Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Article
- Die General-Versammlung der russischen "Chowewe Zion"
- Date
- 1901-03-15
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 „Die # Welt" Seite 5 auch auf Port-Said hin. Das Odessaer Comite' möge sich bei der Ica mit allem Nachdrucke dafür einsetzen, dass diese die Forderungen der Colonisten und Arbeiter bewillige. Die Ica. gebe jährlich Millionen aus, ohne für diejenigen, denen das Geld von den Stiftern eigentlich zugedacht war, das Mindeste zu thun. Dr. Bernstein-Kohan (Mitglied des zionistischen Actions-Comites) beantragt, das Odessaer Comite möge eine Abordnung bloss v.u dem Baron Rothschild entsenden, nicht aber zur Ica. Baron Rothschild, der ein jüdisches Herz habe, werde sich den berechtigten Vorschlägen gewiss nicht verschliessen. Herr Ginzberg (Achad-Haam) schreibt die ganze Schuld an den Uebelständen ebenfalls dem System der Bevormundung zu. Demgemäss müsse unser einziges Bestreben sein, dieser Bevormundung ein Ende zu machen. Auch nicht ein Schatten davon dürfe zurückbleiben. Redner glaubt nicht, dass es die Pflicht der Chowewe Zion sei, eine jede Auswanderung zu verhindern. Vielmehr ist er der Ansicht, dass es Colonisten gebe, deren Auswanderung der Colonisation nur zum Nutzen gereichen könnte. Aber diejenigen, die im Lande bleiben, müssen auf eigene Füsse gestellt werden. Redner ist dagegen, dass das Comite' bei der Ica für die Selbständigmachung der Arbeiter plaidiere, Selbst wenn die Ica sich herbeilassen sollte, eine Million Francs zu diesem Zwecke zur Verfügung zu stellen, so würde dies höchstens zur Colonisierung von 40 Arbeiterfamilien ausreichen. Er besteht trotz Dr. Soskin darauf, dass für jede Familie ca. 25.000Frcs. nothwendig seien. Die Durchführung der Vorschläge der Arbeiter werde die Arbeiterfrage ebensowenig lösen, wie die Bewilligung der Forderungen der Colonisten eine Lösung der Colonisationsfrage herbeiführen werde. Was wir bei der Ica durchzusetzen bemüht sein müssen, das ist die Cassierung des Bevormundungs-Systems. Wir müssen der Ica begreiflich machen, dass, was immer sie auch im Interesse der Colonisation beginnen werde, nutzlos bleiben muss, wenn die Colonisten nicht auf eigene Füsse gestellt werden. Höre erst einmal die Bevormundung auf, so werden die Colonisten sich schon selber zu helfen wissen, und alle die „gordischen Knoten", die uns jetzt so viel Kopfzerbrechen machen, werden sich allmählich lösen. Auf die Arbeiter zurückkommend, meint Redner, wir könnten ihnen bloss behilflich sein, sich irgendeine Existenzmöglichkeit zu verschaffen; mehr zu thun, namentlich die Arbeiter zu Bauern zumachen, sei derzeit ganz unmöglich. Deshalb müssen die Chowewe Zion, wenn sie die in Aussicht genommene eine Million Francs aufbringen, die Summe zur Schaffung von Industrien und anderer Erwerbsmöglichkeiten verwenden. Die Abordnung, die nach Paris entsendet werden soll, müsse mindestens 20 Mann stark sein und einen demonstrativen Charakter tragen. 20 Delegierte werde die Ica nicht abweisen können. Die Abordnung möge unbeirrt von allen Mitteln Gebrauch machen, die zur Erreichung ihres Zieles dienlich sein mögen, ohne sich in Compromisse einzulassen Unverrückbar möge ihr vor Augen schweben, dass das Vormund Schafts-System abgeschafft werden muss! Sollte aber die Ica unsere Delegation abweisen, so möge diese in Paris einen grossangelegten Congress der Chowewe Zion nach Art der Zionisten- Congresse einberufen, welcher über die Lösung des Colonisatio.isproblems berathen und an die jüdische öffentliche Meinung appellieren soll. * In der zweiten Sitzung verlas Dr. Bernstein- Kohan eine Resolution des grossen Actions-Comites des Zionisten-Congresses, die folgenden Wortlaut hat: „Die Mitglieder des zionistischen Actions-Comites sprechen den Wunsch aus, die Leitung des Odessaer Comites der „Chowewe Zion" möge in allen, die palästinensische Colonisation und die Arbeiter betreffenden Fragen einzelne Mitglieder des zionistischen Actions-Comites zurathe ziehen." Die Mitglieder des Actions-Comites haben zu diesem Zwecke aus ihrer Mitte folgende Herren nominiert: Ingenieur M. Uss i s c h k i n , Dr. J. Tschlenow, Dr. J. Bernstein- Kohan, Wladimir Temkin. Herr Epstein polemisiert gegen die Ausführungen Achad-Haams. Die Vormundschaft allein erkläre noch nicht alle Uebelstände. Beweis: Die unabhängigen Colonien R e c h o b o t h und Bene Jehuda, deren Zustand auch vieles zu wünschen übrig lasse. Die Hauptsache sei das Geld; und da das Geld in den Händen der Ica ist, müsse diese für eine vernünftige Regelung der Colonisation gewonnen werden. Redner * ist ebenfallsfür die Einführung von Hansindustrien für die Arbeiter. Mit dem Beträge, der zur Begründung einer Colonie für 100 oder noch weniger Arbeiter knapp ausreicht, könne man tausenden von Arbeitern lohnende industrielle Beschäftigung verschaffen. Herr G i s s i n aus Pethach-Tikwah schildert die Lage seiner Collegen, der landwirtschaftlichen Arbeiter, und führt aus, dass die Arbeiter sich nicht nach Palästina gewendet haben, um dort Reichthümer zu erwerben, nicht einmal, um sich dort bürgerlich zu ernähren. Viele von ihnen haben in den Ländern des Golus im Wohlstande gelebt. Sie sind nach Palästina gezogen, um das verwüstete Land der Väter urbar zu machen und den späteren Generationen vorzubauen. Wir haben, ruft Redner aus, fünfzehn Jahre lang unsere beste Kraft in den Dienst dieser unserer Ideale gestellt, and nun muthet man uns zu, die Bestellung des Bodens, den wir mit unserem Schweisse und Blute getränkt haben, aufzugeben und uns industriellen Beschäftigungen zuzuwenden. Darein werden wir niemals willigen. Nicht zu diesem Zwecke haben wir unsere Jugendjahre und die Blüte unserer Kräfte verschwendet. Landleute sind wir geworden, und als Landleute wollen wir sterben! Baron Rothschild hat uns die Colonisierung in Aussicht gestellt, die Ica gleichfalls; sie sind moralisch verpflichtet, ihre Versprechungen einzulösen. Wir sind fest überzeugt, dass die Ica den Vorschlägen einer Delegation der „Chowewe Zion" Gehör schenken wird. Der Betrag zur Ansiedelung der Arbeiten wird nicht übermässig gross sein, wenn bei der Begründung der neuen Ansiedelungen die alten Fehler vermieden werden und den Colonisten Selbstständigkeit gewährt wird. Herr Charlap (ebenfalls Delegierter der Arbeiter) bittet, die zu entsendende Abordnung möge sich zuerst an den Baron wenden. Redner verwahrt sich gegen die Behauptung, dis gefallen ist, die besten Arbeiter seien ausgewandert. Wenn das heissen soll, die tüchtigsten Arbeiter, so will Redner weiter nichts sagen. Soll das aber etwa heissen: die besten Zionsfreunde unter den Arbeitern, so müsse Redner sich dagegen entschieden verwahren. Er sei weit davon entfernt, die Collegen, die sich gezwungen sahen, auszuwandern, für schlechte Zionisten zu halten; aber die besten Zionisten seien im Lande geblieben, entschlossen, auszuharren bis zum letzten Athemzuge I Gebt uns Land, rufe Redner bewegt aus, und wir werden unsere letzten Kräfte anspannen, um auf festen Füssen zu stehen. Nicht; Brot fordern wir von den Zionsfreunden; Brot haben wir auch bisher nicht im Ueberfluss gehabt und Hungers werden wir auch weiterhin nicht sterben. Aber gebt uns Boden unter die Füsse, auf dem wir fest stehen und für unsere Ideale kämpfen können; gebt uns Land und wir wollen uns die Finger wund daran arbeiten, und wir wollen es düngen mit unserem besten Herzblut! Herr L e v i n führt aus, das Comite könne die Ica bloss bitten, aber keine Forderungen an sie stellen. Er spricht sich gegen den Vorschlag Achad-Haams aus, die öffentliche Meinung wider die Ica anzurufen. Präsident führt aus, der Versammlung lägen vier Fragen vor: 1. An wen sollen wir uns wenden — an den Baron oder an die Ica — und welcher Art sollen unsere Vorschläge sein? 2. Wer sollen unsere Wortführer sein? 3. Was sollen wir thun, wenn unseren Vorschlägen Folge gegeben wird? 4. Was sollen wir thun, wenn unsere Vorschläge abgewiesen werden? Bezüglich der ersteu Frage müsse nach Ansicht des Redners der Abordnung volle Actionsfreiheit gelassen werden. Was die zweite Frage betrifft, so unterliege es keinem Zweifel, dass die Männer, die entsendet werden sollen, die hervorragendsten Vertreter derjenigen Parteien sein müssen, die das Beste des jüdischen Volkes im Sinne haben. Das sind die „Chowewe Zion" und die politischen Zionisten. Diese beiden Parteien treten einander immer näher, und der Tag kann nicht mehr ferne sein, an dem sie mit vereinter Kraft ihrem gemeinsamen Ziele zustreben werden. Möge dieses Unternehmen, die Entsendung einer Abordnung nach Paris, der erste Schritt auf dem Gebiete der vereinten Arbeit der „Chowewe Zion" und der politischen Zionisten sein. (Stürmischer, sich immer wieder erneuernder Beifall.) * In der dritten Sitzung wurden folgende Beschlüsse gefasst: 1. Die General-Versammlung der russischen „Chowewe Zion" beschliesst, eine Abordnung nach Paris zu entsenden, deren Zweck ist: dafür thätig zu sein, dass das Colonisationswerk in Palästina gefestigt werde und die Colonisten und Arbeiter in geordnete Verhältnisse kommen. 2. Ob die Abordnung sich bloss an den Baron Edmund v. Rothschild oder bloss an die Ica oder aber an beide