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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Altneuland
Date
1901-04-03
Page
20 (sequence 2)
Language
German
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20 für uns war es ein guter, weil wir ihn mit unserer Liebe düngten. Unsere ersten ruhmreichen Colonisten haben das schon vor dreissig Jahren gezeigt. Und doch waren jene Ansiedlungen ökonomisch nicht viel wert, weil sie nach einem falschen Principe errichtet waren. Die dort drüben konnten mit all ihren modernen Maschinen doch nur das alte Dorf machen. Ihr aber habt das neue Dorf, und das ist nicht allein Eurer Hände Werk, meine Freunde! Und Ihr werdet es für einen Scherz halten, wenn ich Euch sage, dass Neudorf gar nicht in Palästina gebaut worden ist, sondern anderswo. Es ist gebaut worden in England und Amerika, in Frankreich und in Deutschland. Es ist entstanden aus Erfahrungen, Büchern und Träumen. Die missglückten Versuche von Praktikern wie von Phantasten mussten Euch zur Lehre dienen, Ihr wisst es gar nicht. Ehemals gab es Bauern, die so fleissig waren wie Ihr und doch auf keinen grünen Zweig kommen konnten. Der Bauer alten Stils kannte seinen eigenen Boden nicht. Er wusste nicht, was in seiner Erde stak, denn er war zu beschränkt, um die Scholle chemisch untersuchen zu lassen. Er schwitzte nur drauf los, wandte mehr Kraft auf, als nöthig war, oder an der unrichtigen Stelle oder mit ungeeigneten Mitteln, Der alte Bauer konnte nicht ökonomisch arbeiten, weil er, wie im Nebel, nicht drei Schritte vor sich hin sah. Brauchte er für Verbesserungen Credit, gerieth er in Wucherschulden, so dass auch der beste Ertrag schon auf dem Halme hin war. Gegen Hagelschlag und Ungezieferplage war er nicht versichert. Zur Bewässerung und Entwässerung des Bodens reichte seine einzelne Kraft nicht aus. Bei Misswachs kam er ins Elend und eine gute Ernte machte ihn nicht reich, weil er den Weltmarkt nicht aufsuchen konnte. Er hatte zu wenig oder zu viele Arbeitskräfte. Seine hungrigen Kinder konnte er nichts lernen lassen, und so wuchsen sie in derselben Dumpfheit auf, wie er selbst und seine Vorfahren. Und als die neuen Verkehrsmittel aufkamen, da schien es, als wären alle nur für den Untergang der alten Bauern ersonnen. Der Ackerbau wurde in jungfräulichen Ländern grosswirtschaftlich. Die Maschinen machten den grossen Grundbesitzer noch reicher und den kleinen noch ärmer. Eine neue Hörigkeit entstand. Der freie Bauer musste Knecht werden, und seine Kinder wanderten als Lohnsclaven in die Gefangenschaft der Fabrik. Im Bauernstande war die alte Gesellschaft an ihrer breiten Grundlage getroffen, und viele rechtschaffene Männer haben darüber geseufzt, haben studiert und probiert, wie man es bessern könnte. Alle Hilfsmittel der Wissenschaft und Erfahrung wurden aufgeboten. Das eine war jedem klar, dass im Zeitalter der Maschinen die Grundbedingungen der menschlichen Existenz unserer neuen Kenntnis der Naturkräfte angepasst werden mussten. Das neunzehnte Jahrhundert war ein merkwürdig hinkendes Zeitalter. Im Anfange dieser curiosen Zeit nahm man die confusesten Schwärmer ernst und hielt die praktischesten Erfinder für verrückt. Der grosse Napoleon glaubte nicht, dass das Dampfschiff Fultons etwas Nützliches sei. Hingegen gewann der verworrene Fourier gleich einen Anhang für seine Phalansterien, die den Wohn- und Arbeitsort für einige hundert Familien bilden sollten. Stephenson, der Begründer der Eisenbahn, und Gäbet, der Träumer von Ikarien, waren Zeitgenossen. So könnte ich Euch noch viele Namen nennen, die Ihr vielleicht zum erstenmale hört." Alle hatten diesen Worten, die mehr ein belehrender Vortrag als eine Volksrede sein wollten, ruhig gelauscht. Jetzt, in der Athempause Davids, erhob sich Mendel und sagte höflich, aber laut: „Zu der Sach'! Wos hat dos mit unser Neudorf zu scliaffn?" David entgegnete gelassen: „Sehr viel meine Freunde!" „Jeder neuen Maschine pflegte in diesem curiosen neunzehnten Jahrhundert ein neuer socialistischer Traum zu antworten. Dieses Jahrhundert ist mir immer wie eine grosse Fabrik erschienen, in der sinnreiche Apparate von unglücklichen Menschen bedient wurden. Aus dem Fabriksschlote stiegen Rauchwolken in den Himmel, der früher blau gewesen. Diese wunderlich geformten, unbestimmten, zerfliessenden Rauchwolken aber stellten die Zukunftsverheissungen der Socialisten dar. Und wenn die seufzenden Menschen hinaufblickten, sahen sie nicht mehr ihren Himmel von einst, sondern die fabriksrauchgeborenen Wolken eines Zukunftsstaates. „Es gab auch rosigere Wolken, zum Beispiel die berühmte Wolke des Amerikaners Bellamy, der in seinem „Rückblicke aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887" eine edle commnnististische Gesellschaft darstellt. Dort kann jeder aus der allgemeinen Schüssel so viel essen, als er mag. Der Wolf weidet neben dem Lamm. Schön, sehr schön! Nur sind dann die Wölfe keine Wölfe und die Menschen keine Menschen mehr. Nach Bellamy kam der Staatsromantiker Hertzka und entwarf am 2. October seine Utopie „Freiland", ein sehr brillantes Zauberkunststück, vergleichbar dem unerschöpflichen Hute des Taschenspielers. Es sind schöne Träume oder, wenn Ihr wollt, Luftschiffe, aber lenkbar sind sie nicht. Denn diese edlen und menschenfreundlichen Erzähler begannen ihre sinnreichen Werke mit einem Beweisfehler. Die Gelehrten unter Euch — ich weiss, dass es auch in Neudorf, wie vor dreissig Jahren in Katrah, gelehrte Bauern gibt — die werden mich verstehen, wenn ich sage, dass die Erzähler jener Utopien eine petitio prineipii begiengen. Sie bewiesen mit etwas, das erst zu beweisen war: nämlich, dass die Menschen bereits die Reife und Freiheit des Urtheils hätten, welche zur Einrichtung einer anderen Gesellschaft nöthig sind. Oder vielleicht waren sie sich darüber klar, und es fehlte ihnen nur der feste Punkt, an dem Archimedes den Hebel einsetzen wollte. Sie glaubten, die Maschinerie sei das Wichtigste, um etwas Modernes zu schaffen. Nein, die Kraft ist es, nach wie vor die Kraft, immer nur die Kraft. Freilich, wenn ich einmal über die Kraft verfüge, dann werde ich sie durch die neuesten Erfindungen im Maschinenwesen aufs höchste ausnützen. Wir aber, wir hatten diese Kraft. Woher hatten wir sie? Aus dem ungeheuren und allseitigen Druck, der auf uns geübt wurde, aus der Verfolgung, aus der Noth. Das trieb die Zerstreuten zusammen und machte ihre Vereinigung stark, denn es waren nicht nur Arme, sondern auch Mächtige, nicht nur Junge, sondern auch Weise, nicht nur Ethusiasten, sondern auch Gebildete, nicht nur Hände, sondern auch Köpfe dabei. Ein Volk, ein ganzes Volk fand sich zusammen, nein, fand sich wieder, und wir haben die neue Gesellschaft gemacht, nicht weil wir bessere Menschen waren, sondern nur ganz einfache Menschen mit den gewöhnlichsten menschlichen Bedürfnissen nach Luft und Licht, nach Gesundheit und Ehre, nach Freiheit im Erwerben und Sicherheit im Besitze. Und da wir ans Bauen gehen mussten, haben wir uns eben das Haus von 1900 und nicht etwa das Haus von 1800 öder von 1600 oder aus irgendeiner früheren Epoche gebaut. Das ist doch alles selbstverständlich und klar. Wir hatten dabei kein grosses Verdienst, wir leisteten nichts Ungewöhn-

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