Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Elihu hanuvi
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 die Thüren, machet die Thore weit", Elihu hanuvi ist wieder auf der Wanderschaft. Von den Bergen Judäas dringt ein Wehklagen, ein Jammer schrei in die Welt, während viele Millionen den Ruf der Sehnsucht ertönen lassen: Leschono habo bijeruscholajim. Israel am Meere. Eine Pessach-Betrachtung. Von Eabbiner Dr. J. Ralf (Bonn). Ein uraltes jüdisches Sprichwort besagt: „An drei Dingen gibt sich die Eigenheit der Menschen kund: Bekisso, Beka'asso, Beko sso." Das heisst zu deutsch; „An seinem Beutel, Zorn und Becher." Da kommt ein anderer und fugt dem noch hinzu, auch „Besochko", beim Spiel. Und da nun dieser andere die Zahl „aller guten Dinge" und, was noch mehr bedeuten will, die schöne Aliteration durchbrochen hat, so möchten wir uns erlauben, diesen vier Kennzeichen menschlicher Gharaktereigenthümlichkeit noch ein fünftes hinzuzufügen, nämlich die Entscheidung in kritischen Momenten. Die Kinder Israels waren aus Aegypten gezogen und feierten ihr erstes Pessach-Fest — freilich nicht wie wir heutzutage, entsprechend dem jüdischen Volksliede : „Der Täte liest die Gode vor Und macht sich's recht bequem; Er legt sich mit dem linken Ohr \ An seine Sederlehn*; — sondern, wie die Schrift sagt: „Die Lenden umgürtet, die Schuhe an den Füssen und den Stab in der Hand"; also: reisefertig und auf der Reise. Am siebenten und letzten Tage dieses ersten Pessach - Festes waren sie am Meeresstrande angelangt, um * von hier aus das jenseitige Ufer zu gewinnen, dort erst Aufenthalt zu nehmen und die nöthigc Schulung und Vorbildung zu empfangen, welche ein unwissendes und ungebildetes Sclaveiivolk crfordeito, um ein Land zu besitzen, zu verwallen und zu vertheidigen und für eine gros-e Weltmission der notwendigen religiös-sittlichen Gesetzlichkeit und aller sonstigen Vorbereitungen theilhafttg zu werden. Mittlerweile war aber auch Pharao wieder zur Besinnung gekommen und verfolgte die Fortgezogeneti mit seinem guigeschulten Heere; und als nun die Isrealiten die Augen erhoben und vor sich die Mecrestiefe und hinter sich den Feind sahen, da fürchteten sie sich sehr, und sie schrieen auf zu Gott und murrten wider Moscheh: „Was hast Du uns gelhan, dass Du uns aus Aegypten herausgeführt hast?" Und Moscheh sprach zum Volke: Fürchtet Euch nicht! Nur stillgestanden und Ihr werdet dft Hilfe Gottes schauen, die er Euch heute leisten wird; denn wie Ihr die Aogypter heute sehet, werdet Ihr sie niemals wieder sehen, bis in Ewigkeit. Gott wird für Euch streiten, Ihr aber schweiget still lu Auf diesen Vers gestützt, hat der alte Jeruschalmi (der jerusalemische Talmud) herausgefunden, dass in diesem kritischen Augenblicke vier verschiedene Classen und Charaktere des israelitischen Volkes sich kundgaben. Die erste Glasse sprach: Für uns bleibt kein Ausweg und keine Rettung, am besten, wir stürzen uns ins Meer. Was antwortete ihnen Moscheh? Nur stillgestanden und ausgehalten und Ihr weidet die Hilfe Gottes schauen. — Die zweite Glasse sprach: Das Beste wird sein, wir kehren nach Aegypten zurück. — Was antwortet ihnen Moscheh? Das wird nimmermehr geschehen; „denn wie Ihr die Aegypter heute sehet, werdet Ihr sie niemals wieder sehen/ —Die dritte sprach zwar tapferen Herzens, aber schwacher Kraft: Nun, so lasset uns den Kampf aufnehmen mit unseren Verfolgern. Was antwortet ihnen Moscheh? Dazu seid Ihr nicht gerüstet; „Gott wird für Euch streiten." — Die vierte Classe sprach: Suchen wir uns mit ihnen zu verständigen und einen Ausgleich zu finden; sie werden schon mit sich reden lassen. Und was antwortet ihnen Moscheh? Er weist sie kurz und scharf zurecht: „Ihr aber schweigt still!" Meint man nun nicht, wenn wir die Sache in genauen Betracht ziehen, in diesen vier Classen die Parteistellung innerhalb der heutigen Judenheit zu erkennen? — Der neuzeitliche Zionismus hat die Herzen aller Juden gar mächtig ergriffen und bis in das innerste Leben hinein aufgerührt. Ein jeder, er mag wollen oder nicht wollen — er muss Partei ergreifen für oder gegen denselben. Wiederum stehen die Glaubens- und Volksgenossen gleichsam am Rande und Strande des Meeres und schauen sehnsüchtigen Auges hinüber nach dem Heiligen Lande, das für die grossen Massen der Gedrückten und Verfolgten, sowie für einen jeden, der sich in seiner Heimstätte unsicher und unheimlich fühlt, eine freundliche und rührselige Zuflucht, ja für die gesammte jüdische Nation einen festen Halt, einen kräftigen Rückenschutz bieten könnte, wenn es zu erlangen wäre: da machen sich die verschiedenen Anschauungsweisen geltend, welche mit dem Vorbezeichneten eine auffällige Aehnlichkeit besitzen. Die erste Classe spricht: Auf solche Phantastereien und Utopien ist nichts zu geben. Für uns in unserer Sonderstellung ist keine Hilfe und Rettung. Am besten, wir stürzen uns ins Meer. Gemeint ist an dieser Stelle: in das wilde Gewoge des Völkermeeres. Wir stürzen uns ins Meer, gehen darin unter, verleugnen und thun von uns ab unseren Glauben und unsere Nationalität, und aus ist's mit aller Noth für Zeit und Ewigkeit. Die zweite Classe spricht: Wir kehren am besten nach Aegypten zurück. Stand und Stellung unseres Volkes inmitten der Völker ist zwar nicht beneidenswert, nicht viel besser als die ehemalige Scku erei Aegyptens. Allein was bleibt uns denn übrig, als abwarten und aushalten. Auf zionistische Versprechungen geben wir nichts! Ob diese Zionisten jemals ihr Ziel erreichen, ob dieses Ziel überhaupt eine Besserung unserer Lage bedeutet, ist zweifelhaft. Es wird schon für uns einmal der Tag der Befreiung und Erlösung kommen — Gott hat's verheissen. Die dritte Classfe voll Muth und Entschlossenheit spricht: Nehmen wir den Kampf auf mit unseren Gegnern. Errichten wir Abwehrvereine, ReGhtschutzvereine, vielleicht auch einen Juden tag; sehen wir uns nach Bundesgenossen um, auch ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft — die alten, geknebelten, verschüchterten und verhetzten Menschen sind wir doch nicht mehr. Insofern ist es denn doch in der modernen Well viel besser geworden. Wir dürfen reden und schreiben und können reden und schreiben, so gut wie unsere Gegner. Und wenn wir diesen tapfer entgegentreten, dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir uns nicht die Stellung erringen können, die uns von rechtswegen gebürt. Die vierte, vielleicht zahlreichste, aber auch verächtlichste und von Moscheh am schärfsten zurückgewiesene Classe spricht: Es ist so schlimm gar nicht, wie Ihr uns gerne glauben machen möchtet. Vielleicht