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Die Welt · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Article
Judenthum und Liberalismus
Date
1901-03-01
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 „Die # Welt46 Seite 5 Land aufzuklären, die Regierung zu belehren, dass die Verhältnisse verändert sind. Das im Volke noch nicht erloschene Gerechtigkeitsgefühl und der starke germanische Sinn für Selbsthilfe und Selbstachtung werden uns viele Sympathien einbringen, sobald wir offen für uns selbst eintreten, während heute der ganze Landtag lacht, wenn ein freisinniger Abgeordneter für die. Juden eintritt Wir können bei dem herrschenden Drei-Classen-Wahlsystem mit seinem plutökratischen Charakter nicht nur in Berlin, sondern z. B. in fünf oder sechs Wahlkreisen in Posen Juden wählen. Und wenn nur in den anderen Wahlkreisen jüdische Minoritäten sich bilden, die lediglich dem philosemitischen Oandidaten, welcher Partei immer er angehört, ihre Stimme geben, dann wird der Wahlbewerber darauf Rücksicht nehmen, wie man bisher auf die antisemitischen Minderheiten Rücksicht genommen hat. Und das wird auf die uns bisher feindlichen Parteien nicht ohne Einfluss bleiben. Die Brücke zu dieser Politik ist der Judentag. Und der erhebliche Theil der deutschen Zionisten, der die obigen Ausführungen billigt, tritt mit besonderem Eifer für den Judentag ein, ebenso wie die liberale Presse den Gedanken mit allem Nachdruck bekämpft. Denn darüber besteht wohl kein Zweifel: die Tausende, die in unseren Massenversammlungen eigener jüdischer Politik zujubelten, haben den Gedanken der Selbsthilfe begriffen, und von da bis zum Nationaljudenthum und Zionismus ist's nicht weit! Der Humorist. (Ein Interview mit Dr. Güdemann.) Bei Gelegenheit eines Interviews, das eine amerikanische Journalistin, Frau Rosa Sonnenschein, vor kurzem mit dem Oberrabbiner Dr. Güdemann für den „Jewish World" aufnahm, lernten wir den Herrn Oberrabbi von einer neuen Seite kennen : von der heiteren. Allzu tragisch haben wir ja den hochwürdigen Herrn auch sonst nicht genommen, mochte er sich in Wort oder Schrift, offen oder hinter durchsichtigen Schleiern blossstellen, und wenn wir an seine unterschiedlichen Kundgebungen hie und da dennoch ernste Betrachtungen geknüpft haben, so geschah dies aus Rücksicht auf die Stellung, die er bekleidet und die seinen Aeusserungen bei kritiklosen Leuten immerhin einiges Gewicht leiht. Diesmal jedoch hat es Herr Oberrabbiner Dr. Gü dein a n n selbst Ausländern, die sein Wirken nicht näher kennen, schwer gemacht, ihn ernst zu nehmen. Die Interviewerin. die doch nicht annehmen konnte, Herr Dr. Güdemann halte sie einfach zum besten, riskierte die Bemerkung, dass sie ihn nicht verstehe. Und die Redaction des „Jewish World", die das Interview abdruckt, kann sich vor Erstaunen nicht fassen und nennt den Herrn Oberrabbi euphemistisch einen „Optimisten", um die allein entsprechende Bezeichnung „Humorist" zu umgehen. Ja, der Oberrabbi von Wien ist ein grosser Humorist vor dem Herrn. Aber während dies bisher bloss den Eingeweihten bekannt war und Dr. Güdemann seine wenig standesgemässe Gabe vor Fremden wohlweislich unter den Scheffel stellte, hat er — „Jewish World" vermuthet vielleicht richtig, dass die „Gegenwart seiner schönen Interviewerin" ihn hinriss*) — diesmal sein Licht unbedenklich leuchten lassen. Wir wollen die humoristischen Geistesblitze des Dr. Güdemann unseren Lesern umsoweniger vorenthalten, als ja Pur im angerückt kommt und wir uns etwas Pudelnärrischeres, womit sich unsere Leser an diesem heiteren Feste belustigen könnten, nicht vorstellen können, als die Aeusserungen Dr. Güdemanns über den. österreichischen Antisemitismus. „Der Antisemitismus in Oesterreich ist glücklicherweise von speeifisch Wiener Prägung," so leitete Dr. Güdem ann seine humorvolle Charakteristik des österreichischen Antisemitismus ein. „Ich lebe in Wien seit 35 Jahren und habe Gelegenheit gehabt, während dieser Zeit vieles zu beobachten. Das Resultat meiner intimen Studien ist nun, *) „lt is perhaps not to much to hope that the presence of Iiis fair Interviewer contributed to raise thedoctor's spirits," („J. W." v. 15. Febr., S. 341.) dass hier nichts ernst genommen wird."... Das Volk ist hier sehr gutmüthig und harmlos Der Antisemitismus ist daher in Wien ganz anders geartet als in anderen Städten. Hier beschränkt er sich auf eine Art Sport: man will bloss ,a Hetz' haben, vvie's der Wiener nennt. Nachdem der Herr Oberrabbi so weit gekommen ist, macht er plötzlich vor unseren erstaunten Blicken einen logischen Riesenluftsprung, und siehe da, das Wiener „Volk*, das soeben noch „sehr gutmüthig und harmlos" war, findet plötzlich einen Hauptspass daran, „einen hilflosen Nebenmenschen zu quälen" (to tease a helpless fellow-man). Meiner Treu, gutmüthig wie ein jähriges Lämmchen, dieses Volk, und harmlos wie ein Engel . . . Doch hören wir den illustren Humoristen weiter. „Trübe, düstere Tage haben in Wien religiöse und Stammes-Vorurtheile zur Entwicklung gebracht; aber ein schöner, sonniger* Tag, an dem das Volk sich nach Herzenslust vergnügen kann, genügt, die Keime des Antisemitismus auszujäten.fc> „Der Antisemitismus wechselt mit der Farbe des Himmels." „Nichts ist beständig an diesem Wiener Antisemitismus; er fluetuiert. wie alles in Oesterreich." „Aber es scheint, dass er sich nachgerade doch festsetzt," wagte die Intervieweriii einzuwenden. Dr. Güdemann schüttelte energisch verneinend d^s Haup^. Urd er setzte eingehend auseinander, dass der Antisemitismus ein fremdes Gewächs sei, das von Norddeutschland importiert wurde, sich aber im goldenen Herzen der Wiener Bevölkerung niemals so recht habe acclimatisieren können. „Eine kleine Weile hatten sie ihre Freude an dem Sport, aber es sind bereits untrügliche Zeichen vorhanden, dass das Volk die Sache langweilig zu finden beginnt. * „Dennoch scheint es mir," warf die Interviewerin, die offenbar einevon den Hartgesottenen ist, ein, „dass der Wiener Bürgermeister es mit seinen Judenverfolgungen ganz ernst meint." „Aber gengan's, gor ka Spur!" — hätte der gemüthliche Humorist beinahe lustig erwidert, allein er erinnerte sich rechtzeitig, dass sein schönes vis-ä-vis keine Wienerin ist und sagte daher in untadeligem Hochdeutsch und ohne eine Miene zu verziehen : „Ich versichere Ihnen, Dr. Lueger ist im Grunde seines Herzens höchlich amüsiert, dass die Welt seine Narrenspossen ernst nimmt . . . Die persönliche Meinung des Bürgermeisters übei* die Juden kam vor Jahren in seinen freundschaftlichen Beziehungen zu vielen unserer Glaubensgenossen zum Ausdrucke Jedoch von den Liberalen in seinen politischen Ambitionen verhindert, wurde er zum Vertretet der Anschauungen und Bestrebungen derClericalen.4, „Schadet der Antisemitismus den. jüdischen Kaufleuten?" — fragte die Interviewerin im weiteren Verlaufe der Unterredung. „Ich habe wiederholt Nachforschungen darüber angestellt/ entgegnete der Oberrabbi, „und kann auf das bestimmteste betheuern, dass unsere grossen Kaufleute und Bankinhaber — gottlob — ebensoviel Geschäfte machen wie zuvor. Der kleine Mann, freilich, der leidet . . . Die jüdischen Hausierer insbesondere sind sehr geplagt ... So sind denn die Armen thatsächlich die grössten Dulder . . . . . Mit Entsetzen bemerkte der Humorist auf einmal, dass er ernst und vernünftig zu werden begann. Flugs vollführte er ein zweites diabetisches Salto mortale, das womöglich noch drolliger war als das erste. Er verneinte nämlich die Frage der Interviewierin, ob also die Juden doch gesellschaftlich durch den Antisemitismus leiden, auf das entschiedenste und kam — ohne mit einer Wimper zu zucken — zu. dem Schlüsse, dass sich seit dem Auftreten des Antisemitismus eigentlich nichts weiter geändert habe, „als dass die jüdische haute finance und die jüdische Aristokratie mit den gleichgestellten Christen nicht mehr auf demselben freundschaftlichen Fusse verkehre wie vormals". Alle Achtung vor der Virtuosität dieses Oberhumoristen und Grossschäkers! Solche putzige Jongleurkuuststücke auf dem Gebiete des gesunden Menschenverstandes macht ihm nicht leicht einer nach ... Nur einmal erröthete der Herr Oberrabbiner im Verlaufe der Unterredung. Die Interviewerin hatte ihn befragt, ob der Kaiser die Actionen Dr. Luegers billige. Doctor Güdemann wies — „bescheiden", berichtet das Blatt, also wohl hold erröthend — auf seine ordengeschmückte Brust hin. „Der Kaiser decoriert ebensoviele Juden, die diese Ehrung verdienen, wie früher. Ich selbst habe auch eine solche Auszeichnung erhalten/

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