Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Article
- Koliner Brief
- Date
- 1901-03-22
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 „Die & Welt" Seite 9 obern, sollten allezeit des Goethe-Schiller'schen Mahnwortes gedenken: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schliess an ein Ganzes Dich an". Max Taube r. Jüdische Wissenschaft und Literatur. Geschichte der Juden in Kremsier. (Dr. Ad. Frankl - Grün: Geschichte der Juden in Kremsier, III. Bd., 1901. Frankfurt a. M., J. Kau ff mann.) Die historische Forschung ist um ein bedeutendes Werk bereichert worden. Nicht bloss in der allerdings schätzenswerten Sichtung von wertvollen Aufzeichnungen und in der Wiedergabe entschwundener Vorkommnisse liegt die Wirkung dieses Geschichtswerkes. Dr. Fr an kl s Darstellung der Geschichte der Juden in Kremsier, die bereits anlässlich des .Erscheinens der ersten Bände grosses Interesse erweckt hat, verdient in mehrfacher Beziehung Anerkennung und Lob. Der Verfasser musste nicht bloss enorme Schwierigkeiten, die sich ihm beim Aufspüren einer solch unübersehbaren Menge von Urkunden, Decreten, Privilegien, genealogischen und biographischen Aufzeichnungen entgegenstellten, überwinden und alle einschlägigen Schriften und Werke einer Geschichte von (500 Jahren (denn so weit reicht die Schilderung des Werkes) verarbeiten, sondern es blieb ihm auch die Aufhellung manch dunkler Zeitpunkte, manch entstellter Darstellungen und Ereignisse übrig, wobei sich nicht selten geringfügig scheinende Umstände zeigten, die dennoch Licht über das Leben und Wirken der Altvordern verbreitet haben. Mit kundiger Hand griff der gelehrte Autor in das Chaos von mehrhundertjährigen Denkwürdigkeiten, sichtete und barg viel Schmuck aus der Geschichte der Juden, fasste Edelsteine mit goldenen Reifen. Sein Werk gleicht einer Culturgeschichte, begrenzt auf enges Gebiet. Nicht weniger bedeutend als die Schilderung der Privilegien an die bis auf unsere .Zeit im „Schutze" des Bischofs stehende Gemeinde erscheint die Verfassungs- und Organisations- Geschichte (LBd.,S.54f 3. Bd.), sowie die bereits oft citierte (Kaufmann. D u s c h e n e s) Darstellung der Vorgänge des Jahres 1848. Die grösste Aufmerksamkeit werden jedenfalls die Aufzeichnungen über das Vereinswesen, dessen Geschichte der Autor bis ins Mittelalter verfolgte, sowie die chronologisch geordneten Urkunden, unter denen sich so manch wertvolles Stück jüdischer Märtyrerchronik findet, erfahren. , ' Aber auch von alledem abgesehen besitzt die Frankische Schrift einen hohen Wert als ein Archiv von Aufzeichnungen hervorragender Männer des Judenthums. Hier mögen Biographen eines F i s c h h o f, Ludw. Aug. Fr an kl, Krochmal ihr Wissen bereichen, ihre Daten ergänzen. Hier sei den Verehrer eines Z. FrankJ, G r ä t z und David Kaufmann pietätvolle Leetüre empfohlen. Hat uns die Darstellung des traurigen Classenkampfes in der Gemeinde eine Zeitlang in Spannung erhalten und ein düsteres Bild innerer Zerwürfnisse vorgeführt, so eröffnet uns die Lebensskizze Kaufmanns einen Ausblick in die Werkstätte eines wahrhaft gewaltigen Geistes, der mannigfache Wissensgebiete umfasste und eine reiche Fülle von Geistesgaben in sich vereinte. Edel, hochsinnig als Mensch, vielseitig und vollkommen als Historiker, als Theologe ein Lehrer und Forscher — so tritt uns dieser Mann entgegen, der berühmteste Sohn einer kleinen Gemeinde, die in geistigem Contacte steht mit jener, für welche Frankl seine vortreffliche Geschichte schrieb. H. Wenn Mutter erzählt Und Mutter erzählt — ich lausche — Von alten vergangenen Tagen, Und Mutter erzählt, dass wir einst Gott in die Welt getragen. Und dass wir ein Land einst besassen, Für das wir niuthig gestritten. Der Vater nickt mit dem Kopfe: „Ja Kind, wir haben gelitten---!* Mein Vater hat einen grauen Bart, Meine Mutter ist auch schon nimmer jung Seh' ich sie an, so blutet's in mir, Wie schincrzensüel'e Erinnerung. Und alte Zionslieder Erklingen leis* im Gemüth — Wie Sonne durch Winternebel Rothtlaiumend die Sehnsucht glüht. W i e n. IgnazKoli n. Die zwölf Brüder. Von Wilhelm Eckfeld. Es waren einmal zwölf Brüder, die wanderten in die weite Welt hinaus, und jeder suchte anderswo sein Glück. Da sie aber kein Vermögen besassen und jung und kräftig waren, so suchten sie Dienst bei fremden Leuten. So kam es, dass sie in den fernsten und entlegensten Ortschaften sich niederliessen, wo sie voneinander gar nichts hörten. Eine lange, lange Zeit war vergangen — fast hatte jeder von ihnen bereits vergessen, dass er Brüder habe, da kam dem Jüngsten der Gedanke, sie aufzusuchen. Es war ihm nämlich bei seinem Herrn, einem launenhaften, rohen Manne, schlecht ergangen, und da drängte es ihn, zu erfahren, wie es mit den anderen Brüdern stehe. — Da er nun ein Mann von raschem Entschlüsse war, so machte er sich auch bald auf den Weg, um seinen Plan auszuführen. Weit wanderte er gegen Osten zu, bis er an den Ort kam, wo sein ältester Bruder wohnte. Er erschrak, als er in dessen Wohnung trat, denn gar dürftig und armselig sah es hier aus, und der Bruder war grau und geb^u^t, so dass er ihn kaum erkannte. Der Greis fiel ihm um den Hals und begann bitterlich zu weinen; theils aus Freude über das Wiedersehen, th*iU weil ihm all die Leiden wieder in Erinnerung kamen, die ihm während der langen Zeit ihrer Trennung widei fahren waren. Und dann begann der Greis den Gast zu fragen, was ihn daherführe, und wie es ihm gegangen sei. Und als dieser sich beklagte und dem Bruder erzählte, wie übel, es ihm bei seinem Herrn ergangen war, da meinte der Greis, dies alles sei gar nichts im Vergleiche zu der Unbill, die ihm selbst bei seinem Herrn schon widerfahren sei. Und er erzählte, wie schwer er arbeiten müsse, und welchen kärglichen Lohn er bekomme. Die gröbsten Arbeiten in der . Wirtschaft müsse er verrichten, und dabei setze es immer Sehelte und Püffe ab. Zu essen bekomme er bloss das Verdorbene uud Ungeniessbare, oder auch gar nichts. Schlechter als mit einem Thiere gehe man mit ihm um, und trotzdem müsse er sich zufrieden zeigen. Denn wehe, wenn seinen Lippen ein Wort der Klage entführe! Da käme er übel an. Der Greis zog seinen zerrissenen Kock aus und eine Menge blauer, blutunterlaufener Striemen wurden auf dem abgezehrten Körper sichtbar. Und er erzählte die Gesehuhte dieser Male. Tag für Tag habe er gehofft, es werde besser werden, allein es sei nur noch schlimmer geworden. Und da, eines Tages, als er es schon gar nicht mehr aushalten konnte, habe er sich aufgerafft und sei entflohen. Wohin, wusste er zwar selbst nicht; nur von seinem Herrn wollte er fort. Ohne Nahrung sei er jedoch auf dem W'ege bald erschöpft zusammengebrochen und habe sich hierher zurückschleppen müssen. Und als der Greis geendigt hatte, brach er in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Mit schwerem Herzen nahm nun der Gast Abschied und reiste zu dem zweiten Bruder, der weit oben im Norden wohnte. Er fand ihn nicht besser an : sein Rücken w ar gekrümmt, sein Haupt gebleicht, und tiefe Furchen lagen in dem fahlen, verwitterten Antlitz. Aengstlich blickte er mit seinen tief in den Höhlen liegenden Augen auf den Ankömmling. Als er ihn aber erkannte, hellten seine Züge sich für eine kleine Weile auf. . . Bald waren beide in ein lebhaftes Gespräch verwickelt, und die Fragen überstürzten einander. Aber es waren nur trübselige Erlebnisse, die der Jüngste hier zu