Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Article
- Die Uhr
- Date
- 1901-03-29
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Dte Welt" Nr. 13 „Ich weiss, dass das eine theure Uhr ist und dass ich für sie einen hohen Preis bekommen könnte, aber ich werde die Ühr nicht verkaufen. Haben Euer Gnaden jemals gehört, dass ein Freund den andern verkauft?" Der Graf sah den Redenden starr vor Erstaunen an. „Ist's möglich?" rief er. „Du bist doch^^ein35reiclier Mann;und ein Jude, und die Juden legen doch nur.Werjt auf^ das Geld!" Leise erwiderte der Jude: ,,Euer Gnaden haben einen Irrthum/* Lachend versetzte der Graf: „Was für einen Irrthum habe ich? Was achtest Du denn so hocii an dieser Uhr, dass Du sie nicht verkaufen willst?, Du hast ja so viele andere? Wodurch ist Dir denn diese so: theuer?" Er war so neugierig oder verwundert, dass er sich abermals auf den Stuhl mit dem eingesunkenen Kissen und der zerbrochenen Lehne setzte. Langsam begann der Jude zu sprechen : „Wenn Euer Gnaden mein Gerede anhören wollen, so werd* ich alles erzählen. Es wird bald vierzig Jahr sein, dass ich die Uhr habe. Ich habe sie hillig gekau!t, und deshalb, um sie theuer zu verkaufen! Aber damals war mein Mojsche, der jetzt Kaufmann ist und grosse Geschäfte mit Getreide macht, >ein ' kleiner Bub* und ist ins Glieder gegangen, ich hab1 damals'nur diesen Sohn gehabt, und habe mich gefürchtet, dass mir der liebe Gott keinen Sohn mehr geben wird. Den Moijsche bub1 ich sehr lieb gehabt. Aj, was war das für ein Kind, dieser Mojsche! Wenn Euer Gnaden ihn gekannt hätten, so hätten Sie sich selbst gewundeit, dass es so ein Kind auf der Welt geben kann! Wie ich die Uhr gekauft hat', am selben Tage ist mir mein Mojsche aus dem Glieder nachhause gekommen, so schwach und blass, so traurig und abgehärmt, dass ich erschrak. Mein Mojsche kommt aus dem Glieder, se zt sich in einen Winkel, schaut zu Hoden, will nichts essen und sagt, dass ihm der Kopf sehr weh thut, dass er im Cheder sehr müde geworden ist, dass der Melamed sehr streng ist und dass er nicht länger leben will. Aj, aj, so ein Kind soll nicht leben wollen! Das ist eigentümlich, und das ist schrecklich und eine grosse Sünde! Wie er das gesagt hat, hab' ich mich beim Kopf gepackt, und seine Mutter hat sich beim Kopf gepackt, und seine Schwestern haben angefangen zu weinen, dass Mojsche nicht leben will, und während wir sitzen, und uns beim Kopf halten und wackeln vor lauter Schmerz, da fängt die Uhr plötzlich ihr „Ku-kuk" an. Es war zehn Uhr, sie schlug also zehnmal. — Beim erstenmale hob Mojsche den Kopf und verwunderte sich, beim zweitenmale schaute er nicht mehr auf die Erde, sondern auf die Uhr; beim drittenmale leuchteten ihm die Augen und er schrie: Aj, aj! Täte, was ist das? Woher hast Du das?" Und er hat die Uhr angelacht, wie ein Mensch, den man lange im Finstern gehalten hat. lacht, wenn er die Sonne sieht. Ich war sehr froh, dass er lachte, so bin ich auf den Sessel ge prungen, und hab' die Feder, die Euer Gnaden kennen, angedrückt, da ist der Vogel herausgesprungen, hat mit den Flügeln geschlafen und noch stärker Ku-kuk geruten. Nu, wie mein Mojsche den Vogel gesehen hat, ist er schon ganz aus dem Winkel herausgekrochen, hat die ältere Schwester bei den Händen gepackt, und hat vor der Uhr angefangen zu tanzen; und wie er mit der älteren Schwester getanzt hat, haben auch die beiden jüngeren, die noch ganz klein waren, sich bei den Händen gepackt, und haben auch angefangen zu tanzen. Sie haben_ nicht nur getanzt, sondern auch vor lauter Freude, dass sie einen so schönen Vogel haben, gelacht, dass es gehallt hat im ganzen Zimmer, so dass die Mutter, die beim Herd das Mittagessen gekocht hat, auch angefangen hat zu lachen. Ich bin auf dem Sessel gestanden, und hab1 geschaut, wie sie tanzen und lachen. Der Vogel hat „Ku-kuk" gerufen, und ich hab' in meinem Gedanken Gott gedankt, dass Mojsche nicht mehr krank ist, und leben will, und dass die grosse Trauer in meinem Hause sich in eine solche Freude verwandelt hat." Und es musste wirklich eine grosse Freude gewesen sein, denn noch jetzt, nach fast vierzig Jahren, sah man ihren Abglanz in den vielen Runzeln des Antlitzes, und vernahm das Echo in einem herzlichen Lachen. He:ter, mit strahlenden Augen sprach der alte Jude weiter: . „Nu,, hab', ich damals, die JUhr verkaufen können, wenn mir der liebe 'Gott so eine Gnade durch sie erwiesen hat? Ich hab' mich gefürchtet, >ie. zu verkaufen, um das Glück nicht zu verjagen, und, dann hab' ich auch die Kinder bedauert, für die der Vogel, uer in, der Uhr singt, die ganze Freude und Unterhaltung-war,''so_ dass, wenn er angefangen hat Ku-kuk zurufen, sie gleich vt>r der Uhr -tanzten;. . Ich hab' immer Käufer auf die Uhr gehabt* ab*r ich hab' mir immer gedacht, es hat noch Zeit! Soll die Uhr noch eine Weile bei uns bleiben! Dann hat milder liebe Gott eine schwere Krankheit zugeschickt, , ." Er seufzte tief, hob die Augen zum Plafond empor und sprach weiter: „Wie mir der liebe Gott diese Krankheit zugeschickt hat, bah' ich einen ganzen Monat nicht schlafen können. Wissen Euer Gnaden, was das heisst, wenn der Mensch grosse Schmerzen im Leibe, traurige Gedanken* im Kopfe hat un i die ganze Nacht daliegt und in die Finsternis schaut? Ich hab1 in dieser Finsternis viele Dinge gesehen, die kein guter Mensch je sehen soll! Ich hab' meinen Tod gesehen, und meine Kinder, die ohne mich im Elend sein werden, und alle meine Sünden, durch die ich den lieben Gott beleidigt habe, dazu kam die Furcht, was m'ch auf der anderen Welt dafür erwarten mochte .. . Wie ich so daliege, j«rjd alle diese Sachen mit offenen Augen vor mir sehe, iän^t der Vogel sein „Kukuk* zu rufen an; sofort verschwinden die schrecklichen Bilder und verwandeln sich in freundliche. Können Euer Gnaden sich vorstellen, was ich damils gesehen hab1 im \ Fin tern, wie die Uhr geschlagen hat? Ich hab1 Strumienea, ge ehen, und mich selbst, wie ich an dem Gitter am Hof stel e und auf den Wald, der gleich hinter dem Schloss war, schaue... Ach, der schöne Sommer! Der grüne Garten, das weisse Schloss, die angenehmen Gerüche, die von dort herströmen . . . Bei dem Schloss, auf dem hohen Baum, steht ein grosser Vogel mit einem langen Schnabel und füttert seine Jungen mit Fröschen,, die er von der Wiese heimgebiacht hat... Und im grünen Wald, den ich genau vor mir .sehe, ruft ein Vogel „Kukuk", ganz wie die Uhr. . .So schaute ich diese Bilder und lachte sie an, wie ein 'Kind, dem man ein Spielzeug zeigt, und ich dankte Gott, dass er ^mir ein lebloses Ding gegeben h t, das mir in der Dunkelheit, lichte, freundliche Bilder vor die Seele zauberte ... „Er schwieg und sass ziemlich lange mit gesenktem Haupte und mit auf dem Knie gekreuzten Händen. Der Graf hatte die Stirn in die Hand gestützt, er hörte aufmerksam zu, über die beiden schlohweissen Häupter aber rauschte der Strom der Zeit mit seinem unaufhörlichen „Tik— 'tak, tak—to—tak,. tak—to—tak" dahin... Nach e-nem Augenblick erhob sich die. Stimme des Juden abermals aus d( ni Gemurmel; sie klang ermüdet, beinahe flüsternd ... „Ich möcht' Euer Gnaden die ganze Woche von dieser Uhr erzählen können und hätte noch immer nicht alles gesagt. Nur eines will ich noch erwähnt n.- Hören Euer Gnaden mich geduldig an/4 Und er erzählte, wie er seine Lieblingstochter Malka, als sie nach Amerika abreiste, nicht auf den Bahnhol ^begleiten konnte; fühlte er doch, dass er sich vom Weinen nicht werde zurückhalten können, und er wollte d-s Mitleid der Leute ni' ht wachrufen. So hatten denn die Tochter und die Enkel hier «*von ihm Abschied genommen, hier in dieser Stube. Dann giengen sie, er aber setzte sich in einen Winkel auf die Erde, packte sich mit beiden Händen beim Kopfe und weinte und klagte zu Gott, warum er ihm solch ein schweres Leid zugeschickt habe. Plötzlich fiel ihm ein, man könne den schrillen Pfiff, der die Abfahrt der Züge verkündet, hier hören und er wollte diesen Pfiff hören. „Ich will hören", dachte er, „ich will wissen, .wann ..meine.. Malka und ihre Kinder^von hier wegfahren, wann sie für mich "schon ganz verloren sind... Er kannte die Stunde, die Minute der Abtahr*, so sass er denn im Winkel, dercKopf auf die Hände gestützt, und schaute auf die Uhr, auf. diese Uhr mit dem Vogel. Er sass und sann: in einer Viertelstunde, in zehn, in fünf, in drei Minuten ... Da ertönte e*n langgedehnter schriller Pfiff, so scharf, dass er ihm ganz das Herz durchbohi-te. Jetzt war seine Malka nicht mehr hier, lebend war sie für ihn gestorben ... „Glauben mir Euer Gnaden? Ich erinnere mich, e* . war damals (Ireiundzwanzig Minuten nach Zehn!... „Sinnend erhob sich der Graf. „Mein lieber Berek", sagte er-, „ich begreif.3 es ganz gut, warum Du diese Uhr nicht verkaufen willst. Du liest auf ihr, wie ich auf der meinen -- die Vergangenheit.,, Der alte Jude nickte befriedigt. „Euer Gnaden haben die Wahrheit gesagt. Euer Gnaden lesen die Vergangenheit auf Ihrer Uhr, wie ich a f der meinen. Eine Vergangenheit,hat. eben jeder. Sie standen einander gegen*, über, sie sollten si< h, trennen und verschoben den Abschied, als fühlten sie einen unsichtbaren Schmied, der sie mit geheimnisvollen Banden aneinander kettete; um ihre gebeugten, abgemagerten Gestalten rauschte der Strom der Zeit, tickten unaufhörlich die Uhren. Der Graf hatte sich niedergesetzt, b( quem, als^ gälte es ein langes Gespräch. Aus dem sie1 umgebenden Gemurmel löste sich eine reine Bassstimme: Eins, zwei, drei! klang es. Beim vierten Schlag eilte ihr ein feines Stimmchen zu Hilfe 5 wie ein Jüngling dem re.fen Manne; eins, zjvei { B jm, dritten Schlage bekam er Succurs, bis der ganze ClVör wieder in zwei, drei Stimmen ausklang; es war elf Uhr. (Fortsetzung folgt)