Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Article
- Die Uhr
- Date
- 1901-03-29
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 13 „Die x> Welt1* Seite 13 Die Uhr. Nach dem Polnischen der Elise Orszeszke, deutsch von Flora Landesberger. (Fortsetzung) riölzlich erklang eine 1 räitige Bassstimme aus dem fortwährenden Gemurmel: eins, zwei, drei! Beim vierten Schlage kam ihr eine dünne Sopranstimme zuhilfe, wie ein Knabe dun reifen Manne ruft, und rief: eins, zwei! Beim dritten Schlage klangen andere Stimmen mit, bis der Chor vollzählig einigemaJe ertönte, um dann wieder in einer Stimme, die die zehnte Stunde schlug, zu erklingen. Die beidtn Männer ei hoben die Häupter und liessen die Hände sinken. Lächelnd s^gte der Jude : „Nun, Euer Gnaden verstehen sich auf Uhren. .. Ich seh1 schon, Euer Gnaden finden so eiu Gefallen an Uhren, wie früher an feurigen Pferden und schönen Fräuleins." Heiter erwideite der Graf: „Das ist wahr, mein Lieber. Ich habe diese Vorliebe, ich weiss nicht woher und warum. Na, das Alter hat so seine Eigenheiten . . .* Der Jude schnitt eine Grimasse, unzufrieden brummte er vor sich hin : „Eigenheiten . . . Was ist das für eine Eigenheit! Warum soll das eine sonderbare Eigenheit sein? Die Uhr ist eine schöne Maschine und macht dem, der sie erfunden hat, Ehre. Tödtet sie jemanden, wie zum Beispiel die Flinte oder die Kanone? Vergiftet sie jemanden, so wie die Maschinen in den giossen Fabriken? Die Uhr ist ein Freund für den Menschen; sie ist mit ihm zusammen, wenn er traurig oder wenn er lustig ist; und sie zi igt ihm, um wrelche Zeit er etwas arbeiten soll; sie spricht zum Menschen, wenn jeda* andere schweigt; sie lehrt ihn, dass die Zeit vergeht, und dass er mit der Zeit wie auf einem grossen Flusse mitschwimmt ins ungeheure Meer.. .u Er machte eine Handbewegung und sa»te: „Wissen Euer Gnaden was? Die Uhr ist oft ein besserer Freund, wie ein Mensch; sie beis^t nie! Ha, ha, ha!" Er lachte leise, nachdenklich hörte der Graf zu. Er nickte bejahend und antwortete: „Weisst Du, dass ich diese Uhr schon damals be^ass, als ich noch, wie-Du Dich ausdrückst, die Vorliebe für feurige Pferde und schöne Mädchen hatte . . „Aj, aj!tf schmunzelte der Jude. „So ein junger Herr hat so eine theure Uhr gehabt!" Der Grat lächelte. „Es fehlte mir nie an theuren Sachen, wohl aber an theuren Menschen . . . Nie werde ich die Stunden vor dem Tode meiner Mutter vergessen . . . Der Arzt sagte mir, dass der Tod dann eintreten werde, wenn der Puls schwächer werden wird. Dann legte er sich nied-r, denn er war schrecklich müde vom Nachtwachen. Ich blieb ganz alltin an ihrem Bette, ihre Hand in der meinen haltend; oft nahm ich die tjhr in die andere Hand und zählte ... Ob der Tod schon nahe sei . . . Der Zeiger eilte und der Puls in der Lilienhand, an die Du Dich erinnerst, stockte und stockte ... bis er stille stand . .. Die Uhr zeigte fünf Minuten und d ei Secunden nach Mitternacht . . .* Der Jude schüttelte das Haupt, seine Augen waren feucht geworden . . . Die Uhren murmelten im Chor: „Tak—ti— täk, tak— ti—tak, tak—tat! — ti-tak"?" Der Graf versank in tiefes Nachdenken. Er war über sich selbst erstaunt, dass er so lange hier sass und sich so vertraulich mit diesen armen Teufel von einem Juden unterhielt. Er hatte ihn einst gekannt! Und was_ weiter?- Sie koLiiten doch keine gemeinsamen Erinnerungen haben, überhaupt nichts Gemeinsames. Er war nicht hochmüthig, und eine Thei nähme für alle Menschen war ihm angeboren, trotzdem wusste er, welch ein Abgrund ihn von Berek, dem Sohne des Pächters und jetzigen Uhrmacher in ein er Nebengasse, trennte. Sie waren ja in allem verschieden; es bestand gar keine Aehniichkeit zwischen ihnen. Er kam hier herein, um die Uhr ausbessern zu lassen, und verweilte stundenlang. Ja noch mehr, er hatte gar keine Lust wegzugehen. Und er begann, den Uhrmacher auszufragen — fast unwillkürlich: „Wie ist's Dir denn immer gegangen, mein Lieber? Und wie geht es Dir jetzt? Hast Du Familie, und kannst Du Dich erhalten?* ..Der Jude dankte für die Theilnahme und begann ausführzu erzählen . . . ~~ ■. < Er war nicht reich, hatte sich keine Capitalien zurückgelegt, aber .er .hatte sein Auskommen und litt keinen Mangel. Er arbeitete noch und verdiente aufs, tägliche Leben — und was brauchte er denn jetzt, wo er nur eine Enkelin bei sich hatte, die ihm d e Wirtschalt führte und seihst durch Nähen etwas erwarb. „Die Familie ist gross," erzählte der Uhrmacher ferner, „mehrere Kinder, viele Enkel, aber sie alle . . Er in achte eke Handbewegung. „Wissen Euer Gnaden? ich weiss ein Käthsei, und ich l'in sehr neugierig, ob es Euer Gnaden kennen oder nicht: Wie kann das sein, dass eiu Mensch eine Familie hat und doch wieder nicht?*4 Bei diesen Worten sah er den Grafen mit einem forschenden und zugleich neckischen Blicke, an. „Nu,'kennen Euer Gnaden das Räthsel?" Ein ironisches Lächeln umspielte die Lippen des Grafen. „Ich kenne das Räthsel, mein Lieber, ich kenne es sehr tut . . .« Der Jude schlug sich auf das Knie; unwillig rief er : „Aj, zu was kennen Euer Gnaden das Räthsel? Es ist besser, es nicht zu kennen! Nu, aber wenn wir beide das Räthsel kennen, so werde ich Euer Gnaden nicht mehr von meiner Familie erzählen, Sie sind ehrliche, anständige Leute. Manche sind sogar reich und gebildet, aber sie gehören mir nicht mehr, sie leben lür sich und für de Welt, nicht für mich . . .tf In der That, der alte Jude hatte einige Töchter, aber nur eine lebte für ihn. Sie hegte und pflegte ihn, sie war das Licht und die Sorne seiner Augen; jetzt aber hatte er sie schon lange nicht ge.-ehen und wird sie wohl auch nicht mehr sehen. Sie hatte Pech im Geschäfte. So ist sie denn mit Mann und Kindern nach Amerika gegangen, um dort ihr Glück zu versuchen . . . Er bekam manchmal Briefe von ihr, aber was sind Briefe? Er wird sie nie mehr sehen, das ist ein so grosser Schmerz, dass man ihn nur deshalb ertragen kann, weil Gott ihn über den Menschen verhängt hat. Was ist zu thun? . . . Seine Augen, von denen des Graf erzählte, dass sie einst himmelblau wie Türkise gewesen waren, blickten jetzt grau und trüb und leuchteten von Thränen unter den gerö heten Lidern. Bald aber beherrschte er seine Rührung; dankbar für die Theilnahme des hohen Herrn, erlaubte er sich schüchtern zu fragen : „Sind Euer Gnaden nicht böse, wenn ich mich nach der Schwester von Euer Gnaden erkundige, nach der gnädigen jungen Gräfin, die einst mich, den armen Judenjungen, auf einem Bild gemalt hat. Aj, war das en schönes Fräulen! Ich erinnere mich an sie. Warum soll ich mich nicht an sie erinnern? Ich bah1 so ein wunderschönes Fräuh in nie w edtr gesehen. Dos war ein Engel! Sie war so schön i nd so gut, und so .-tili und fein wie ein Engel! Ich erinnere mich, da-s Euer Gnaden sie sehr geliebt haben. Warum soll ich mich nicht daran erinnern? Hab1 ich ja nie mehr später so ein liebes Fräulein gesehen? Lebt.-ie? Und wo? Was macht sie? Wie geht es ihr?" Nach einem minutenlangen Stillschweigen antwortete der Graf: „Ich halte drei Schwestern, aber die, na< h der Du Dich erkundigst, liebte ich am meisten. Sie lebt und es geht ihr gut, ich aber habe sie schon lange nicht gesehen und werde sie vielleicht nie mehr sehen. Sie hat einen Engländer geheiratet und lebt in England; sie kommt niemals hierher, und mir, der ich der längsten Reise mich nähere, lällt es schon schwer, eine wenn auch nicht so grosse Reise zu unternehmen . . . Sie i t für mich todt, trotzdem eie lebt . . . Was ist zu thun? * Der Jude hörte aufmeiksam zu, traurig schüttelte er den Kopf. „Euer Gnaden kennen denselben Schmerz wie ich. Euer Gnaden haben ein wahres Wo.t gesagt: sie ist todt, trotzdem sie lebt. Ich denke dasselbe von meiner Malka. Ich mein' die Leute sterben verschieden : Die einen durch Krankheit, die anderen durch Entfernung, die dritten, weil sie sich verändern, die vierten . . . Aber zu was erzähl' ich das Euer Gnaden, wenn bie es selber wissen . . .?" Er machte eine Handbewegung und schwieg, der Graf sah zu Boden und erwiderte kurz : „Ich weiss es.* Beide schwiegen; um sie herum sprachen die Uhren in ihrem monotonen Gemurmel: „Tak-tak, tak~to-tak, lik-tak", bis plötzl ch eine helle Stimme aus dem Geräusch erklang: „Ku-kuk, Ku-kuk!*' Der Graf stand auf. und stellte sich vor die Uhr. Er hatte den Pelz geöffnet, denn es war ihm in der schwülen Stube heiss geworden. Mit erhobenem" Kopfe betrachtete er die alterthümli.he Uhr lange durch seine Brillengläser, dann sprach er: „Wieviel möchtest Du für diese Uhr verlangen?" Der Jude sass am Tische, er hob den Kopf und erwiderte lächetnd : „Was ich für die Uhr verlange? Ich verlange nichts für sie." „Wieso? Du handelst doch mit Uhren?" „Euer Gnaden haben die Wahrheit gesagt. Ich handle mit Uhren, aber diese Uhr gehört nicht in den Handelt Erstaunt wandte sich der Graf an ihn. „Warum? Der Gegenstand hat einen bedeutenden Wert. Ich möchte ihn selbst gerne kaufen,*' Der Jude nickte bejahend.