Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Article
- Die gegenwärtige Lage der Colonien in Palästina
- Date
- 1901-03-15
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 11 „Die & Welt" Seite 3 minderung des Beamtenpersonals nicht unbedeutend werden dürfte, würden für die Arbeiter mehrere bequeme Wohnungen abgeben können. Wir verlangen sogar, dass man in vielen Füllen den Arbeitern auch freie Wohnung geben solle. Diese Art der Unterstützung der Arbeiterfamilien ist sehr angebracht. Die Arbeit wird schon jetzt in einigen Fällen den Arbeitern in Accord abgeben. Man sollte dieses Princip in den meisten Fällen durchzuführen suchen, indem man allerdings die Preise nicht zu niedrig ansetzen dürfte und den unnöthig werdenden Aufseherlohn zum Preise für die Stückarbeit schlagen sollte. Man wird dadurch erreichen, dass sich natürliche Gruppen von tüchtigen Arbeitern bilden werden, welche für ihre bessere Arbeit auch besser bezahlt werden. Die Klagen der Administration über die Unzuverlässigkeit der Arbeiter würden aufhören, und es würde überdies den Arbeitern die Möglichkeit gelassen, nach Vollendung der Accordarbeit, die immer schneller gemacht wird als Tagesarbeit, sich durch irgendwelche Hausindustrie einen Nebenerwerb zu verschaffen. Die Regentage würden ebenfalls zu diesem Zwecke zu verwenden sein. Hier kommen wir auf das vielumstrittene Capitel der Hausindustrie zu sprechen. Wir bemerken aber ausdrücklich, dass wir die Colonisierung der Arbeiter als das einzige Radicalmittel in der Arbeiterfrage betrachten. Da aber diese Colonisierung sich nicht sofort durchführen lässt, müssen wir auch andere Wege zur Lösung dieser Frage einschlagen. Wir sind sicher, dass wir, besonders bei den Arbeitern, dem Vorwurfe begegnen werden, Palliative zu empfehlen dort, wo es nur ein Radicalmittel gäbe. Wir halten aber diesen Standpunkt für durchaus falsch. Die Hausindustrie als eines dieser Palliative kann wirklich den Arbeitern ihre Existenz erleichtern und wird dabei bedeutend zur Hebung der Cultur in Palästina beitragen. Auf die Colonisation kommen wir später zu sprechen. Wir kennen leider nicht viele Zweige der Hausindustrie, welche wir für die Arbeiter empfehlen könnten! Für die Einführung der Industrien stellen wir die Vorbedingung auf, dass sie keine besonderen Arbeitsräume beanspruchen, das heisst, dass sie vom Arbeiter in seiner Wohnung sich ausführen lassen sollen, und dass zu ihrer Ausführung keine eomplicierten Apparate und Instrumente sich als nothendig erweisen sollen. Zuerst denken wir hier an die Perlmutter-Industrie. Den Besuchern des IV. Zionisten-Gongresses dürfte ein Herr Surowitsch aus Russisch-Polen nicht unbekannt sein, welcher zur Hebung des Wohlstandes einer ganzen Gegend in Polen durch die Einführung der Perlmutter- Industrie den Grundstein gelegt hat. Es ist dies eine Industrie, die sich sehr leicht erlernen lässt und keine kostspieligen Instrumente erfordert. Auch in Palästina gibt es einen Ort, Bethlehem, wo sehr viel Perlmutter-Gegenstände fabrieiert werden. Knöpfe, Kämme etc. liessen sich vielleicht auch aus Horn herstellen. Zur Einführung dieses Industriezweiges hätte man nur einen das Fach kennenden Arbeiter aus Europa zu bestellen und ein kleines Capital zur Anschaffung der Instrumente, sowie zum Vertrieb der Waren aufzubringen. Für die erste Zeit müssten die Arbeiter von der Sorge um den Vertrieb der Ware frei sein. Als einen weiteren für die Cultur in Palästina wichtigen Zweig der Hausindustrie können wir hier die Essenzbereitung bezeichnen. Zuerst könnte es die Bereitung von Eucalyptusöl sein. In fast allen Colonien gibt es Eucalyptuspflanzungen, besonders bedeutend sind sie in Chedera, Pethach-Thikwah und Zichron-Jacob. Das Eucalyptusöl, aus den Blättern und jungen Trieben der Bäume" hergestellt, ist zwar kein sehr theures Product, könnte aber auch zur Seifenbereitung wohl Verwendung finden. Der dazu nöthige Destillierapparat lässt sich leicht und billig im Lande beschaffen. Werden doch sogar in Damaskus solche Destillierapparate für einen billigen Preis geliefert, mit denen man das beste Rosenöl erhält. Sehr bedeutend kann die Essenz-Wanderfabrication werden. Alsbald nach dein ersten Regen ist das Land in Palästina mit einer Unmenge von wildwachsenden Pflanzen und Blumen bedeckt. Ein Arbeiter auf einem Esel, mit einem Destillierapparat und einigen Pflanzen versehen, kann leicht von Dorf zu Dorf gehen und an Ort und Stelle die ihm nothwendigen Pflanzen und Blüten für ein billiges Geld von den Arabern pflücken lassen. Heizmaterial für die Destillierung findet man auch an Ort und Stelle. Er bringt nun in die Colonie die fertige Essenz mit. Nach den Aussagen eines Phannaceuten sind es vorläufig °20 verschiedene Essenzen, die hier im Lande auf diese Weise erzeugt werden könnten. Hier könnten also viele Arbeiter in den Wintermonaten einen bedeutenden Nebenverdienst haben. Das Eucalyptusöl lässt sich ja das ganze Jahr bereiten. Auch vom Vertriebe der Essenzen müssten die Arbeiter frei sein, sie müssten die fertige Ware an jemand absetzen können und sich weiter um sie nicht kümmern. Auch aus diesem Grunde muss ein kleines Betriebscapital beschafft werden. An dieser Steile müssen wir die demnächst ihre Thätigkeit beginnende Colonialbank vor Uebereilungen warnen. Diese Unternehmungen, die wir eben angeführt haben, müssen nur in ganz sichere Hände gelegt werden. Es können sich ja so leicht in Palästina angebliche Seifen-, Oeletc. Fabrikanten finden, von deren Existenz nur die Geldgeber wissen werden. Der Eucalyptusbaum kann uns noch eine Industrie ermöglichen, mit welcher schon ein Versuch, wenn auch im kleinen, angestellt wurde. Das ist die Holzkohlenbereitung aus Reisig, dünnen Stämmen und Wurzeln. Wer in Palästina wohnt, der weiss zur Genüge, wie wichtig es ist, in diesem vorläufig an Holz und Kohlen so armen Lande diese Branche zu entwickeln. Alle Städte bis nach Beirut haben einen grossen Bedarf nach Holzkohlen. Zu ihrer Herstellung sind ja gar keine Instrumente nöthig. Es ist eine sehr leichte Arbeit, welche vielen Arbeitern durch lange Zeit lohnende Beschäftigung geben kann. Die Kohlen aus Eucalyptusholz erwiesen sich als sehr brauchbar. Der Vertrieb der Holzkohlen, da er an Ort und Stelle stattzufinden hat, kann den Arbeitern überlassen bleiben. Allgemein ist bekannt, wie wichtig der Orangenexport aus Jaffa ist. Die für den Export nothwendigen Holzkisten werden fast durchweg von Arabern gearbeitet. Die Herstellung dieser Kisten verlangt keine specielle Erlernung, sie ist eine ganz einfache Arbeit. Auch jüdische Arbeiter können dabei Beschäftigung finden. Auch werden hierzulande Strohmatten, Körbe etc. hergestellt, und niemals haben es die Juden versucht, sich dabei zu betheiligen. Man zuckt sogar manchmal verächtlich die Achseln über diese und ähnliche Vorschläge. Wir sagen ja aber nicht, dass dies Haupterwerbsquellen sein sollen, aber einen häufig bedeutenden Nebenverdienst könnten sie doch abwerfen. In dieser Beziehung ist die eigene Initiative des Arbeiters von besonderer Bedeutung. Wir verlassen nach diesen wenigen Andeutungen das Gebiet der Hausindustrien. Wir sind überzeugt, dass es noch andere Industrien geben dürfte, die hier in Betracht kommen können. Doch überlassen wir weitere Vorschläge berufenen Sachkennern. Auch eine ausschliesslich landwirtschaftliche Beschäftigung halten wir bei den momentan herrschenden Zuständen für vollkommen angebracht. Es müssen neue Unternehmungen ins Leben gerufen werden, welche, lieben dem Zwecke, Arbeitsgelegenheit zu schaffen, das materielle Interesse der