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Die Welt · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Article
An den Herrn Redacteur Gerhard C. Polak
Date
1901-02-22
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 „Die # Welt" Seite 3 Um die Emancipation zu erlangen, haben wir in den meisten Ländern des europäischen Festlandes Fehler bekannt, die wir nicht haben, auf mildernde Umstände plaidiert und Besserung versprochen. Wir haben betheuert, dass es kein jüdisches Volk gibt, dass wir uns mit den übrigen Juden nicht solidarisch fühlen, dass wir keine jüdischen Interessen kennen, nur die Interessen unserer christlichen Landsleute. Die Emancipation wurde uns unter diesen Umständen als Juden bewilligt, die kaum noch Juden sind und es bald gar nicht mehr sein werden. Als wir sie erlangt hatten, machten wir verzweifelte Anstrengungen, uns möglichst vollständig zu entjuden, um ihrer nur ja recht würdig zu sein. Unsere Emancipatoren sahen diesen Anstrengungen amüsiert zu, aber als wir unsere Verkleidung in Arier und sogar in Antisemiten vollzogen hatten und uns selbstzufrieden unseren Wohlthätern und Gönnern in der schönen Maskerade vorstellten, da sagten sie uns lächelnd: „Nun hat der Scherz genug lang gedauert. Wir haben Euch - auf dem Papier emancipiert, hütet Euch aber, hieraus praktische Folgerungen zu ziehen," Was ist diese Emancipation wert? Ich sage, sie ist gar nichts wert; wenn wir für sie das geringste Opfer bringen, so schliessen wir einen Gimpelhandel. Eine ehrliche Emancipation, die allein unser würdig wäre, muss davon ausgehen, dass sie uns keine Gnade erweist und dass sie uns zu keinem Danke verpflichtet. Sie bedeutet einfach sittliche Besserung und vorgeschrittenere Gesittung unserer vielhundertjährigen Verfolger, das Erwachen des Gerechtigkeitssinnes bei ihnen, ihren Aufstieg zum Menschenthum. Eine in solcher Gesinnung und in der reuigen Erkenntnis begangenen furchtbaren Unrechtes dargebotene Emancipation können wir annehmen. Wir müssen sie dazu benützen, um uns als Juden frei zu entwickeln, um unsere Erbeigenschaften zu pflegen und durch sie zu Mustermenschen und Musterbürgern zu werden. Mit Hilfe dieser Emancipation müssen wir den Namen Jude zum Synonym des Vorzüglichsten, Stärksten und Edelsten in der Menschheit machen, so dass unsere christlichen Landsleute sich vor den Kopf schlagen und beschämt murmeln sollen: „Und diese Besten unter uns haben wir so lange verkannt!" Ich stehe auf dem Standpunkte, dass wir unserem Vaterlande einen grossen Dienst erweisen, wenn wir ihm unsere Kraft in der Regierung und Verwaltung widmen. Denn der Jude, das hat Bismarck in einer berühmten Rede 1872 ausdrücklich anerkannt, ist staatsmännisch hervorragend begabt. So lange die massgebenden christlichen Kreise dies nicht einsehen, so lange sie glauben, dass sie uns eine ganz ausserordentliche Gnade erweisen, wenn sie uns ein Aemtchen anvertrauen, so lange scheint es mir der Gipfel der Würdelosigkeit, urn diese Aemtchen zu betteln. Deshalb sage ich: Wir brauchen keins unserer Rechte aufzugeben; das ist selbstverständlich; denn diese Rechte sind kein Gnadengeschenk; sie zu besitzen ist das Natürliche; sie uns rauben kann man nur durch eine verbrecherische Gewalthat, die wir als Schwächere unter Umständen erleiden müssen, die wir aber niemals als berechtigt anerkennen dürfen. Allein wir begehen eine Würdelosigkeit, eine Thorheit und zugleich eine Sünde an unserem eigenen Volke, das die ersten Anrechte auf unsere Kraft und Thätigkeit hat, wenn wir uns unseren christlichen Landsleuten aufdrängen, so lange sie uns ablehnen, wenn wir uns ihnen als Sachwalter ihrer Volksinteressen anbieten, so lange sie uns misstrauen, wenn wir um Äemter betteln, in denen die Herrschergevvalt des Staates ausgeübt wird, so lange sie sich als unsere natürlichen Herren, uns als ihre natürlichen Schaven ansehen. Die Emancipation als Gnade, die verächtlich hingeworfene Schein-Emancipation hat dem jüdischen Volke nicht zum Segen gereicht. Sie hat nur jüdische Streber, Titel- und Ordensjäger grossgezogen, sie hat nur die Juden gelehrt, ihr Judenthum zu verheimlichen, zu verleugnen und schliesslich zu vergessen, sie hat nur dem Judenthum neben seinen schwächsten Charakteren, die wir gerne von uns scheiden sehen, auch einige seiner besten Köpfe und glänzendsten Talente auf allen Gebieten entfremdet, und unter diesem Verluste leiden wir heute schwer, wo wir auch dem westlichen Judenthum seine Würde, seinen Stolz, sein Volksbewusstsein, seine Volksideale wiedergeben wollen. Hätten wir die vielen jüdischen Talenle unter uns, die dank der Schein-Emancipation ihre Fähigkeiten judenfremd, ja judenfeindlich entwickelt und zur Anerkennung gebracht haben, so würden selbst die gedankenlosen jüdischen Philister begreifen, dass in unserer Bewegung das Leben, die Kraft, die Würde, die Zukunft des Judenthums zu suchen und zu finden sind. Ich bin für Enthaltung der Juden, Sie, sehr geehrter Herr Redacteur, scheinen gegen die Enthaltung der Juden zu sein. Im Grunde ist unsere brüderliche Polemik aber ein wenig lächerlich, denn wir streiten uns um nichts. Ob nämlich die Juden sich enthalten oder sich nicht enthalten, das Ergebnis ist dasselbe : sie bekommen die Ehren und Würden, die man sie gewöhnt hat, als etwas fo Begehrenswertes zu betrachten, in beiden Fällen nicht; nur werden sie, wenn sie nach Amt und Würde streben, auch noch obendrein durch eine kränkende Abweisung gedemüthigt. Ist es wirklich zu ihrem Wohlbefinden nöthig, dass sie sich diese holen? Ich könnte auf die jüngsten Aeusserungen des preussischen Justizministers hin weisen, die meine Thesen eigentümlich illustrieren. Ich verschmähe es. Meine Thesen bedürfen dieser neuen Illustration nicht. Die Geschichte des Judenthums seit hundert Jahren ist für sie eine ausreichende Begründung. Sie verlangten eine kurze Antwort. Leider kann eine Antwort nur selten so kurz sein wie eine Frage. Sie verlangten eine klare Antwort. Ich glaube, sie gegeben zu haben. Freilich war ich genöthigt, mich vielfach zu wiederholen. Dass Sie mich nicht verstanden haben, werden Sie nun nicht mehr sagen. Sie werden nur noch sagen können, class Sie meinen Standpunkt nicht theilen, dass Sie die würdevolle Zurückhaltung der Juden von einem ausgesprochen antisemitisch durchseuchten Staatsdienste, dass Sie die Volkspolitik der „Rückkehr des Juden zum Judenthum" (Herzl) nicht billigen. Das werde ich mir gefallen hissen müssen. Mit zionistischem Grusse bin ich Ihr hochachtungsvoll ergebener Dr. M a x Nor d a u. Der siebzigste Geburtstag Dr. Rüifs. Die Rülf-Feier in Bonn. Mit gerechter Befriedigung blickt die hiesige Ortsgruppe auf den glänzenden Verlauf der Rüif-Feier zurück, Seit fielen Jahren hat kein Fest so viele heimische und auswärtige Theilnehmer zusammengeführt. Schon dadurch trat es weit aus dem Rahmen ähnlicher Festlichkeiten hervor, dass sich die verschiedensten Parteigruppen, Vertreter aller Richtungen und Deputationen auswärtiger Corporation en zusammenfanden. Schon in den frühen Vormittagsstunden herrschte reges festliches Leben im Hause des Jubilars. Gemeindevorsteher Robert Goldsch m i d t brachte im Namen der hiesigen Gemeinde seine Glück-

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