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Die Welt · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
11 (15.3.1901)
Article
Hilfe für die jüdischen Colonien in Palästina
Date
1901-03-15
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die $ Welt" Nr. 11 Deputation von 20 Männern nach Paris zu entsenden, die es versuchen sollten, die Ica zur Erfüllung der Forderungen der Colonisten und Arbeiter zu bewegen. Man erwartete von der Zahl und Art der Männer, die in diese Deputation gewählt wurden, dass sie ihren Worten einen Nachdruck verleihen würden, dem sich die Ica nicht werde widersetzen können Sollte aber die Ica zu nichts zu bewegen sein, dann hätte jene Deputation die öffentliche Meinung gegen die Ica anzurufen . . . * Nie ist einer jüdischen Körperschaft eine grössere Ehre erwiesen worden, als man sie zu Od« ssa der Ica erwiesen hat. Männer, deren Namen Europa mit Achtung nennt, die besten des Judenthums, hat man beauftragt, nachdem schon so viele vorher vergeblich interveniert hatten, ein letztes Wort für die palästinensischen Brüder bei der Ica zu sprechen. Männer, die für sich selbst nie von irgendwem etwas erbeten hätten, hat man geschickt, von den Vertretern einer Geldgesellschaft etwas zu erbitten. Wenn die Deputation bei der Ica vorsprechen wird, dann werden diese Männer um der Brüder willen sich selbst überwunden haben. Wie aber, wenn die Ica gar nicht ahnt, welch grosses Opfer diese Deputation bringt, was dann, wenn sie diese Männer beleidigt? Beleidigen aber wird sie sie schon dann, wenn sie auch deren Wort gering schätzt, und die Forderungen, die sie stellen, nicht erfüllt. Wir lürchten uns beinahe, das auszudenken. Es wäre eine Beleidigung, die nie mehr gutzumachen wäre, ein furchtbarer Schmerz, der jenen Männern, der uns allen erspart bleiben müsste. Und wir fragen uns, ob es klug oder gut war, unsere Beste n der Eventualität auszusetzen, dass sie von nicht allzu feinfühligen Männern tief verletzt werden. Es ist noch ein letzter Rest von Hoffnung da, dass die Ica sich fügsam zeigen wird. Dass die Hoffnung nicht allzu gross ist, das beweisen die letzten Nachrichten aus Paris, das beweist auch, dass man schon in Odessa Massnahmen für den Fall der Ablehnung der Forderungen getroffen hat. Es soll die öffentliche Meinung gegen die Ica aufgeboten weiden. Die öffentliche Meinung! Gibt es einen Rechtstitel, den die Oeffentlichkeit gegen die Ica geltend machen kann? Es handelt sich doch nur um eine moralische Beeinflussung. Könnte aber irgendetwas auf das sittliche Empfinden der Vertreter der Ica noch stärker einwirken, als das traurige Bild des Verfalles blühender Golonien und der Anblick jener arbeitshungrigen Männer, die nichts anderes wollen, als ein Stück Brot, auch für die schwerste Arbeit —- wenn sie nur ihr Brot auf jüdischem Boden verzehren können? Nein, nicht gegen die Ica, aber für unsere palästinensischen Brüder müssen wir die öffentliche jüdische Meinung aufrufen. Max Nord au hatte R.echt, wenn er in einer Pariser Versammlung ausrief: „Rechnen wir nicht auf die anderen; rechnen wir auf uns selbst. Wenn der Baron Hirsch gar nicht existiert hätte, oder wenn er einem Sohne seine Millionen hinterlassen hätte, müsste deswegen das jüdische Volk zugrunde gehen? Die Colonisten von Palästina haben cl r ganzen Welt gezeigt, wessen die Juden fähig sind. Sollen wir sie zugrunde gehen lassen? Wenden wir uns an unser Volk, an die „Ghowewe Zion% an die ganze Welt, an alle Juden. Wir hoffen, dass wir durch unsere eigene Kraft dahin kommen werden, den Colonisten von Palästina zu helfen, die ja nur Brot verlangen. Ob die Ica sich dabei erweichen lässt oder nicht, das kümmert uns sehr wenig. Wir haben ohne die Ica existiert/ Der Grand Rabbin antwortete damals: „Kann denn der Zionismus, welcher Hunderttausende von Anhängern zählt, einigen hundert Arbeitern nicht heraushelfen? Wo liegt dann seine Kraft?" Es liegt ein gutes Stück bitteren Spottes darin. Der Grand Rabbin weiss so gut wie jeder andere, dass unsere Bewegung zunä« hst eine Bewegung der Armen ist, dass es gerade die Reichen .sind, die dem Zionismus bisher ihre Hilfe versagt haben, dass es vor allem die Diener und Kostgeher des Capitals sind, die es sich angelegen sein lassen, den Zionismus zu entstellen und zu befehden. Der Grand Rabbin hat auch nicht gesagt, dass die Zionisten an dem Unglücke in Palästina unschuldig sind, dass sie principielle Gegner des bisherigen, verhängnisvollen Systems der Colonisation sind. Doch sei dem, wie immer: Wenn wir auch nicht überstark sind, wir vermögen doch immerhin viel. Beweisen wir, dass es keine jüdische Noth gibt, die uns theilnahmslos findet, zeigen wir, dass wir den ersten Zionisten der That die Dankbarkeit abtragen wollen, die wir immer für sie empfunden haben. Die Odessaer Versammlung hat für den Fall einer ablehnenden Antwort einen Monstre-Congress aller Zions-Freunde zu Paris geplant. Arbeiten wir vor: Beginnen wir in Versammlungen von der Lage der Colonisten und Arbeiter in Palästina zu sprechen, sammeln wir überall für die Hilfsfonds, arbeiten wir für unsere Bank, die wohl die erste grosse Helferin sein wird, geben wir ein schönes Zeugnis von der Macht jüdischen Selbstbewusstseins und der Kraft der Einheit, die uns für die palästinensischen Brüder das geben werden, was ihnen die „wohlthätigen" Millionen des Baron Hirsch versagen. B. F. Die gegenwärtige Lage der Colonien in Palästina. Von Dr. H. Jofe und Dr. S. Soskin (Jaffa). (Schluss.) Wir kommen jetzt zur Betrachtung derjenigen Mittel, durch welche der Arbeiterclasse geholfen werden kann. Wir beanspruchen nicht, die Frage vollkommen erschöpfend behandeln zu können. Wir wollen hier unsere Ansichten mittheilen, welche auf praktischer Kenntnis des Landes begründet sind. Den Arbeitern, welche noch in den Colonien beschäftigt werden, fallt der Mietzins, den sie für ihre Wohnungen zu zahlen haben, sehr schwer. Bei dem immer kleiner werdenden Taglolm gelingt es selten einem Arbeiter, mehr als 40 bis 45 Francs monatlich zu verdienen. In den Wintermonaten, wo die vielen Regentage die Arbeit draussen im Felde unmöglich machen, fällt der monatliche Erwerb eines Arbeiters bis auf 30 Francs und vielleicht noch weniger. Wir sehen hier von den Kellerarbeitern ab, die den Vorzug hahen, auch bei schlechtem Wetter aibeiten zu können. Bei einem geringen Verdienste wird die Zahlung der Miete zur grossen Last, und der Verheiratete muss häufig seinen Kindern das Brot absparen, um für die sehr schlechte, allen hygienischen Anforderungen Hohn sprechende Wohnung monatlich 10 bis 15 Francs zu bezahlen. Hier könnte die Administration helfend eingreifen. Man sollte in den Colonien, wo man den Arbeitern Beschäftigung gibt (und die Arbeitsgelegenheit könnte noch vergrössert werden, falls man die Zahl der arabischen Arbeiter beschränken wollte, die in gewissen Arbeiten, so beim Ackern und als Kutscher, noch immer dominierend sind), Arbeitersiedlungen errichten, in welchen man den Leuten für einen billigen Preis eine gute Wohnung geben könnte. Die in einigen Colonien frei werdenden Beamtenwohnungen, deren Zahl infolge der Ver-

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