Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Article
- Schuld und Sühne
- Date
- 1901-03-08
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315916-3395308--25039-3395417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 „Die O Welt" Seite 13 Als nr am nächst«'« Tage in «las Haus Chaim Beers trat, erschrak «las Mädchon . hei seinem Anblicke. Er hatte keinen "Blui&tJ'uploji in seiüciii Gesichte, und seine Augen flammten. „Was ist denn Dir, Motl?tf fragte sie ihn theilnahmsvoll. „Es ist etwas vorgefallen," sagte er schwerfällig, „und ich werde Dich deshalb heuie bei der Mauer erwarten." „Ich werde kommen." Und sie kam und er gestand ihr seine Liebe in unbeholfenen und rührenden Worten. Und als er ihr auch darauf das unübersteigliche Hindernis erörterte, seufzte sie tief und ward traurig. Sie giengen dann eine lange Weile' schweigsam nebeneinander, bis Moti wieder das Gespräch aufnahm. „Was sollen wir also thun?" Sie schwieg und senkte ihre keuschen blauen Augen. „Was gibt es jetzt zu thun?u wiederholte er seine Frage. „Ich glaube," sagte sie, „wir müssen uns heiraten." „Du hast recht", sagte er überzeugt. Die Stelle , des Sefer Chassidim erschien ihm deutlich vor den Augen, es kostete ihn eine grosse Anstrengung, bis er sie wegwischen konnte. „Und Was wei den alle sagen?" begann er wieder. „Es ist wirklich schrecklich. Wir müssen fort." „Wohin?" „Zu meinen Eltern ins Dorf. Die verstehen nicht viel von solchen tiefen Gebräuchen. Dort können wir uns heiraten." „Und meine Eltern?" „Ja so, Deine Eltern „Und doch kann es ja par nicht anders sein. Ich muss mit Dir fort," sagte er resigniert. „Ich lasse hier ein Stück von meinem Herzen, aber ich muss mit Dir. Weisst Du, ich muss wirklich mit Dir." ,Ich auch," sagte sie einfach. „Und zwar wirst Du früher fahren und ich komme Dir nach." „Ich thue, was Du willst." „Und meinen Eltern werde ich dann schreiben, dass ich nicht anders konnte, dass es wirklich anders nicht möglich war." „Ja, so wirst Du ihnen schreiben." Und sie giengen noch eine Weile und schieden dann von einander. Sie sollte schon in einigen Tagen nachhause fahren und er nach einer kurzen Zeit zu ihr kommen. Niemand sollte etwas davon erfahren, damit nicht, die fiommen Menschen zu Ehren Gottes ihr Bündnis lösen sollen. Seine Eltern würden wohl zürnen, aber ihr Zorn kann ja nicht ewig dauern. Und alles kam so, wie sie es sich dachten. Sie führ ins Dorf und erzählte ihren armen Eltern ihr Herzensgeheimnis, und diese fanden den Entschluss ihrer Tochter für selbstverständlich. Als Motl zu seiner Braut ,kam, fand er die liebenswürdigsten Schwiegereltern. Fast alles war zur Hochzeit fertig. Und als man in der Anwesenheit von zehn Dorfjuden den Baldachin über das Brautpaar breitete, da ki ampfte sich Motls Herz zusammen. Gar mannigfache Gefühle stürmten auf ihn ein, und nicht zuletzt gedachte er seiner guten Mutter, der es nicht zutheil werden konnte, ihrem geliebten Sohne unter der Chuppe den Segen zu spenden. Hierauf theilte Motl seinen trostlosen Eltern, die keine Ahnung hatten, wohin ihr Sohn verschwunden war, mit, was mit ihm in den letzten Tagen geschehen sei, und rechtfertigte sein Vorgehen mit auserlesenen Beiegen aus Talmud und Midrasch. Sofort erhielt er den Besuch seines Vaters. Der Alte, den das Ereignis stark hernahm, machte seinem Sohne keine überflüssigen Vorwürfe, aber Motl sah wohl ein, dass sich der Vater eine)- gewissen Verstimmung nicht erwehren konnte. Als sie voneinander Abschied nahmen, da sagte der Vater zum Sohn : „L'fum chariftho schabeschtho. „Es gab einen Ausweg. Der Rabbi, der alles kann, kann auch Namen verändern. Hättest Du mir's erzählt, dann wäre alles besser. Uebrigens", fügte er besänftigend hinzu, „es wird auch so gut sein. Bleib' gesund, Motl." „Fahre gesund, Vater, und grüsse die Mutter. Ich werde Euch bald besuchen.4' Und als der Vater gieng, war es ihm so traurig zu Muthe, dass er weinen musste. Dann kam Salcie herein, sein liebes Weib, und sie setzte sich ihm gegenüber und sah ihn so lang an, bis es ihm warm ums Herz wurde. Und sie. lebten so zufrieden und so glücklich, dass sie ein König um ihr Schicksal beneiden konnte. Sie halfen den Eitern im Kampfe um das tägliche Brot, und das täg- ]\$\ftt Brpt.^at ihnen nicht gefehlt. El' war glücklich, wenn er auf 'sie'sahj und s!ie,rffatte wferin sie ihn zufrieden wähnte. Si^ sp»acher nie von ihrer Liebe. Aber jVdes Wort, war Znrlhchkeii. jed^r Blick Freundschaft. Er hatte jetzt auch Zeit gefunden, eich eine Stunde täglich mit den. Gesetzen zu beschäftigen, und da sass sie immer an seiner Seite, wenn er in d^igrasen Folianten blätterte. Da scheuchte ihn einesry^g:es,;eine böse Botschaft aus seiner glückseligen Euhe auf. Es kam ein Brief von seinem Vater, dass die Mutter bedenklich erkrankt sei. Er fuhr sofort nachhause und fand seine Mutter in der Agonie. Eine böse Lungenentzündung machte ihrem Leben ein Ende. Als er ganz gebrochen, wie ein Greis, hinter dem Sarge seiner Mutter schritt, konnte es ihm nicht entgehen, dass man auf ihn mit den Fingern zeigte. Es war ihm so dumpf und stumpf im Herzen, dass sich Gott seiner erbarmen konnte. Da gieng er jetzt gebeugt denselben Weg, den er so oft im grössten Fi eudenrausche wandelte. Das Thor öffnete sich in der Mauer, man beschritt den Friedhof. Nach der rituellen Reinigung wurde der Sarg ins Grab gesenkt. Während die Umstehenden Schollen in die Tiefe warfen, begann ein Mitglied der „Chewrah Kadischah" die Verstorbene um „Mechiloh* (Verzeihung) zu bitten. Und der Mann begann mit dem Namen des hinterbliebenen ältesten Sohnes. Er sagte: „Dein Sohn Mordechai ben Sarah lässt Dich um Mechiloh bitten.'1 So hat es der Vater verlangt. Dann folgte erst er selbst und die übrigen Familienmitglieder und Bekannten. Es kam zum Kaddisch. Motl begann das Gebet, konnte es aber nicht vollenden. Keine Thräne unterbrach seine Worte, aber es versagte ihm die Sprache. Sein jüngerer Bruder sprang für ihn ein. Dann begleitete man die Leidtragenden nachhause. Am vierten Tage fuhr er ins Dorf. Als seine Frau seiner ansichtig wurde, schrak sie heftig zusammen Sie hätte ihn fast nicht erkannt. Er stand wie ein zum Tode Verurtheilter auf der Schwelle, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben. Sie fasste sich zuerst. „Um Gotteswillen, was ist denn geschehen?" „Etwas Schreckliches ist geschehen," hauchte er. Da begriff sie instinetiv die Wahrheit. Es kam über sie, wie eine Ahnung, die nicht trügt. Sie ergriff seine Hand, führte ihn zu einem Stuhl, auf den er sich mechanisch niedersetzte. Dann schwiegen sie eine lange Weile. „Wann ist das geschehen?" begann sie wieder. „Gestern,*4 sagte er, ohne die Augen zu erheben. Tiefes Schweigen. Hierauf begann sie zu schluchzen. „Wir sind Sünde]', wir sind grosse Sünder," sagte er. „Wir sind Sünder," wiederholte sie seine Worte mit von Thränen unterdrückter Stimme. „Wir müssen sühnen," sagte er. Da schlug sie ihre Augen auf. und alles Blut wich ihr aus den Wangen. Sie zitterte wie Espenlaub. Er fühlte ihren Blick auf sich ruhen und senkte-wie ein wahrer Sünder sein Haupt, „Müssen . . . wir?" fragte sie wie geistesabwesend. „Ja", antwortete er in gedämpftem Tone. ,,Sonst bringen wir ein gottverfluchtes Geschlecht auf die Welt.tf Sie sass wie gelähmt. Dann sagte sie leise und resigniert : .Jen thue, was Du willst." Tiefes Schweigen. „Salcie?" „Was willst Du?" „Sag' mir, wirst Du einen anderen heiraten?" Er sprach die Worte mit zitternder Stimme, und eine helle, grosse Thräne erschien in seinen trockenen Augen. „Nein," sagte sie kaum hörbar, .,und Du?" „Nein." Und am nächsten Tage fuhren sie in die Stadt zum Rabbiner und wurden geschiedene Leute. Jüdische Toynbee-Hallen. Erste Jüdische Toynbae-Halle in Wien. XX., Webergasse Nr. 13. Ein Kindernachmittag. Sonntag den 3. März veranstaltete das Comite der Toynbee-Halle eine Purim-Feier für 110 arme Kinder der Brigittenau. Schon vor 3 Uhr sassen die Kleinen auf ihren Plätzen, gespannte Erwartung in den Gesichtern, die voi* 'Freude heÜ^aufteüdlffeten;Hi^etui ein BeY^ vöh Kücherl'öder