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Die Welt · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Article
Judenthum und Liberalismus
Date
1901-03-01
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt Nr. 9 drückung entstandenen Thcil äusserer und innerer Eigenschaften, der dem gastgebenden Volksbestandtheile mis^fiel, als unverfänglich erscheinen zu lassen. Und weil 50 Jahre lang um beide Weltanschauungen gerungen wurde, traten Judenthum und Liberalismus in eine Art Ehe. Die Juden lieferten dem Liberalismus sein bestes Menschenmaterial — es sei nur an Simson, Jacobi, Heinrich Heine, Bamberger, Lasker erinnert — und der Liberalismus emancipierte die Juden. Dieses gegenseitige Geben und Empfangen dauerte bis ins letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts. Dann veränderte sich das Verhältnis plötzlich. Der Liberalismus hatte alle seine politischen Forderungen erreicht. Er hatte die Standesunterschiede beseitigt, ohne Ansehen der Person gleiches Recht geschaffen und das Wahlrecht der Massen eingerichtet. Und als das alles geschehen war, kam die Colonialpolitik und zeigte, dass durchaus nicht alle Menschen gleich sind, dass Neger, Australier und Eskimos absolut nicht Rechte und Freiheiten verdienen, wie ein gebildeter Engländer oder Deutscher, dass also der Mensch nur in seinen Beziehungen zur Sache verstanden werden könne. Mit der Nothlage der Landwirtschaft erinnerte sich der Bauer, dass er einen Stand bilde, der Sonderinteressen zu wahren habe, es kamen die Arbeiter und stellten dasPrincip des Classenkampfes auf. Den praktischen Verhältnissen mussten die politischen Parteien Rech nur g tragen. Den Conservativen, die ihren Standpunkt selten verlassen hatten, wurde dies leicht. Die Liberalen tasteten haltlos hin und her. Sie fühlten den Principienbruch, der für sie in einer zielbewussten Socialpolitik — der Fürsorge für einen bestimmten Stand — gelegen hätte. Sie konnten auch keine Agrarpolitik treiben und so das Interesse des Landmannes wahren, sie blieben also als echte Deutsche dem Principe treu und verloren darüber völlig die Wählermassen. Sie waren eben eine Partei der Weltanschauung geblieben, als alle anderen Parteien wieder ständische Interessen zu vertreten begannen. Und unter den wenigen alten Liberalen blieben, wie ein rocher de bronce, die Juden. Mit dem Schwinden liberaler Anschauungen sahen auch sie ihre Rechte bedroht. Und so schlössen sie mit der mangelnden politischen Reife, die leider vielen unserer Brüder innewohnt: „Wir haben Rechte besessen, als der Liberalismus an der Macht war. Wir haben Rechte verloren, als er sank. Also müssen wir dem Liberalismus wieder auf die Beine helfen, dann ist auch uns geholfen." Aber dieser Schluss war ein Trugschlus?. Denn einen politischen Leichnam kann man ebensowenig jemals wieder auf die Füsse bringen, wie einen anderen todten Körper. Der Liberalismus als politische Partei kann nie wieder zur Macht gelangen, weil die Zeit der Parteien der „Weltanschauungen" endgiltig vorüber ist. Es ist möglich, dass die herrschenden Parteien einmal abwirtschaften, obwohl die Aussichten dazu recht geringe sind. Aber dann würde es nie zugunsten der Liberalen geschehen, sondern nur zugunsten entweder der Nationalliberalen — die heute keine liberale, also judenfreundliche Weltanschauung mehr vertreten, oder aber, wenn das Königthum dem Socialismus Platz machen würde. Und niemand ist wohl naiv genug, zu glauben, dass das in absehbarer Zeit geschehen werde. Wer heute wirklich an ein liberales Ministerium denkt, ist ein weit grösserer Utopist, als es der radicalste Zionist je gewesen ist. Wir haben oben gesagt, Liberalismus und Judenthurn seien früher in eine Art Ehe getreten. Bleibt man aber mit einem Leichnam verheiratet? Der Tod scheidet. Was heute noch Leben im Liberalismus anzudeuten scheint, sind höchstens Reflexbewegungen! Und nun kommt man und wirft uns politische Undankbarkeit vor, fragt, ob wir uns mit den Agrariern verbinden wollen, oder was eigentlich unsere Absicht sei. Zunächst besteht die Dankbarkeit gegenüber Todten in Pietät, nicht aber darin, dass man dauernd gegenüber besserer Einsicht bei den Anschauungen der Altvorderen beharrt. Wir bleiben dem Liberalismus dankbar für das, was er uns gethan, obwohl vielleicht die Dankesschuld längst abgezahlt ist. Denn — gerade heraus gesagt — hat der Liberalismus seit Jahren nur noch vom Judenthum gelebt. Jüdische Zeitungen haben ihn gestützt, jüdisches Geld machte seine Wahlen, jüdische Intelligenz hätte längst die Führerschaft übernommen, wenn überhaupt heute ein jüdischer Parteiführer möglich wäre. Und schliesslich verfocht der Liberalismus unsere Sache, weil es seine eigene war. Denn es ist oft genug von R i c k e r t und Richter gesagt worden, dass man für uns eintrete, weil es sich um ein liberales Princip, um die staatliche Gleichberechtigung aller Bürger handle. Wenn man aber für sich, um sich selbst zu genügen, eine Sache vertritt, so muss man den Dank in sich selbst finden. Schliesslich hofft auch von uns niemand auf Dank, die wir doch nicht einmal aus blosser Theorie, sondern aus Liebe für unsere Brüder kämpfen. Dass der Liberalismus sich uns recht oft als lauer Freund zeigte, soll nur nebenbei erwähnt werden. Aber wir sind Juden, und darum wollen wir dankbar sein. Nur soll man unter Berufung auf die Dankesschuld uns nicht zwingen wollen, gegen unser vermeintliches Interesse zu handeln. Nun ist es allerdings richtig, wenn oehauptet wird, dass die Freisinnigen noch immer die einzigen sind, die gelegentlich einmal für uns eintreten, dass z. B. bei den letzten Landtags-Debatten dieIiterpellation Peltasohn nur von ihnen unterstützt wurde. Gewiss. Aber was beweist das? Seit Jahren zum erstenmale regte sich der Liberalismus für uns, er wurde, wie üblich, abgefertigt, und damit war die Sache zu Ende. Die Regierung, von deren gutem Willen doch ganz allein und ausschliesslich unsere Stellung im Staatsleben abhängt, hat wieder einmal die Ueberzeugung erhalten, alle Juden seien freisinnig, und sie wird nach dem Vertrauensvotum ganz gewiss umsoweniger für uns zu haben sein, als die Interpellation von einem oppositionellen Parlamentsmitgliede ausgieng. Wenn man wieder interpelliert, wird man wieder nichts erreichen. Natürlich ist niemand so thöricht, zu meinen, dass deshalb die Juden den Agrariern Gefolgschaft leisten müssen. Es steht überhaupt nirgends geschrieben, dass wir dauernd irgend jemandem Gefolgechaft leisten müssen. Wir können ganz gut auf eigenen Füssen stehen, und wir müssen es thun. Ungleichheit des Rechts besteht, das ist nicht wegzuleugnen, trotz der Verfassungsbestimmungen. Es ist, wie kürzlich ein Gegner sehr richtig schrieb, lediglich eine Machtfrage, wessen Recht geschmälert wird. Gewiss. Nur ist die Deduction eigenartig, dass wir Macht nur haben werden, wenn wir mit der politisch ohnmächtigen freisinnigen Partei gehen. Nein, Recht wird uns, der kleinen Minderheit eben nicht im Kampf mit der Regierung, sondern, indem wir diesen Kampf einstellen und die für unsere Interessen einzig mögliche Politik von Fall zu Fall treiben. Das ist Interessenpolitik. Aber vielleicht haben wir auch einmal das Recht, an uns selbst zu denken. Für die Allgemeinheit werden wir weiter sorgen, wenn wir Brot haben für uns und unsere Brüder. Mit dem Wohlthun soll man im eigenen Hause beginnen. Wir wollen nicht die liberale Oppositon sans phrase sein, sondern wir wollen, wie alle um uns her, unsere jüdischen Interessen durch zweckmässige Potitik wahren, die durchaus nicht im Gegensatze zu denAufgaben des Reiches str'ht. Drei oder vier jüdische Abgeordnete, als jüdische Vertreter gewählt, genügen, um von der Tribüne herab das

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