Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Article
- Die General-Versammlung der russischen "Chowewe Zion"
- Date
- 1901-03-15
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die & Welt** Nr. Ii wenden soll, das bleibt dem eigenen Ermessen der Abordnung überlassen. 3. Die Versammlung erlegt der Abordnung die Pflicht auf, sich alier Mittel und Wege, die zur Erreichung ihres Zweckes führen können, zu bedienen. Sie soll bittlich oder fordernd auftreten, allenfalls auch die öffentliche Meinung in Anspruch nehmen und Protestversammlungen veranstalten. 4. Diese Abordnung soll sich aus 20 Mitgliedern zusammensetzen, nämlich aus acht Vertretern der russischen Zionsfreunde, aus vier Vertretern der auswärtigen Zionisten, aus sechs Vertretern der Colonisten und aus zwei Vertretern der Arbeiter. 5. Die Abordnung soll hauptsächlich Folgendes zu erwirken suchen: a) Dass alle Arbeiter und Colonisten in Palästina geordneten Verhältnissen entgegengeführt werden mögen, damit kein einziger von ihnen gezwungen sei, auszuwandern. b) Dass die Colonisten und Arbeiter von jeder Bevormundung befreit werden mögen und mit diesem System vollständig gebrochen werde. Den Arbeitern und Colonisten soll die Möglichkeit gegeben werden, ihre Lage nach eigenem Ermessen einzurichten, und die Körperschaften, die die Colonisation unterstützen, sollen nur darauf achten, dass die Unterstützungs-Beträge an ihren Bestimmungsortgelangen. c) Dass in Palästina eine temporäre Commission ins Leben gerufen werde, die aus den Vertretern der unterstützenden Körperschaften, den Vertretern der Zionsfreunde und politischen Zionisten und den Vertretern der Colonisten und Arbeiter bestehen soll. Diese Commission soll den gegenwärtigen Stand der Colonisation studieren und über Mittel und Wege sinnen, wie der Colonisation aufgeholfen und die Colonisten und Arbeiter in geordnete Verhältnisse gebracht werden könnten. Die Beschlüsse dieser Commission sollen für die unterstützenden Körperschaften obligatorisch sein. d) Sollten aber die unterstützenden Körperschaften nicht darein willigen, die Beschlüsse einer solchen Commission als obligatorisch anzuerkennen, so soll diese Commission dennoch eingesetzt und die zu fassenden Beschlüsse den unterstützenden Körperschaften zur Genehmigung unterbreitet werden. e) In dieser Commission soll besonderes Gewicht auf die Meinung ler aus den Reihen der Colonisten und Arbeiter entnommenen Mitglieder gelegt wei den. f) Solange diese Commission noch kein Programm für die Regelung des Colonisationswerkes ausgearbeitet hat, mögen die unterstützenden Körperschaften wenigstens dafür Sorge tragen, dass die Lage der Colonisten und Arbeiter nicht noch mehr verschlimmert werde und sie nicht ganz zugrunde gehen. g) Die Abordnung soll darauf hinarbeiten, dass den Arbeitern durch landwirtschaftliche Beschäftigung aufgeholfen werde, und zwar entweder mit oder ohne Hinzufügung industrieller Erwerbsgplegenheiten. Sollte aber den Arbeitern landwirtschaftliehe Beschäftigung nicht geboten werden können,'so möge man sie auf aridere Weise rangieren, damit sie im Lande bleiben und die jüdische Siedelung stärken sollen. h) Ais Endtermin für die Abreise der Abordnung wird die erste Woche nach dem Passah-Feste bestimmt. * In der vierten Sitzung wurden die Mitglieder der Abordnung gewählt. Aus den Wahlen gingen folgende Herren hervor: I. Vertreter der russischen ,;Chowewe Ziona: A. Grünberg, A. Ginzberg (Achad Haam), Dr. M. Mandelstamm, Doctor Tschlenow, M. Ussischkin, J. Gluskin, Dr. Bernstein - K o h a n , Dr. L. Kotian, Ersatzmitg Jeder : Samuel Barbasch, W. Temkin, M. M a r g b I i n , J. L. Goldberg. II. Vertreter der auswärtigen Zionisten: Dr. G a s t e r (London), Dr. Max Nordau, Dr. A. Marmorek (Paris), Dr. Leopold Kahn (Wien). (Schluss folgt.) Grand Rabbin Zadoc Kahn und Dr. Max Nordau über die Colonisten und Arbeiter in Palästina. Vor kurzem fand in Paris eine imposante zionistische Versammlung statt, . deren Bedeutung durch die Anwesenheit und die Aeusserungen Max N o r d a u s und des Grossrabbiners von Frankreich Zadoc Kahn noch erhöht wurde. Auf der Tagesordnung dieser vom Vereine „Dorschei Zion* ein berufenen "Versaminlüng 'stand eine Discussion über die Lage der jüdischen Arbeiter in Palästina und dieThätigkeit der Ica. Wir sprechen an anderer Stelle über den Gegenstand und begnügen uns, im Nachfolgenden ohne weiteren Commentar einen ausführlicheren Bericht über den Verlauf dieser Versammlung zu bringen: Den Vorsitz führte der Präsident der „Dorschei Zion", M.Kahn, der die Versammlung mit folgenden Worten eröffnete : „Wir haben die Ehre, in unserer Mitte den Repräsentanten des französischen Judenthums; zu begrüssen. Nützen wir diese Gelegenheit aus, ihm unsere Klagen vorzulegen, die wir auf das Heftigste gegen das \ orgehen der Ica in Palästina erheben. (Lebhafte Zustimmung.) Als Referent trat daun Herr Rabbiner Lubetzkj auf. »Wir können," sagte er, „nicht mit Gieichgiltigkeit einem Werke der Zerstörung und Vernichtung zusehen. Ich habe Gelegenheit gehabt, die Delegierten zu sehen, welche die Colonisten und die unglücklichen Arbeiter von Palästina nach Paris entsendet haben. Die Thränen, welche sie vergossen haben, haben uns bis in die Seele gerührt, und ihre Schilderungen vom Elend und den Leiden der tapferen Arbeiter haben unser Herz zermalmt. Die Delegierten wandten sich an die Ica. Die Mitglieder der Ica aber haben sie nicht einmal empfangen wollen; ja die Hausmeister haben telephonisch den strengen Befehl erhalten, ihnen die Thür vor der Nase zuzuschlagen. Wir protestieren energisch gegen ein derartiges Vorgehen, und wir hoffen, dass unsere Klagen nicht umsonst sein werden. Denn wir sind sicher, dass der Grand Rabbin von Frankreich, den die ganze jüdische Welt liebt und verehrt, sich uns anschliessen wird." (Langanhaltender Beifall.) Als zweiter Redner trat Max Nordau auf, der in einer formvollendeten und hinreissenden Rede zur Hilfeleistung für die jüdischen Arbeiter in Palästina aufforderte. Er führte ungefähr Folgendes aus: „Infolge unerhörter Leiden und masslosen Elendes haben vor 20 Jahren jüdische Jünglinge Russland verlassen. Sie sind nach Palästina gezogen, um dort den Boden ihrer- Väter zu cultivieren. Ungeheure Hindernisse stellten sich ihnen in den Weg. Hunger und Durst haben sie gequält, und vor ihren Augen haben sie die sterben sehen, die. ihnen lieb und theüer waren. Nichts hat sie abgeschreckt; denn ihr Ideal war ihnen die stärkste Stütze und lieh ihnen übermenschliche Kräfte. Nachdem sie ihre Todten beweint hatten, bearbeiteten sie mit erneutem Fleisse den Boden, den sie mit ihren Thränen benetzten. Ein Schrei der Bewunderung entrang sich damals der Brust eines jeden Juden. Das gesammte Judenthum wendete seine Blicke auf die Märtyrer, auf die Helden, denen man es zu danken hatte, dass der Wunsch verwirklicht wurde, den die jüdische Volksseele seit 1800 Jahren hegte. Nachdem man erfahren hatte, welche Schwierigkeiten sich ihnen in den Weg legten, wollte man ihnen helfen und dem Werke, das sie unternommen hatten, eine natürliche Grundlage schaffen. Es haben sich Vereine gebildet, welche ihnen Unterstützungen sandten,Unterstützungen, die sie nie beanspruchten. Dabei zeichnete sich besonders ein Mann aus, ein Mann, den das jüdische Volk mit Recht Wohlthäter nennt.*) Dieser edle Mann wollte den Feinden zeigen, dass die Juden nicht aliein Kaufleute und Händler, sondern auch Bauern sein können, welche imstande sind, einen uncultivierten unfruchtbaren Boden in einen blühenden und fruchtbaren umzuwandeln. Leider hatte dieser edle Mann schlechte Rathgeber. Das Geld wurde verschwendet, und den Colonisten sagte man: '".„Ihr seid Arbeiter, Ihr habt Cerealien, Ihr werdet vielleicht mit Mühe Euer Brot verdienen, aber Ihr werdet immer arm bleiben. Wir wollen Eure Felder in Weingärten umwandeln. Aus Euren Trauben werden wir Wein machen, und so werdet Ihr leicht Euer Brod verdienen und weniger Arbeit und Sorge haben. Eure Weinstöcke werden Euch mehr einbringen, als Ihr zum Leben nöthig habt.44 Und die Umgestaltung geschah. Weingärten wurden gepflanzt. Ein grosser Keller mit Dampfmaschinen und allem sonstigen Comfort wurde installiert. Die Bauern verwandelten sich in Arbeiter, und trotz der grossen Capitalien, welche das Unternehmen erforderte, hatten sie Vertrauen zu ihren grossen 'Protector und lebten ohne Sorge, sicher ihrer Zukunft. Plötzlich Wechseltalles. Alles wird zunichte. Das unternommene Werk steht still, die Arbeiten bleiben in der Schwebe. Gewiss hat der Baron v. Rothschild das Recht, mit seinem Gelde zu machen, wass er will, und wir haben gar kein Recht, von ihm etwas zu.reclamieren. Allein die *) Baron Edmund v. Rothschild. (Anm. d. Red.)