Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Article
- Die gegenwärtige Lage der Colonien in Palästina
- Date
- 1901-03-08
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315916-3395280--24973-3395406- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite -2 „frie & IVelt" Nr. 10 l^läne zu gewinnen. Die föage'iärCieine brennende geworden^, sie ist aber vorläufig noch"nicht j^sfder Phase des Pourparler» hinausgekommen; zur That ist m& noch nicht geschritten. Ganz anders ist es mit der palästinensischen Arbeiterfrage. Hier stehen wir vor fertigen Thatsachen. Es ist yon Wichtigkeit, zuerst die Frage zu besprechen, ob unä inwiefern die Ica hier mit einem neuen Problem zu thun hatte. Alle Zionisten wissen ja zur Genüge, dass eine Arbeit erlrage schon seit langem in Palaistina besteht, seit der Zeit, wo man mit den grossen Anpflanzungen aufhörte, und es an Arbeitsgelegenheit für viele Arbeiter zu fehlen begann. Man beschäftigte sich ausserordentlich viel mit dieser ^ache, man gieng auch an die praktische Lösung der Frage, indem man die Gründung von zwei ArbeitsrColonien, K a s t i n i e" durch.-, die vereinigten russischen und westeuropäischen „Chowewe Zion* und „M e t u 11 a h" durch Baron v. Rothsch i 1 d, unternommen hatte. Die erstere nahm mehr als 20 Familien auf und ist schon nicht weit davon entfernt, den Leuten eine sichere Existenz zu gewähren, die zweite zählt 58 Colonisten, vergrössert aber die Zahl der nicht gesicherten Rothschi 1 dschen Colonien, indem auch in ihr die vielen Fehler begangen wurden, welche die gewesene Administration kennzeichneten. Seit der üebernahme der Rothschild'sehen Colonien seitens der Ica sahen wir uns plötzlich vor einer mächtigen Arbeiterströmung, welche immer mehr anschwoll. Es war nun die Pflicht der Vertreter der Ica, diesen Sturzbach der Unzufriedenheit abfliessen zu lassen, indem sie ihm die Hindernisse aus dem Wege hätte, räumen sollen. Indessen — was sehen wir? Lassen wir die Thatsachen sprechen. Die Administration der Ica sah sich gezwungen, infoige der Einstellung von neuen Pflanzungen in Zichron-Jacob und der Verminderung von Arbeit in den Kellereien von Rischonle-Zion und Zichron-Jacob mehrere Arbeiter zu entlassen. Es geschieht nicht zum erstenmale in Palästina, dass man Arbeitern aus Mangel an Arbeitgelegenheit das schwer verdiente Brot wegnehmen muss. So war es nach Beendigung der grossen Pflanzungsarbeiten von Menucha-wenachlah in Rechoboth, von Gan-Schemuel in Chederah. Die Leute giengen zum Theilein die Städte, besonders die eingeborenen Spaniolen, welche immer ein sehr grosses Contingent der Arbeiterclasse stellten, zum Theile fand sich auch anderwärts Beschäftigung. Nur sehr wenige griffen zum Wanderstabe. Die Arbeitgeber konnten ja persönlich leider allzu wenig das Schicksal der entlassenen Arbeiter verbessern. Die Allgemeinheit der Zionisten aber suchte nach verschiedenen Mitteln und Wegen, ihre Lage für späterhin zu sichern, indem man für sie schon seit längerer Zeit einen Arbeiterfonds bildete. Man gab sich nicht der Täuschung hin, mit den unzulänglichen Mitteln schnell zum Ziele kommen zu können. Man versprach sich aber, mit der Zeit von der Ica eine bedeutende Summe zur Colonisierung der besten in .Palästina wohnenden Arbeiter erlangen zu können. Und vieles sprach dafür,, dass diese Hoffnung in Erfüllung gehen würde. Mit einem Schlage aber änderte sich die Sachlage. Die Ica unternahm die Einrichtung der Rothschi Id'schen Colonien, und der im vorigen Jahre nach Palästina entsandte Beamte der Gesellschaft theilte mit, dass die Ica nicht willens sei, etwas neues in Palästina zu unternehmen, bevor die existierenden Colonien auf feste Grundlagen gestellt wären. Wir wollen hier davon absehen; ob die Ica richtig daran that, diesen Beschluss zu fassen. Nachdem aber dieHoffnungen der Arbeiter, endlich colonisiert zu werden, schon längere Zeit durch die oben erwähnten Umstände genährt worden waren, müssen wir 'sagen, dass diese Enunciaüon der Ica in der Art, wie sie bekanntgemacht wurde, entsetzliche Folgen nach sich zog. Die Arbeiterschaft entsandte nach Paris eine Delegation, welche nach längerem Klopfen an verschiedenen Thüren endlich von dem Verwaltungsrathe der Ica empfangen würde. Man versprach zuerst, eine Summe von 00.000 Francs; für die entlassenen Arbeiter zu geben, damit ihnen die Möglichkeit gegeben würde, entweder das Land zu verlassen' oder sich mit dem erhaltenen Gelde im Lande selbst eine Existenz zu schaffen. Eine ähnlich lautende Ordre kam auch der Agentschaft der Ica in Jaffa zu. Man kann ja nichts gegen diese Massregel sagen. Sie hat aber infolge des bureaukratischen Formelkrams, der sowohl bei der Gesellschaft in Paris, wie bei ihren Vertretern in Palästina herrscht, ganz andere Früchte gezeitigt. Die Herren bemühten sich nicht, die Lage eines jeden einzelnen Arbeiters durch seinen Arbeitgeber zu erkunden, sondern wollten mit allgemeinen Anordnungen die Frage erledigen. Man befahl aus Paris, nicht mehr als 50 Francs per Person für die ganze Anzahl der Familienmitglieder des Arbeiters zu geben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie lange der Arbeiter beschäftigt war und welches seine Befähigung ist. Da die Arbeiter mit dieser Deutung des Befehles betreffs der 60.000 Francs sich alsbald unzufrieden zeigten und weitere Forderungen stellten, beschlossen die Herren, den Arbeitern das.Reisegeld nach — Australien und Amerika zu geben, und nur stricte das Re i s e geld. Man sprach schon nicht mehr von der Möglichkeit, dass die Leute im Lande mit dem erhaltenen Gelde ihren Unterhalt finden. Man gab ausschliesslich Schiffskarten zur Reise nach Australien etc., und zwar recht erhebliche Beträge. Man zahlte manchmal Arbeitern bis zu 2000 Francs per Familie für Schiffskarten aus. Die Reise nach Australien oder Amerika ist ja recht kostspielig, und wenn der betreffende Arbeiter den ausdrücklichen Wunsch äusserte, mit derselben Summe, ja sogar mit einer kleineren, sich im Lande eine Existenz zu schaffen, so stellte man ihn vor die Alternative, entweder die Schiffskarten zu nehmen oder ieer auszugehen. Man hat mit jüdischem Gelde die Schiffsgesellschaften bereichert und man ist noch heutigen Tages durchaus n i c h t f e r t i g. Es sind schon 60.000 Francs ausgegeben worden, welche zur Abreise von circa 70 Arbeiterfamilien dienten, und es dürften noch circa 10.000 Frcs, und wahrscheinlich noch mehr notwendig werden, um die Leute, die sich gemeldet haben, zu expedieren. Ausserdem bedangen sich 22 Kellerarbeiter von Rischon - Lezion nach vierwöchentlichem Strike, infolge dessen die Kellereien von Risch'on geschlossen waren, eine Summe von 20.000 Frcs. aus, und zwar bedingungslos; das heisst, es blieb ihnen frei, das Land zu verlassen oder darin zu bleiben. Hatte man denn wirklich so vielen Arbeitern die Arbeit genommen? Durchaus nicht! Es waren vorläufig meist die ledigen Leute, welche entlassen wurden. Den Familienhäuptern überliess man die Arbeit fast durchweg. Aber die Leichtigkeit, mit der man das Gejld zur Abreise und nur zur Abreise vertheilte, lockte sehr viele Arbeiter an, denen man die Arbeit nicht nehmen wollte. Gerade die Fähigsten, die Unternehmendsten sagten sich, es würde keine so glänzende Gelegenheit in Zukunft vorkommen, das ganze Reisegeld für sich sammt Familie nach Australien oder Amerika zu erhalten. Es sind Beispiele bekannt, dass junge, tüchtige Arbeiter, welche 3—5 Frcs. täglich in den Kellereien verdient haben, das Reisegeld erhielten, und zwar mit der Erklärung, dass, solange sie noch jung seien und keine grossen Familien haben, es ihnen leicht wäre, nach einem anderen Lande auszuwandern; in Palästina seien sie nicht sicher, ob man sie nach drei Monaten nicht entlassen werde, und im allgemeinen gab man ihnen doch bekannt, dass sie hier keine Zukunft haben können. Hier haben wir also einen wirklichen, sehr bedauems_ werten Verlust an guten Abeitskräften zu verzeichnen, mit denen man in Zukunft vieles hätte beginnen können. Es blieben grösstentheils die schwächeren und ängstlichen Elemente zurück, welche