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Die Welt · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
11 (15.3.1901)
Article
Die gegenwärtige Lage der Colonien in Palästina
Date
1901-03-15
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 11 betheiligten Unternehmer verfolgen sollte. In der jüdischen Publizistik werden nicht einmal positive Vorschläge gemacht für Unternehmungen, welche den Arbeitern sofort Beschäftigung geben könnten. Als einen solchen positiven Vorschlag betrachten wir nun den folgenden. Gründen wir Plantagen-Actiengesellschaften! Die Idee ist ebenso modern, wie aussichtsvoll. Die Deutschen unternehmen durchweg solche Plantagen- Gesellschaften in ihren Colonien in Afrika. Einmal sind es Kaffee-, ein anderesmal Cacao-^ein drittesmal Pomeranzenplantagen. Wir Juden müssen dasselbe für Palästina in Anwendung bringen. Gründen wir Orangen-, Oliven-, Mandel plan tagen, und zwar immer mit der Befolgung des Antheilschein-Principes. Die herzustellenden Plantagen können vielen jüdischen Arbeitern Arbeit liefern und zur landwirtschaftlichen Hebung des Landes in grossem Masse beitragen. Wir denken uns für den Anfang eine Actiengesellschaft mit 500 Acticn ä 200 Frcs. Diese Anzahl von Actien Hesse sich ohne Schwierigkeit unter den Zionisten auftreiben. Bei Bedarf könnte man im zweiten Geschäftsjahre eine zweite Emission von Actien folgen lassen zur Vergrösserung des Stammcapitals. Wir halten vorläufig Orangenplantagen für die geeignetsten, da sie in verhältnismässig kurzer Zeit, bei richtiger Cultur und Auswahl des Ortes nach 7—8 Jahren, guten Ertrag liefern. Auch ist ihnen der Absatz gesichert. Sehr erwünscht wären Olivenplantagen, deren Product schon im Lande Verwendung als Nahrungsmittel findet. Allerdings lässt der Ertrag etwas länger auf sich warten. Bei fachmännischer Cultur kann man nach 10—12 Jahren reichen Ertrag haben. Die Mandelpflanzungen Hessen sich in geringerem Massstabe anlegen, da der Absatz von Mandeln vorläufig noch nicht ganz gesichert ist. Die Bäume tragen schon im 8. Jahre. Die Initiative zur Gründung der Gesellschaft muss aber von Europa ausgehen, wo man viel leichter das Capital aufbringen könnte. Es dürften sich aber auch hier im Lande Personen finden, welche sich an dem Unternehmen mit Geld betheiligen wollten. Selbstverständlich müsste auch hier darauf geachtet werden, das Unternehmen nicht in unzuverlässige Hände zu legen. Als Radicalmittel zur Lösung der Arbeiterfrage haben wir die Colonisierung bezeichnet. Man muss sich vergegenwärtigen, dass zu einer solchen Colonisierung recht erhebliche Mittel nothwendig sind. Allerdings nicht so unerschwingliche, wie man es von einigen Seiten hinstellen wollte. Zuerst muss man sich Klarheit über die Frage verschaffen, wie gross die Zahl der Arbeiter ist, die man zu colonisieren hätte. Auf Grund genauer Kenntnis der Zustände behaupten wir. dass man mit gewissen Schwierigkeiten zu rechnen hätte, wollte man auch nur 100 zur Colonisierung brauchbare Arbeiter aussuchen. Man sprach häufig von 400 bis 500 Arbeiterfamilien. Wenn man die Frage so hinstellte, so nahm man sich sei: st den Muth, sie in befriedigender Weise in einer gewissen Frist lösen zu können. Es sind heutigen Tages ungefähr 100 Arbeiter zu colonisieren. Da wir nach eingehender Piüfung der Verhältnisse 12.000—15.000 Francs pro Familie für die Colonisierung für nothwendig halten, so beziffert sich die für die 100 Arbeiter aufzubringende Summe auf 1,200.000 bis 1,500.000 Francs. Wir denken uns dabei, dass eine Familie bis zu 400 Dunam Grund und Boden bekommen und mit den nöthigen Gebäuden, Vieh, Ackergeräthen etc. ausgerüstet werden soll/ Auch an die allgemeinen, im Anfang manchmal bedeutenden Ausgaben wurde hierbei gedacht.*) *) Bekanntlich verlangt Herr U. Ginzberg (Achad- Haam) in seinem Berichte an das Odessaer Gönnte 2510Ö0 bis 30 000 Frcs. pro Familie. Wir halten diese Ziffer für sehr ubertrieben. Wir behaupten noch, dass es nicht so schwierig ist, den Grund und Boden zu erwerben. Nur muss man bedacht vorgehen. Ueber das System der Colonisierung Wollen wir in einem folgenden Artikel sprechen. Zum Schlüsse betonen wir noch einmal, dass man zur Abhilfe sofort schreiten muss. Die Frage ist jetzt brennen.!, und sie wird es noch mehr, da in einigen Monaten sich dm Arbeitsgelegenheit noch vermindern dürfte. \Telchen Wog man auch einschlagen wird, er muss schnellstens betreten werden. Bis agit, qui cito agit. Die General-Versammlung der russischen „Chowewe Zion."*) Odessa, 8. März 1901. Aus den Verhandlungen der ersten Sitzung sind noch folgende Einzelheiten hervorzuheben: Ingenieur Ussischkin (Mitglied des zionistischen Actions-Comite\s)spricht sich gegen den VorschlagdesSonder- Ausschusses aus, eine fachmännische Commission nach Palästina zu entsenden. Bis eine solche Commission sich ihrer Aufgabe entledigte, würde das Colonisationswerk zugrunde gehen. Uns liegt es ob, an die Ica mit der Forderung heranzutreten, dass sie das Colonisationswerk festige und sicherstelle, dass sie namentlich eine Auswanderung der Colonisten und Arbeiter verhindere. Wir haben die Pflicht, dies zu fordern, und wir haben auch das Recht dazu, denn wir sind die Wortführer der jüdischen Nation. Sollte uns aber die Ica einwenden, die Erfahrung habe gezeigt, dass die Colonisation in Paläsina nicht entwicklungsfähig sei, so müssen wir auf alle die Ursachen hinweisen, die bisher einer gesunden Entwicklung im Wege standon, und müssen fordern, dass uns ein bestimmter Betrag übermittelt werde, mit dem wir unternehmen wollen, die Colonien auf feste Grundlagen zu stellen. Redner ist auch gegen die Begründung von Hausindustrien für die Arbeiter, beharrt vielmehr darauf, dass den Arbeitern Grund und Boden zur Bestellung angewiesen werde — keine grossen Bauerngüter, sondern bescheidene Ackerwirtschaften, die gerade zur Ernährung ihrer Familien ausreichen. Herr Temkin (Mitglied * des zionistischen Actions- Comites) wendet sich in scharfen Worten gegen das System der Bevormundung, das jetzt wieder in Gestalt der Ica komme, um das grösste Unrecht zu begehen: zahlreiche Colonisten zu expropriieren, ihnen die Ackerscholle zu entziehen. Die Ica hat aber gar nicht das Recht dazu! Sie hat das Colonisationswerk nicht geschaffen, dass sie es zugrunde richten dürfte. Wir müssen die Ica bewegen, den Colonisten 4,000.000 Francs zur Sanierung der Verhältnisse zur Verfügung zu stellen; die Colonisten würden sich verpflichten, diese Anleihe innerhalb 60 Jahren zu tilgen. Redner ist ebenfalls gegen die Begründung von Hausindustrien für die Arbeiter. Die Arbeiter erbitten keine Geschenke von uns; sie haben das moralische Recht, von den Freunden der palästinensichen Colonisation zu verlangen, dass man sie bodenständig mache. Wir müssen diese ihre Forderung bei der Ica nachdrücklich vertreten. Redner glaubt, eine Delegation der „Chowewe Zion" werde in Paris sicherlich ihr Ziel erreichen. Sollte die Ica aber allen Vorstellungen unzugänglich sein, so müssen wir, rufe Redner aus, die öffentliche Meinung wider sie anrufen. Die öffentliche Meinung des ganzen jüdischen Volkes, dem die Colonisation Palästinas unendlich theuer ist, werde die Ica zwingen, ihre Pflicht zu thun. Dr. S o s k i n (Jaffa) bemerkt, dass es in Galiläa grosse Strecken guten Ackerbodens zu kaufen gebe, auf dem die Ica die Arbeiter ansässig machen könnte. Er bestreitet nachdrücklich die Behauptung Achad-Haams, wonach die Kosten für die Ansiedlüng einer Arbeiterfamilie sich auf 25.000 Frcs. beliefen; es genügen hierzu 12—15.000 Frcs. Redner ist für die Schaffung von Industrien, für diejenigen Arbeiter nämlich, die Beschäftigung in den Colonien haben, aber auf einen Nebenverdienst angewiesen sind. Er führt einige Industriezweige an, die in Betracht kommen könnten, so die Eucalyptusöl-Bereitung, die Erzeugung von Holzkohlen etc.**). Redner könne den Colonisten bestätigen, dass es in Syrien gute Märkte für Tischweine gebe. Er weist *) Vgl. „Die Welt" Nr. 9 und 10. **) Vergl. die Ausführungen Dr. Soskius undDoctor Joffes in dieser Nummer unseres Blattes.

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