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Die Welt · 1901-02-22 · 8 (22.2.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
8 (22.2.1901)
Article
An den Herrn Redacteur Gerhard C. Polak
Date
1901-02-22
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite t „Die fr Welt" Nr. 8 Wie kommen Sie dazu, so verschiedene Dinge, wie Grossbetriebe, Stadt- und Staatsverwaltung in einen Topf zu werfen? Ich habe ausdrücklich von der „Henvchergewalt des Staates" gesprochen, „Grossbetriebe tf, das heisst doch wohl etwa Elektricitäts- Werke, Gas-, Wasserleitungen, Privatbahnen, Rhedereien, sind wirtschaftliche Unternehmungen, sind Geschäfte, die den Zweck des rechtmässigen Gelderwerbes verfolgen. Was diese mit der „Herrschergewalt des Staates über die Unterthanen" zu thun haben sollen, das ist mir unerfindlich. Wer in diesen „Grossbetrieben44 eine Rolle zu spielen hat, das geht bloss diejenigen an, die das Geld zu den betreffenden Untenerhmungen hergeben. In den „Grossbetrieben" haben selbst in Russland und Rumänien die Juden einen Platz, einen ersten Platz. Von der Stadtverwaltung gilt Aehnliches. Man muss sich in juristischen Spitzfindigkeiten getallen, um im Bereiche der städtischen Selbstverwaltung die „Herrschergewalt des Staates über die Unterthanen" wiederzufinden. Bleibt also nur die Staatsverwaltung. Von dieser sollen wir uns in der That zurückziehen, wenn eine kleine Minderheit christlicher Landsleute unserer eigenen Kategorie an unserem Antheile an ihr Anstoss nimmt. Das meine ich wirklich. „Nein!" rufen Sie; „würde heutzutage ein jüdischer Arzt als Director einen Spitals oder als Professor an irgendeiner Universität erwählt werden, so würde er sich als ein grosser Feigling oder als ein Narr erweisen, wenn er aus Furcht vor seinen antisemitischen Neidern sein Amt nicht anträte." Wieder muss ich staunen. Den Fall, den Sie erwähnen, habe ich ja gerade als Beispiel angeführt, um zu zeigen, dass solche Stellen uns bei würdiger Zurückhaltung von selbst zufallen würden. Ich sage wörtlich : „Man wird von diesem lihetto sich Lehrer erbitten" u. s. w. Wählt man einen Juden zum Professor oder zum Hospital-Arzt, so soll er selbstverständlich annehmen. Eine auf ihn fallende Wahl ist eine Anerkennung seiner Tüchtigkeit, eine Bitte, seine Begabung und Wissenschaft in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Sie erlegt ihm eine Bürgerpflicht höchster, geistigster Art auf, und ich fordere vom Juden ausdrücklich besonders eifrige und vollständige Erfüllung der Bürgerpflicht. Ich habe von Richter-, Officiers- und Beamtenstellen gesprochen, um die der Jude nicht betteln soll. Höchstens das Wort „ßeamtensteilen" bedarf vielleicht einer Definition. Ich meine Beamtensteilen in der politischen Staatsverwaltung, die Stellen von Beamten, die „die Herrschergewalt des Staates über die Unterthauen handhaben/' Ich denke, das ist deutlich. „Ich möchte Sie fragen: Betreffen Ihre Zeilen nur einen philosophischen Fall, d. h. Länder, welche heutzutage nicht existieren, oder betreüen sie Amerika, Englaud und Westeuropa?" Meine „Zeilen" betreffen alle Länder, wo der Jude, wenn er Abgeordneter oder Beamtr werden will, angstvoll sein Juderithum verheimlichen oder ausdrücklich verleugnen muss. Sie wissen so gut wie ich, dass dies sicher nicht in Amerika, wohl auch schwerlich in England der Fall ist. In England (glauue ich) ist ausdrückliche, starke Betonung seines Juuenthums für einen Bewerber unter Umständen sogar ein starker Vortheil, denn sie spricht für seinen Charakter und seine „respectability". Ihr Vaterland Holland kenne ich nicht genug, um ein Urthejl über die dortigen Verhältnisse zu wagen. In Italien und der Schweiz gibt es meines Wissens keinen Antisemitismus, ausgenommen bei jenem „Pöbel", den, wie ich ausgeführt habe, der Jude verachten kann, wie auch der Christ ihn thatsächlich verachtet. Dagegen ist die stolze und kluge Enthaltung der Juden in Frankreich, Belgien, Deutschland, Oesterreich streng geboten. „Von Russland und Rumänien kann doch nicht die Rede sein, wenn man von politischen Rechten spricht." Nein; wohl aber, wenn man von einer jüdischen Volkspolitik spricht, denn in Russland und Rumänien wohnen ge^efi 7 Millionen Juden, die grössere Hälfte des ganzen jüdischen Volkes. Im Eifer Ihres Widerspruchs vergessen Sie vollständig, geehrter Herr, den Anlass und Ausgangspunkt meiner Artikelreihe. Ich wurde ganz concret von einem christlichen Rumänen gefragt: „Rathen Sie uns Rumänen, unter den heutigen Verhältnissen unseren Juden die bürgerlichtn und die politischen Rechte zu verleihen?" Darauf hätte ich natürlich antworten können : „Wollen Sie sich über mich lustig machen? Sie wissen ja ganz gut, dass Sie heute Ihren Juden diese Rechte weder geben wollen, noch geben können." Ich zog vor, ohne Erregung und Empfindlichkeit zu erwidern : „Nein, ich rathe es Ihnen nicht, denn Sie, die rumänischen Christen, sind zu einer solchen That höchster Gerechtigkeit nicht reif." Unsere rumänischen Brüder nahmen mir diese Antwort sehr übel und gaben mir ihre Gereiztheit zu erkennen. Darauf suchte ich ihnen am Beispiele der Emancipationsländer zu zeigen, das die Emancipation, die ihnen heute das Ideal scheint, für das jüdische Volk keineswegs das Heil ist, wenn sie nicht in der richtigen Weise verlangt, gegeben und empfangen wird, und dass es für sie heute nützlicher wäre, bloss die Bürgerrechte (Freizügigkeit, Sesshaftigkeit, Freiheit aller Gewerbe und Berufe, das Recht, Grundbesitz zu erwerben u. s. w.) zu erlangen, vorausgesetzt, da«s sie auch nur diese erlangen könnten. Zur Begründung meiner Ansicht musste ich ihnen zeigen, dass eine Emancipation, die nicht die Heilung wenigstens der massgebenden christlichen Kreise vom ekelhaften Erbübel des Antisemitismus zur Voraussetzung hat, wertlos isi, da sie immer nur leerer Schein bleibt, dass aber die Juden diesen völlig wertlosen Schein mit dem Opfer ihrer wertvollsten Güter bezahlen müssen. Nun aber, sehr geehrter Herr Redacteur, wollen wir uns nicht länger in Kleinlichkeiten verlieren und darüber die grossen Gesichtspunkte vergessen. Hier handelt es sich nicht um Pilpul und Responsen („Schaaloth-Teschuboth"), sondern um grundsätzliche Fragen von höchster Wichtigkeit. Diese Fragen aber sind die folgenden: Soll das jüdische Volk als besonderes Volk weiterleben und endlich zu dem normalen Dasein gelangen, das ihm seit zwei Jahrtausenden vorenthalten war? Oder soll das jüdische Volk als besonderes Volk untergehen? Sollen seine gebildeten und wohlhabenden Elemente rasch oder allmählig in ihrer christlichen Umgebung aufgehen und nur seine ärmsten, unwissendsten, rückständigsten Glieder noch als archäologische Wunderlichkeit in einer erbärmlichen Paria-Lage erhalten bleiben, sich zur Qual, der Gesittung zur Schande, einer Anzahl Folterknechtnaturen zur Freude? Wer die zweite Frage bejaht, der braucht in der That keine neue jüdische Volkspolitik; ich habe das schon nachgewiesen. Die bisherige genügt. Wer aber das jüdische Volk als Volk erhalten zu sehen wünscht, der muss mit der bisherigen Politik brechen. Das ist meine Ueberzeugung.

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