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Die Welt · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Article
Schuld und Sühne
Date
1901-03-08
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die & Welt'6 Nr. 10 Doch waren ihm diese Minuten theurer als sein Leben. Er scheut« nicht mehr davor zurück, ihr in «1ie Augen zu schauen, wobei er eine namenlose Wonne empfand. l£r machte bei sich die BeW^k&frg, dass weder seine Mütter i-och seine beideri ^Schw^Sfern solche tiefe, blaue Augen haben. Als der Jahrestag wiederkam, an dem er sie zum erstenmalo erblickt hatte, wusste er bereits ihre Lebensgeschichte. Sie war die Tochter eines weitläufigen Verwandten von Chaim Beer. Ihre Eltern, die durch den Brand ihrer Dorfschenke an den Bettelstab kamen, gaben sie in das Haus des reichen Verwandten, damit sie nicht in ihrer frühesten Jugend die Bitternis des Lebens kosten solle, und er nahm sich auch ihrer an. Sie musste sich aber im Hause dieses reichen Verwandten ihr Brot verdienen. Sie wurde zwar nicht für die groben Arbeiten verwendet, musste aber den Haushalt mit grösster Sorgfallt leiten, war für alles verantwortlich und hatte dabei ofe nicht schmeichelhafte Worte von der Hausfrau zu hören. Motls Neigung zu dem Mädchen wuchs von Tag zu Tag. Ihre Gespräche verlängerten sich zwar nicht, aber er hielt es nicht mehr für eine Sünde, an sie zu denken. Wohl hatte er noch immer heftiges Herzklopfen, wenn er einige Worte mit ihr wechselte. Aber schon kam ihnen beiden ihre Liebe zum Bewusstsein, sie empfanden irgendeine Beziehung zwischeneinander, die ohne jede Abhängigkeit von ihrem Willen wirkte. Und ohne dass sie recht wussten, wie es kam, sahen sie sich eines schönen Abends an der Mauer spazieren. Da sie sich der Grösse dieses Verbrechens, an einem einsamen Orte selbander einherzuschi eiten, vollständig bewusst waren, wählten sie, um nicht verrathen zu werden, das äusserste Ende _der Mauer, wohin sich selten die liebenden Paare verirrten. Sie giengen da nebeneinander, Schulter an Schulter, ohne viel Worte zu wechseln, ja oft im tiefsten Schweigen. Wenn sie auch reden wollten, sie hatten einander nichts zu erzählen, das sie nicht schon gewusst hätten. Wenn sie nachhause giengen, sagten sie sich gute Nacht, ohne einander die Hände zu reichen. Dann blieb er gewöhnlich stehen, sah ihr nach, lange, lange, bis sie verschwand. Oft geschah es, dass auch sie sich umwendete, und dann errötheten beide und giengen ihres Weges. Als er eines Abends zur Mauer kam, traf er sie trotz ihres Versprechens nicht. Es war ein kühler, düsterer Abend, und die Mauer hatte ein besonders trauriges Aussehen. Es bemächtigte sich seiner eine tiefe Traurigkeit. Die unerfüllte Sehnsucht nach dem geliebten Wesen bedrückte ihm das Herz und trieb ihm die Thränen in die Augen. Er begann jsich ihre Gestalt in allen Einzelheiten vorzustellen : die blonden, schönen Haare, die tiefen, blauen Augen, den süssen, schweigsamen Mund . . . Und wie er sie so vor sieh in seinem Geiste erblickte, begann er bitterlich zu weinen. „Motl," sagte er zu sich, „das muss ein Ende nehmen. Entweder, oder." Kr machte einige Schritte vorwärts und blieb stehen, in Nachdenken versunken. Sein scharfsinniger Kopf bpgann zu arbeiten. Nach einigen Minuten war er mit sich fertig. Ei* holte tief Athem, wischte sich die Thränen aus den Augen und nahm seinen Weg nachhause. Ais er an dem Thore des Friedhofes vorbeischritt, bewegte sich eine kleine Trauergemeinde gegen denselben, an deren Spitze vier Männer einen einfachen schwarzbedeckten Holzsarg trugen. Da man an einem Leichenbegängnisse nicht vorübergehen darf, ohne dem zur letzten Ruhe Getragenen einige Schrine das Geleite zu geben, schloss er sich dem kleinen Zuge an und gieng auf den Friedhof. Als die Leiche in die Reinigungshalle getragen wurde, sah er sich unter den Leidtragenden um und erkannte unter denselben seinen einstigen Lehrer Nachmen, bei dem er sich die Anfangsgründe des Thora- Studiums angeeignet hatte. Sie begrüsten einander und Motl fragte : „So spät noch eine Beerdiguug?" „Es ist halt eine arme Frau, eine Nachbarin. Man ist erst jetzt mit allem fertig geworden a „Bleibt Ihr noch lange hier, Reb Nachmen?" „Im Gegentheile, ich gehe schon. Wenn Du willst, Motl, gehen wir zusammen." Und sie giengen. Auf dem Wege schwieg Motl. Dann räusperte er sich einigemale und ergriff endlich das Wort. „Reb Nachmen," sagte er, ich hätte Euch als meinem alten Melamed aus Dankbarkeit etwas mitzutheilen. Natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit" tij „Ma.i hat nämlich meinem VrAor für mich .eine Partie ^P^tf4#'a'>| A>jV *i*wM9 ich ■WiV-'^M^--^ll'-,»,i«111-JW* Nim ■hin* ii <«u t r1 t »»nh«'! verdienen? ihr könnt Euch in die Sat-he hineinmischen. Reb Nachmen". „Ob ich kann; weshalb denn nicht? Wer ist denn das Mädchen?" „Ja, genau kann ich Euch das freilich nicht sagten, denn ich habe die ganze Geschichte nur so oberflächlich mha'ngehört, aber ich glaube, es ist eine Verwandte Chaim Beere, die bei ihm wohnt und ihm die Wirtschaft führt." „Wir wollen schon sehen," sagte Rab Nachmen fast siegesgewiss. „Ich gehe noch heute zu Chaim Beer und morgen beim Abendgebet sage ich Dir in der Schul die Antwort." Der nächste Tag war für Motl der längste seines Lebens. Der Abend wollte ganz einfach gar nicht kommen. Weder Tischah-b'Aw noch Jom-Kippur dauern so lange. Endlich begann sich die Schul allmählich zu füllen. Man begann zu beten, Reh-Nachmen war nicht da. Motl sah sich nach allen Seiten 4rm, er war nicht da. Die Pause zwischen Minchah und Maariw verstrich, er war noch immer nicht da. Man fieng mit Maariw an. Motl betete zerknirschten Herzens. Als er sich nach der Schmoneh-Esreh „ausrückte", fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Es war Reb Nachmen. Motl fuhr wie elektrisiert auf. R.*b Nachmen wendete sich, ohne etwas zu sagen, dem Ausgange zu, und Motl folgte ihm. Draussen angelangt, fragte Rab Nachmen mit kaum verhaltener Ironie : „Wer war denn der Schadehen, der mit deinem Vater über diese Angelegenheit sprach?" „Es war eine Frau/ sagte Motl verletzen, „Ah so, die machen ja alles verkehrt. Nun, lieber Motl, aus der Sache ist einfach nichts.* „Warum denn?" fragte er mit zitternder Stimme. „Weil Braut und Schwiegermutter dieselben Namen haben." „Was?" schrie ihn erschreckt der Jüngling an. „Was schreist Du so?tt sagte R. Nachmen verwundert, „Das hättest Du übrigens nach einer mehr als zweijährigen Beschäftigung im Hause Chaim Heers wissen können, dass das Mädchen Salcie heisst, dass Salcie nichts anderes als Sarah ist, und dass auch Deine Mutter Sarah heisst," „Meine Geschäfte!" beendigle Rab Nachmen das Gespräch und gieng. Motl blieb stehen, wie vom Blitze getroffen. Er war ganz starr vor Schrecken. Die Leute, die aus der Schul kamen, giengen wie Schatten an ihm vorüber. Endlich.kam ihm der Ort zu Bewusstsein. Er begann sehr raschen, fast laufenden Schrittes davonzueilen. Und ohne zu wissen, wohin er gieng, führte ihn der Wreg zur Mauer. Da öffnete sich der trostreiche Quell seiner Augen, und die Thränen liefen ihm unaufhörlich über die Wangen. Er schluchzte dabei wie ein kleines Kind. Ach wie gross und wie unermesslich war sein Unglück! Wie musste er gesündigt haben, da'.sman ihn im Himmel so hart bestrafte! Sie heisst Salcie, d^s ist richtig; und Salcie ist Sarah, das ist ebenfalls richtig. Und reine Muttor hois-t auch Sarah — leider, leider. Im „Sef.*r Chassspiim" steht es aber geschrieben, dass mau nicht . i \ 1A%mi> für sein Kind nehmen soll, das denselben .Namen fühlt wi-.> dessen Mutter. Braut und Schwiegermutter sollen nicht denselben Namen haben, das steht schwarz auf weiss geschrieben im Sefer Chassidim. Und wenn dieses Verbot übertreten wird, da muss eine von der Erde sch nden. Das steht zwar im „Sefer Chassidim' nicht geschrieben, aber die Alten wissen ja von solchen Fällen zu erzählen. Motl wusste sich deshalb in seinem Unglücke nicht zu fassen. Es war ihm klar, dass er ohne sie nicht leben konnte, aber noch klarer, dass ein,' Heirat ausgeschlossen war. Konnte er eine althergebrachie Sitie seines Volkes brechen? Würde er ein Verbot d->s .,Svf-r dms-idinr ubertreten? Sag, er soll keine Tfillin legen, nicht beten, den Samstag nicht heiligen ... , Zwar, sagte er sich, es wäre noen ein grosser Unterschied zu 'machen zwischen Tfillin und Sefer chassidim, aber dennoch. — Und was sollte dazu sein Vater sagen? Und seine Mutter? Und Chaim Beer und seine Freunde und die ganze Stadt? Also? Er soll sie also nicht heiraten. ./? Er soll mit ihr nicht wohnen, nicht sie soll am Samstag ihm die Lichter anzünden, nicht sie soll ihm in der weissen Haube auf dem Kopfe entgegenkommen, wenn er Freitag abends vom B^th-Hamid rasch kommt... Gott, wie sie im weissen Häubchen entzückend aus-ehen musste ... Also eine andere, eine „Wildfremde11 ... Sein Herz kramptW sich gewaltig zusammen, dass er sich an die Mauer lehnen musste. um nicht zu fallen. Er begann langsamen Sehrittes heimwärts zu wandeln. Daheim .Uw-mögiicU^^ /AI n^ren*^ #^'3 einen Moment, daran, seiner Mutter alles zu beichten, aber was hätte ihm das alles genützt?

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