Jahrhundert geleistet wurde. Einzelne Juden haben sich an dieser Arbeit betheiligt, aber keineswegs Juden allein. Was aus den gemeinsamen4 Anstrengungen hervorgieng, darf keine Nation als ihr Eigenthum ausgeben. Es gehöit allen Menschen. Wer dankbar oder wissbegierig ist, wird vielleicht nach den Pfadfindern auf diesem glücklicheren Wege der Menschheit fragen. Dem angelsächsischen Stamme, meine Freunde, gebürt da der oberste Ruhm. Denn bei den Engländern finden wir zuerst die Ansätze des genossenschaftlichen Wesens, das wir übernommen und fortentwickelt haben. Die deutsche Wissenschaft hat auch ihr tiefes Wort dazu gegeben. Wenn jemand von Euch darüber mehr wissen will, so werde ich ihm die Bücher zur Geschichte der Corpcjjation in England, Deutschland und Frankreich zeigen." Ein junger Bauer erhob seine Hand, als wenn er zu sprechen wünschte, Friedmann sah ihn und fragte laut: „Was willst Du, Jacob?" Der Jüngling erröthete, weil er nachträglich über seine Kühnheit erschrak, und sprach in bescheidenem Tone : „Ich hab' Herrn Littwak nur sagen wollen, dass wir in der Gemeinde-Bibliothek die Geschichte der Pionniere von Rochdale haben." „Geben Sie es Herrn Mendel zu lesen," antwortete ihm David. „Es ist eine schöne, lehrreiche Geschichte. Die redlichen Pionniere von Rochdale, wie man sie nannte, haben viel für Euch gethan. Das heisst, sie haben für die ganze Menschheit viel gethan — obwohl sie nur an sich selber dachten, Wenn Ihr heute in Euren Consum-Verein geht und die besten Waren zum billigsten Preise bekommt, so babt Ihr das den Pionnieren von Rochdale zu verdanken." Passah.*) Von Börries Freiherrn v. Münchhausen. Hier, nimm das Brot, ich zerschlags mit der EI and, Stell' an den Tisch diesen Stecken; Heilig umschlingt uns ein mächtiges Band: Einst, einst Warst Du wie ich ja in Mizraims Land. * * * Häng' um die Schultern zur Reise das Kleid, Wie unsere Väter es thaten. Süss sind die Brote, sie steh'n Dir bereit, Einst, einst War ja zum Säuern des Brotes nicht Zeit. * # * Koste die Kräuter, wie Gott es gebeut, Bald wird er wieder uns lösen! Jeruschalajim, einst wird es erneut, Einst, einst Feiern wir dorten das Passah wie heut'! *) Aus dem Buche „J,udau. Wie das Buch „Juda" entstand. Nein, was der Schriftsteller sich nicht alles an Fragen gefallen lassen muss — ich glaube, die Mehrzahl der Leser macht sich kaum eine klare Vorstellung davon! Da will einer wissen, ob seine Verse den Druck vertragen, und legt einige Kilo Lyrik als Probe bei. Ein junges Mädchen, dem es auf dem väterlichen Landgute allzu einsam wird, hat den Entschluss gefasst, heimlich durchzubrennen, und ich soll sagen, wie man sowas am besten macht. Eine Weichkäse-Fabrik bittet um ein Reclame-Gedicht — sie zahlt zwei Kisten ihrer „Specialmarken" dafür. Eine alte Lehrerin „fordert energisch Aufklärung", warum ich die Lebensgeschichte der Rahab verändert habe, die doch als Stamm-Mutter Christi sich das nicht gefallen zu lassen brauche. Wiederholt fragen Leute : „Ist es wahr, dass Sie zum Judenthum übertreten wollen?" Und das sind nicht fingierte Fragen, es ist eine kleine wörtliche Auswahl aus meinen Briefen! Aber es kommen auch andere Briefe, verständigen und ernsten Inhaltes. Wie viel Unbekannte haben mich nicht neulich, als mich die,, Staatsbürger-Zeitung" anpöbelte, trösten wollen, und wie oft bin ich nicht gefragt worden, wie eigentlich dies Buch entstanden sei, von dem in den ersten 20 Tagen mehr wie eine ganze Lyrikauflage (600 Exemplare) verkauft wurden, und das in derselben Zeit 13 lange Feuilletons besprachen — abgesehen von den kleineren Kritiken — und s o besprachen. Ja, wie das Buch „Juda" entstand, das ist eigentlich eine lange Geschichte. Die ersten jüdischen Balladen schrieb ich vor acht Jahren als Secundaner, und seit der Zeit hat mich der wundervolle Zauber jener alten Herrlichkeit, die pathetische Pracht der Geschichte des alten Volkes nicht mehr losgelassen. Ganz allmählich entstanden in diesem langen Zeiträume die Gedichte, die ich noch 1898 in ein dickes Gesammtmanuscript meiner Verse einstreute, ohne an eine Sonderausgabe zu denken. Da lernte ich in Berlin, wo ich damals für mein Referendar- und Doctor-Examen arbeitete, E. M. Lilien kennen, und ihm verdanke ich den eigentlichen Anstoss zu dem Buche. Er hat sich sehr für die Gedichte begeistert und sagte mir: „Die statte ich aus, einerlei ob meine Zeichnungen je gedruckt werden-, nur aus Liebe zur Sache." Da beschlossen wir, ohne einen Verleger und ohne die geringste Aussicht auf einen solchen, das Buch, stellten Titel und Format fest, und ich sammelte und überarbeitete zum erstenmale alle meine jüdischen Gedichte. So ist das Buch also nicht gemacht, sondern entstanden, und darum trägt es auch die Spuren seines langsamen Werdens. „ Jerusalem * steht neben „Jeruschalajim" — natürlich nicht im selben Gedichte — und anderes mehr. Bald darauf lernten wir den Verleger F. A. Lattm a n n - Goslar kennen, den wir seither beide als eine wahre Perle seines Berufes erkannt haben. Ein rühriger, betriebsamer Charakter, ein vortrefflicher Geschäftsmann vereinigt sich in ihm mit einer immer gleichen fröhlichen Liebenswürdigkeit gegenüber „seinen Künstlern", und er hat nie Nein gesagt, wenn Zeichner oder Autor einen Wunsch für das Buch hatten. Und nun fieng die eigentliche Arbeit Liliens an, während ich nur den „Simson" noch fertig schrieb. Ephraim Mose Lilien, weisst Du noch, lieber Freund, wie eng uns dies Buch zusammengeführt hat?! Denkst Du noch der gemeinsamen Arbeit und des gemeinsamen Geniessens?