Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 7 (15.2.1901)
- Article
- Zionisten und Christen
- Date
- 1901-02-15
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die £ Welt" Nr. 7 sich bis auf die kleinste Bethätigung des alltäglichen Lebens, bis auf die kleinste Minute des Tages erstreckt, und die Aufrichtigkeit der ursprünglichen Zionisten und der Nationalen s)b zwingen, auf der schmalen Bahn der zionistischen Consequenz zu bleiben. Und wie andauernde functionelle Veränderungen in jedem Organismus der Natur schliesslich in organische übergehen, so müssten selbst diese Neophyten allmählich aus unerfreulich-charakterlosen charaktervolle Männer, aus schwächlichen Assimilanten ehrliche, vornphme Zionisten werden, und die Zustimmung der Nationalen unter den anderen Völkern wäre das vorzüglichste Propagandamittet, um die einheitliche Gesinnung der gesammten Judenheit zu erzielen, die doch eine unumgängliche Vorbedingung zur Verwirklichung der letzten zionistischen Ideale ist. II. Von diesen Gesichtspunkten aus muss auch das höchst verdienstvolle Werk gewürdigt werden, das der begabte junge Grazer Emil Kronb erger herausgegeben hat („Z i o n i s t e n und Christen8, Leipzig, N. W. Kaufmann, 1900). Welch eine Summe von Arbeitseifer und feinstem Takt erfordert es, eine so stattliche Reihe von hervonagenden Männern zu einer Meinungsäusserung über einen recht difficilen Gegenstand zu veranlassen. Dazu hat der Herausgeber nicht nur selber eine sehr schöne Vorrede beigesteuert, sondern auch zwei Interviews (Rosegger, Karl Freiherr von Torresani) in frischer und anschaulicher Art dargestellt. Auch Beiträge jüdischer Schriftsteller sind in dem Werke vertreten. Herzl hat die Parabel von der Menorah beigesteuert, deren schöner, schlichter Stil vor allem auffallt; man wirdan die poetische Schlichtheit Grimmscher Märchen erinnert. Von Max Ar am ist da ein Aufsatz: „Der III. Congress aus der Vogelperspective." Ueber diesen Schriftsteller kann ich nichts aussagen. Man pflegt zu sagen, dass einem das Hemd näher sei als der Rock. Dieser Schriftsteller ist mir noch näher als das Hemd. Aber das so überaus Wertvolle des Buches bleiben die Gesinnungen christlicher hervorragender Männer, die darin zusammengestellt sind. Rosegger, der Poet der steirischen Alpen, hat unter ihnen den Zionisten sogar ein gereimtes Sprüchlein gewidmet : Wer sich einen Deutschen nennt Und die Heimatssehnsucht kennt, Und der Völker Freiheit preist, Ja, der muss doch fördern, segnen Euren Zionistengeist. Man kann den Gedanken auch getrost umstellen. Offene Antwort an Herrn Dr. Max Nordau. Amsterdam, 3. Februar 1901« Sehr geehrter Herr Doctor! Es ist nicht meine Absicht, die drei Thesen, welche Sie in Ihrer Antwort vom 27. Jänner aufgestellt haben, zu bestreiten. Sie selbst haben schon bewiesen, dass ich darin mit Ihnen übereinstimme. Zu meinem Bedauern bin ich aber genöthigt, Ihnen zu antworten, dass Ihre Thesen nicht völlig enthalten, was ich in Ihrem Artikel III „Die politische Gleichberechtigung der Juden" (in Nr. 50 der „Welt") gelesen habe, und dass gerade die Sache, welche mich veranlasste, Ihnen zu schreiben, von Ihnen übersehen worden ist. Hätten Sie Ihr eigenes Citat um einige Zeilen ausgedehnt, so hätte die Logik eine ganz andere Antwort von Ihnen gefordert, A--<S<e schreiben undv^vieilerholen es in Ihrer Antwort ■ l.^r " v rft. x n ' » ' t ■ ■ Y". 11 's n'V („Welt" Nr. 5): „In den hoehgesitteten Ländern, wo die Juden die politischen Rechte besitzen, da sollen sie diese mit weiser und geschmackvoller Zurückhaltung üben." Das Citat ist aber nicht vollständig; demselben folgen im Original („Welt" Nr. 50) die Worte: „Vor allen Dingen sollen sie grundsätzlich da raufverzichten, an der Handhabung der Herrschergewalt des Staates über die Unterthanen, die sich lieber Staatsbürger nennen hören, einen Antheil zu fordern, SO LANGE auch nur EINE KLEINE MINDERHEIT IHRER christlichen Landsleute an der Ausübung der Staatsgewalt durch Juden A nstoss nimm t." Mit Unterlassung des vorigen Satzes fahren Sie nun fort („Welt" Nr. 50, 190«) und Nr. 5, 1901) : „Will man ein besonders hervorragendes jüdisches Verdienst ehren, eine besonders überlegene jüdische Weisheit dem allgemeinen Interesse dienstbar machen, so lasse der betreffende Jude sich um seine Mitwirkung an der Verwaltung der Staatsangelegenheiten bitten, aber er biete sie nie an, und wenn er einwilligt, dem Staate seine Kräfte zu widmen, so geschehe es unter besonderer Betonung seines Judenthums." Ich halte es für völlig überflüssig, weiter zu betonen, dass gerade die von mir durch grosse Lettern hervorgehobenen und von Ihnen vergessenen Worte die Veranlassung zu meinem offenen Briefe gaben. Es ist nur begreiflich, dass Sie infolge der Unvollständigkeit Ihres Citates meinen Brief nicht verstanden haben. Aber dies lasse ich jetzt beiseite. Ich nehme nun die Sache, wie sie ist. Gibt es überhaupt ein Land, wo sich nicht eine kleine Minderheit antisemitischen Pöbels befindet? Wir in Holland kennen z. B. keinen officiellen Antisemitismus, aber doch gibt es Antisemiten, welche unsere Betheiligung an der öffentlichen Sache nicht lieben. Meinen Sie wirklich, dass wir uns diesem Pöbel zuliebe von dem Grossbetriebe, von der Stadt- oder Staatsverwaltung zurückziehen sollen? Nein! Würde heutzutage ein jüdischer Arzt als Director eines Spitales oder als Professor an irgendeiner Universität erwählt werden, so würde er sich als ein grosser Feigling oder als ein Narr erweisen, wenn er aus Furcht vor seinen antisemitischen Neidern sein Amt nicht anträte. Selbst wer sich aus gleicher Furcht von öffentlicher Bewerbung um eine solche Stelle (sowie auch die neuen eines politischen Amtes) ferne hält, ist demselben Urtheile unterworfen, so dass der charaktervolle Christ Grund hätte, die Judenheit in ihren besten Männern anzuklagen. Schliesslich noch eine Bemerkung: Ihr 48 Seiten langer Artikel handelt über die Volkspolitik, der Juden. In dem vorstehenden Citate wird von den hochgesitteten Ländern gesprochen, aber weiter nichts mehr. leb möchte Sie darum fragen, betreffen Ihre Zeilen nur einen philosophischen Fall, d. h. Länder, welche heutzutage nicht existieren, oder betreffen sie Amerika. England und Westeuropa? Alle diese Länder rechne ich zu den Ländern, in welchen der Jude seine politischen Rechte ausüben soll. Nun ist die Frage: Für welche Länder stimmen Sie mit mir überein? Meinen Sie dieselben Länder wie ich, in diesem Falle muss ich bemerken, dass Ihr Artikel („Welt" Nr. 50) nicht ganz klar war. Wenn Sie aber über jüdische Volkspolitik sprechen und für diese Länder Ausnahmen machen wollen, so hätten Sie die Ausnahme erwähnen sollen. Welche Länder bleiben aber dann übrig? V'oh Russland und Rumänien kann doch nicht die Rede sein, wenn man Von politischen Rechten spricht.