Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Article
- Koliner Brief
- Date
- 1901-03-22
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315918-3395648--25246-3395768- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „Die & Welt06 Nr. 12 Kolin ist nach Prag Böhmens älteste Cultusgemeinde. Bedeutende Männer des Judenthums wirkten in der grossen Synagoge, die in ihrer jetzigen Gestalt schon ein halbes Jahrtausend alt ist. Zahlreiche mit grossen Stiftungen ausgestattete Wohlfahrtsinstitute geben Zeugnis von jüdischer Wohlthätigkeit Eine Religion s- und Sprachschule trägt Sorge, dass unsere Jugend im jüdischen Sinne auferzogen werde. Aber schwer drückt die physische und geistige Judennoth uns nieder, noch schwerer als die eigene die unsere Brüder in Galizien, Rumänien und Russland. Als nun vor Jahresfrist einige wenige Männer unserer Gemeinde, aus Wien und Prag zurückkehrend, den Zions- Gedanken als wertvolle Acquisition mitbrachten, wurden sie mit Spott und Hohn Übergossen. Sie verzagten nicht. Unentwegt und unverdrossen traten sie für ihre Idee ein. Endlich brach das Eis. Jeder Tag führte neue Anhänger uns zu. Die Herren Dr. Kahn, später Redacteur Feiwel aus Wien, warfen ihre zündenden Worte in eine Versammlung von Hunderten, und bei der constituierenden Versammlung des jüdischen Volksvereins „Zion" wies das Mitgliedsverzeichnis mehr als 140 Namen auf. Familien- und Debatten-Abende trugen zur Consolidierung viel bei, Töchtergruppen wurden gegründet und bei dem Congresse in London war Kolin durch drei Mitglieder vertreten. Heute ist Cultusrath und Gemeindevertretung, von einigen wenigen Mitgliedern abgesehen, zionistisch, und so ward das, was in Wien, Prag, Brünn erst angestrebt wird, hier auf die friedlichste Weise erzielt. Einen eclatanten Beweis für die Sympathien, welcher sich der Zions-Verein erfreut, erbrachte das am 5 d. M. abgehaltene Purim-Fest in Form einer Festakademie mit anschliessendem Tanzkränzchen. Wochenlang wurden von einem grossen, rührigen Comite die Vorarbeiten erledigt, und dessen Absicht, jeden Volksgenossen ohne Unterschied des Standes als Gast willkommen zu heissen, ward zur Thai. Wiewohl der Beginn der Feier auf 8 Uhr abends festgesetzt war, begann der geräumige und vornehme Theatersaal der neuen Redoute schon gegen 0 Uhr sich zu füllen. Von. weit und breit waren Freunde herbeigeströmt. „Bar Kochba", „Fraternitas", Verein jüdischer Handelsangestellter Prags waren durch vieJgliederige Deputationen vertreten. Der Cultusrath, die jüdische Gemeindevertretung, die Mitglieder der „Benei Berith", die Vorstände sämmtlicher jüdischer Vereine waren corporativ erschienen. Weit mehr als ein halbes Tausend Volksgenossen, den verschiedensten Berufszweigen angehörend, füllten die Festräume bis auf das letzte Plätzchen. In allen Mienen herzliche Freude, nach langen Jahren wieder einmal „unter sich" zu sein! Das demokratische Princip, in jedem Juden den Bruder zu sehen, kam so recht zum Ausdrucke. Da fanden sich einträchtig zusammen der Grossindustrielle und Fabrikant mit dem kleinen Mann aus dem Volke, der Grossgrundbesitzer mit dem Ackerbürger, der Grosskaufmann mit dem Hausierer, der wie kein zweiter von der Judennoth zu erzählen weiss. Alle fühlten sich eins; in ihrer Liebe zu Israel, zu ihrer augestammten Nation. Pünklich um S Uhr erhob sich der Bühnenvorhang, und die hehren Klänge von Max Bruchs „Kol nidre" — von einem grossen Orchester gespielt — durchbrausten den Saal. Einem Prolog (aus „Bar Kochb a" von Vrchlicky)' mit viel Gefühl und Innigkeit von Frl. Martha Sandek vorgetragen, folgte ein feierliches „Ma tauwu" — von Prof. M. W aller stein dem „Zion" gewidmet — das unter Orgelbegleitung von Frl. Frieda Markus' prächtiger Sopranstimme mit seelenvoller Andacht zum Ausdrucke gebracht wurde. Nach kurzer Pause betrat unser Landsmann, der bekannte Opernsänger Herr Wilhelm Tauber, die Bühne und gewann durch den Vortrag der grossen Arie „S i 1 a v i g u e u r" aus Halevys „Jüdin" tosenden Beifall und ejnen Lorbeerkranz mit weissblauen Schleifen. Ein Solo-Vortrag des Frl. Camilla S kutsch, in dem mit schalkhaftem Humor natürliche Grazie sich vereinte, fand stürmische Aufnahme, ebenso wie di& klangvolle Altstimme des Frl. Elsa B r e i t e nfeld. Den Schluss der .Vortragenden'bildete Herr Ingenieur Arthur Klein, dessen Auftreten allseits Frohsinn und Heiterkeit wachrief. Am Piano sass Herr ConradW allerstein; seine künstlerische und discrete Begleitung verdient alle Anerkennung. Enthusiastische Aufnahme fanden die lebenden Bilder: Rebekka am Brunnen, M i r j am und E s t h er v o r Ah asverus, dargestellt von Herrn Z. S p i n d 1 e r unter Mitwirkung von Mädchen und jungen Männern aus allen Gesellschaftsschichten. Das erhebliche Reinerträgnis bildet den Grundstock des C a p i t a 1 s für die Errichtung ein er jüdischen V o l k s b i b 1 i o t h e k. Der moralische Erfolg ist ein geradezu bewältigender. Zahlreiche Stammesgenossen aus der weitesten Umgebung wurden zu Zions-Freunden. Nicht hoch genug zu veranschlagen ist die Emancipation von fremden Elementen. Bewiesen wurde, dass man bei Veranstaltung nationaler Festlichkeiten nichtjüdischer Kunstkräfte getiost entrathen könne und der Gemüthliehkeit durchaus kein Abbruch geschieht, wenn der Jude ausschliesslich den Juden zu Gaste lädt. Hat man uns aus den verschiedenen arischen Vereinigungen hinausgeekelt, nun, so haben wir Juden uns auf dem Boden des Zionismus wieder zusammengefunden. Hier ist zunächst der Hebel anzuselzen. Es gilt, dem Juden in Böhmen, der in den verschiedensten Parteilagern herumlaviert und immer wieder in der unliebsamsten Weise ans Land gesetzt wird, begreiflich zu machen, es sei nicht voniiöthcn, irgendeiner Nation als . Schmarotzer sich anzugliedern, da er selbst der Sprössling einer uralten Culturnation sei, die gleich einem Dornröschen nach langem, langem Schlafe zu neuem Leben auf wundersame Weise geweckt worden. Lernt der Jude in Böhmen erst einmal jüdischnational fühlen und handeln, besinnt er sich darauf, er habe in erster Reihe heilige Pflichten gegen seine eigenen Volksgenossen zu erfüllen, so wird er seine nicht hoch genug zu veranschlagende geistige und materielle Kraft in Judas Dienst stellen — er ist für den politischen Zionismus gewonnen. Wer hätte noch vor zwei Jahren geahnt, dass der Jude in Prag und Eger, in Gablonz und Kolin ein glühender Zionist werden könnte! Durch nimmermüde Agitation in Wort und Schrift, durch Veranstaltung von Debatten, Vortrags- und Leseabenden wird unser Kreis vergrössert, unsere Zahl vermehrt. Ist es uns erst einmal gelungen, in allen Städten des Kronlandes Vertrauensmänner zu finden, die unerschrocken als Werber für die gute Sache auftreten und durch nichts von ihrem Wege, sich abbringen lassen, so ist die Gründung von zahlreichen, lebenskräftigen Ortsgruppen nur eine Frage der Zeit. Der geistig hochbegabte und zumeist mit irdischen Glücksgütern gesegnete böhmische Jude, der in fremdnationalem Streite seine guten Waffen so nutzlos versplittert, wird ein kriegsgewohnter, tüchtiger Kämpe sein, der nicht wenig zur Consoiidirung der inneren Verhältnisse beitragen wird durch Gründung von Spar- und Vorschusscassen, Religions- und Handwerkerschulen. Turn- und Gesangsvereinen. Ist einmal der praktische und kühl abwägende böhmische Jude politischer Zionist, so wird es niemand wagen, von Schwärmern und Strebern zu sprechen. Wir aber, Offieiere und Soldaten, die wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, Böhmen dem Zionismus zu er-»