Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Article
- Die Uhr
- Date
- 1901-03-22
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 „Die s> Welt66 Seite 11 flCiib mir einen Sessel und eine Lampe, ich unterscheide die Landschaft auf dem Zifferblatte nicht genau; ich sehe sie, weiss aber nicht, was sie. vorstellt... . ." t Bei den letzten \yorten schwang er sich q^slifwhuau«f dem ihm zugeschobenen Stull], die Müdigkeit*.w.ar versicfowuHden. „Gib die Lampe her!" rief er. „Gleich, gleich, Euer Gnaden!" Die Lampe in der Hand, stand der alte Jude auf einem zweiten Sessel neben dem Fremden. „Genf!" rief der alte Herr, yja, ja! eine Schweizer Fabrik; weisst Du nicht, welche?" „Warum soll ich's nicht wissen? Kann ich etwas nicht wissen, was die Uhr betrifft?" Mit Genugthuung nannte er die schon seit langem nicht bestehende Fabrik. „So eine Fabrik gibt's auf der ganzen Welt nicht mehr! Wahr, sehr wahr, solch eine Fabrik existiert nicht mehr! Wie zieht man die Uhr auf?" Der alte Jude hatte den Schlüssel schon in der Hand, als hätte er ihn aus dem Aermel geschüttelt. In Wirklichkeit nahm er ihn aus einem auf dem Kasten angebrachten Verstecke. „So wird sie aufgezogen, sehen Euer Gnaden! Aj, wie gut das ist, dass ich sie heut' noch nicht hab' aufgezogen, so kann ich's Euer Gnaden zeigen. Aj, fein! so ein alter Schlüssel und geht wie geschmiert." „Sehen Euer Gnaden," fuhr er fort, „was das für eine Arbeit ist, und die Schnitzerei und die Vergoldung, fein!" „Empire!" — rief der alte Herr. „Empire! So wahr Gott lebt, Euer Gnaden verstehen sich auf Uhren, mit Verlaub, wie ein Uhrmacher.!* „Warf nur! Wart'! was ist das für eine Feder? ... ." „Nu, das ist so eine Feder, dass, wenn ich sie andrücke, so fliegt ein Vogel heraus, schlägt mit den Flügeln und fängt zu schreien an." „Aha, ja, ich habe schon einmal so eine Vorrichtung gesehen . . . .* „Wenn Euer Gnaden schon einmal so was gesehen haben, so will ich's Euer Gnaden das zweitemal zeigen ..." Sie standen beide auf den Stühlen nebeneinander, die Gestalten waren verschieden, denn der Jude war kleiner und zarter als der Fremde. Das Licht der Lampe, die der Jude in der emporgehobenen Hand hielt, fiel auf die beiden Gesichter die Züge ähnelten einander nur durch die grosse Menge der Runzeln. Beide trugen Brillen über den Äugen, die mit entzücktem Ausdrucke an der Uhr hafteten. Plötzlich flog über den schneeweissen Köpfen und den gefalteten Gesichtern, ein Vogel heraus; er schlug mit den Flügeln und rief mit heller, klingender Stimme: „Ku—kuk! Ku—kuk". Plötzlich stieg der Jude vom Sessel und war auch dem Gaste behiflich; dann fragte er, schüchtern, ohne sich Zeit zu nehmen, die Lampe niederzustellen : „Entschuldigen Euer Gnaden — vielleicht irre ich mich, aber meine alten Augen glauben, Euer Gnaden erkannt zu haben . . . „Warf nur", erwiderte der alte Herr, „mir kommt's auch so vor. Hab' ich Dich nicht gekannt?" „Euer Gnaden sind der Herr Graf Xaver aus Strumienica?...." „Nun und Du? Ich kann mich nicht entsinnen . . . .u „Ich bin Berek, der Sohn Schimschels, der Pächter in Strumienica war." „Du Berek? Ist's möglich? Ich erinnere mich ganz genau! Du standest meiner Schwester Modell zu einem Bilde!" Der Jude nickte; er stellte die Lampe auf den Tisch, weil ihm die Hände zitterten. Dann zog er einen alten Sessel mit gebrochener Lehne aus der Ecke und bat den Gast, Platz zu nehmen. Er bewegte die Lippen, lächelte; die gerötheten Augenlider zitterten unter den weissen Brauen, als ob sie etwas blendete. Endlich setzte er sich auch; er sah den Gast an und stammelte etwas Unverständliches, aus dem man die freudige Ueberraschung heraushörte. Aber auch der alte Herr blickte ihn verwundert an. „Ist's denn möglich? Du bist Berek! . . . Du . . . der Berek mit den goldenen Haaren, dem rosigen, mädchenhaften Gesichte und den blauen Türkisaugen? Meine Schwester verwendete Dich als Modell zu irgendeiner Gestalt im Bilde; dann kamst Du. oft ins Schloss . . . Also, das bist Du?" „Ja ... ich bin's, Euer Gnaden! Und Euer Gnaden sind der junge Herr, der nie anders ins Schloss hinaufstieg, als wenn er vier Stufen auf einmal hat übersprungen. Wenn mich die gnädige junge Gräfin malte und der junge Herr Graf Xaver ins Zimmer trat, da war's, als wenn die Sonne aufgegangen wärV „Aj, aj, ich weiss noch, wie der gnädige Herr Xaver geritten ist, und wie er mit den jungen Fräuleins getanzt hat! . . . Wenn noch so viele Herren geritten sind, so war er der erste, und wenn noch so viele Fräulems da waren, so wollten alle nur mit ihm tanzen. Iclvnab' das alles gesehen, beim Gitter oder hinter dem Fenster des Schlosses . . ." „Richtig — richtig" — rief der Graf — „ich sehe Dieb noch beim Gitter am Hof oder im Garten. Du verschlangst alles mit Deinen Augen, die so eigenartig naiv, so neugierig und vergnügt blickten . . . Wir sprachen oft mit der Schwester davon. Du sahst aus, als könntest Du Dich nicht genug Deines Daseins freuen . . ." Der Jude lachte leise : „Und Euer Gnaden, haben sich damals nicht über die ganze Welt gefreut?" Der Graf wurde nachdenklich und seufzte. . rNatürlich" — sprach er — „das ist die Jugend . . . Wir waren miteinander jung, mein Lieber!" Der Alte betrachtete den Gast, dann frug er leise : „Und jetzt?" „Jetzt! Nun, jetzt sind wir beide alt . . Der Jude stützte die Hände auf die Knie, senkte den Blick zu Boden und sank in sich zusammen. „Nu, nu! — warum sollen wir nicht zusammen alt geworden sein, wenn wir waren zusammen jung? Jeder Mensch auf der Welt, ob Jud', ob Christ, ob klein, ob gross, ist einmal jung und wird alt . . . und für jeden ist die Jugend die Freude, und das Alter ist eine Traurigkeit, was man bis zum Grab nicht los wird . . . Jeder kennt das . . Er schwieg. Auch der Graf schwieg, nur die Uhren an der Wand setzten ihr unruhiges Tik-tak, tak-to-tak, tak-to-tak*) fort. Eine der Uhren schlug mit Bassstimme: eins, zwei, drei; kaum war's verhalt, begann eine andere mit dünner Stimme: eins, zwei ... Beim sechstenmale klangen schon drei Stimmen, und beim siebenten waren es sechs, sieben, acht, neun, klang's im Chor, der dann in eine Stimme verschmolz, die die neunte Stunde verkündete. Lächelnd sah sich der Graf im Kreise um. „Ein Concert!' flüsterte er, und nachdenklich fügte er hinzu : „Mein lieber Berek, wieviel Stunden haben die Uhren uns beiden schon geschlagen!;; „Nu", antwortete der Jude, „warum hätten sie uns nicht schlagen sollen? Wir waren weit entfernt voneinander, haben einander vergessen, die Zeit ist vergangen, und die Uhren haben so gut für Euer Gnaden wie für mich geschlagen, für alle gleich . . .li Er hielt einen Augenblick inne, dann sprach er unterwürfig : „Wissen Euer Gnaden, dass ich mich an die Eltern des hochgeborenen Herrn Graten so genau erinnere, als ob ich sie gestern gesehen hätte V Seine Gnaden der alte Herr Graf war klein, aber er hatte so ein stolzes Gesicht, und die Gräfin hatte solche Hände gehabt, dass ich immer hab' geglaubt, es sind weisse Blumen, Lilien . . . Die Frau Gräfin hat Hände gehabt wie die Lilien. Verzeihen Euer Gnaden die Frage, lebt der hochgeborene Herr Graf und die Frau Gräfin noch?*4 Diesmal lächelte der Graf bitter, als er erwiderte: „Aber, mein lieber Berek, ist es denn möglich, dass meine Eltern noch leben sollten? Die weissen Lilien, von denen Du sprichst, ruhen seit langem schon im Grabe." Seine Stimme zitterte, aber er beherrschte seine Erregung und frug theilnahmsvoll: „Und Dein Vater? An Deinen Vater kann ich mich beinahe nicht erinnern, aber Deiner Mutter entsinne ich mich ganz genau. Eine zarte, kleine Frau, abgearbeitet, mit welkem Gesicht, aber mit schönen, schwarzen Augen, glühend wie zwei Flammen . . V Der Jude schwieg ein Weilchen, dann wies er mit den mageren Fingern auf den Boden und sprach leise : „Die Flammen, was Euer Gnaden sich erinnern, sind lange schon in der Erde . . ." Die Uhren murmelten „tik-tak", „tak-to-tak", die beiden aber schwiegen, ihre Seelen tauchten in den Strom der Zeiten. Der Jude erwachte zuerst aus seiner Versunkenheit und sprach: „Welchem Zufall verdanke ich die grosse Gnade Gottes, dass er mir so einen alten Bekannten zugeschickt hat?" *) Tak bedeutet im Polnischen, „so"; tak-to-tak: „So ist's, so!*